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Trachten#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Tracht kommt von tragen und bedeutete jede Art von Kleidung, nichts Besonderes. Den Bedeutungswandel brachte die Romantik des 19. Jahrhunderts. Ausgehend von Bayern entstanden Ende des 19. Jahrhunderts Vereine, die Trachten und Volkstänze pflegten. Bald folgten Tirol, Salzburg und Kärnten. In der NS-Zeit wurden in allen Bundesländern außer Vorarlberg Einrichtungen zur so genannten wissenschaftlichen Trachtenerneuerung geschaffen.

Leopold Schmidt beschreibt Hängetrachten, die im späten Altertum von Männern und Frauen aller Bevölkerungsschichten getragen wurden: Ein Leibrock (Tunika, Kittel) aus grobem, darunter ein Hemd (Pfaid) aus feinerem Leinen, darüber ein Umhängemantel (Fleck) aus Loden, alles ungefärbt. Der einzige Unterschied zwischen Männer- und Frauenkleidung war die Länge. Mit dem Zerfall des römischen Reichs setzte die "große Trachtenwende" ein. Während sich in den Oberschichten die Männerkleidung völlig veränderte und die körperbetonte Frauenmode durchsetzte, zeigen noch Bilder aus dem 15. Jahrhundert Bäuerinnen mit altmodischen Leibröcken.

Um 1500 ersetzte bei der Kleidung (wie in der Architektur) die Querbetonung die Höhe. Die so genannte "altdeutsche Tracht" der Männer zeigte die ständische Bedeutung der Gewandung. Nur Bürger, nie Bauern, trugen die neue Schaube, einen vorne offenen, hüftlangen Mantel. Für Bürgerinnen wurde die Haube zum Statussymbol, während Bäuerinnen noch lange bei den mittelalterlichen Kopfbedeckungen blieben. Die Kleiderordnung Ferdinand I. (1552) gab den fünf Ständen unterschiedliche Möglichkeiten. Dies drückte Machtverhältnisse aus und sollte dem Luxus Einhalt gebieten. Der untertänige Bauer und Taglöhner durfte nur Kleider aus einem unzerschnittenen Stoff billiger Sorte tragen. Dem Bauernstand wurde die sparsame Verwendung der Farben Rot und Grün gestattet.

Der große Wandel kam durch die Aufklärung (Josephinische Reformen: Einschränkung der Robot, Aufhebung der Leibeigenschaft, 1781) und den Zeitgeist der Französischen Revolution ("Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"). Um 1800 trennte sich die Mode vom "Gewand" (Tracht). Franz Lipp stellte fest, dass "zwischen 1780 und 1830 die … Regional- manchmal auch Lokaltrachten sich erst richtig entwickelten und formierten." Es war die Zeit, in der die Reiseschriftsteller ausschwärmten, um Land und Leute kennen zu lernen (z.B. Friedrich Anton Reil 1835) und die Biedermeiermaler (z.B. Ferdinand Georg Waldmüller, 1793-1865) Feste und Alltag naturalistisch darstellten. Es war aber auch schon die Zeit industriell erzeugter Textilien, vorfabrizierter Tücher und modischer Muster.

Zur Stärkung des regionalen Selbstbewusstseins präsentierte die "Volkskultur Niederösterreich", die ersten Blätter einer Trachtenmappe mit 40 Mustern. 2008 startete sie die Initiative "Wir tragen Niederösterreich", ein Jahr später 2009 wurde der erste "Dirndlgwandsonntag" mit der Einladung zum "Kirchgang in der Tracht" durchgeführt.

Quellen#

  • Annemarie Bönsch: Formengeschichte europäischer Kleidung. Wien 2001. S. 78
  • Franz C. Lipp, Elisabeth Längle, Gexi Tostmann, Franz Hubmann (Hg.): Tracht in Österreich. Wien 1984. S. 12
  • Leopold Schmidt: Volkskunde von Niederösterreich. Horn 1972. Bd. 2/S. 13f.

Redaktion: hmw