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Trattnerhof, Wien 1#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Trattnerhof
Trattnerhof
© Alfred Wolf

Die Verkehrsflächenbenennung Trattnerhof erinnert an das monumentale Zinspalais, das der Hofbuchdrucker Johann Thomas von Trattner (1717 - 1798) an Stelle des mittelalterlichen Freisingerhofs, Graben 29-29a, errichten ließ. Johann Thomas Trattner (1717-1798) war das Kind armer Eltern im damaligen Ungarn. Er wuchs bei Verwandten in Wiener Neustadt auf, die ihn zum Buchdrucker ausbilden ließen. In Wien trat er in die Offizin von Johann Peter von Ghelen ein und machte sich dann selbstständig. Er pflegte gesellschaftliche Kontakte und konnte Kaiserin Maria Theresia von seinen Ideen zur Förderung des österreichichen Buchhandels überzeugen. Zum Hofbuchdrucker ernannt, erzeugte er bald alle Schulbücher, hatte eine Druckerei mit 34 Pressen, eröffnete sieben Buchhandlungen in den Städten der Monarchie, erhielt das Schriftgießerei-Privileg und gründete seine eigene Papierfabrik. Als Erzh. Joseph nach Habsburger-Brauch einen Beruf erlernen sollte, geschah dies in der Druckerei Trattners. Als Kaiser erhob Joseph II. seinen Lehrherren in den Reichsritterstand.

1773 ersteigerte Johann Thomas Trattner den Freisingerhof auf dem Graben und fünf benachbarte Häuser. Er ließ alles demolieren und von Peter Mollner ein monumentales Gebäude errichten. Die Portale zierten Karyatiden von Tobias Kögler. Mit 14 Fensterachsen und sechs Stockwerken enthielt der alte Trattnerhof nicht nur viele Wohnungen, sondern auch 120 Geschäfte. In dieser „Stadt in der Stadt“ wohnten u.a. die Komponisten W.A. Mozart (1756-1791) und Hugo Wolf (1860-1903), die Schriftstellerin Karoline Pichler (1769-1843), Hermann Bahr (1863-1934). Für Aufsehen sorgte 1827 die Verhaftung des Raubmörfders Marschall Severin Jaroszynski während eines Festes, das er in seiner Wohnung im Trattnerhof für die Geliebte Therese Krones gegeben hatte.

1911 errichtete Rudolf Krausz (1872-1928) einen zweiteiligen Neubau, den die damals angelegte Gasse trennt. Der nüchterne Funktionalismus des Trattnerhofes wurde durch den Einsatz einer modernen Betonständerkonstruktion ermöglicht, die eine freie Einteilung der Wohnungsgrundrisse erlaubte. Auch an eine U-Bahn-Station dachte Architekt Krausz bereits bei diesem Gebäude, einem der fortschrittlichsten seiner Zeit.

Quellen#

  • Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien
  • Helga Maria Wolf: Spurensuche Wien. Rundgänge durch die Geschichte. Erfurt 2007
Redaktion: hmw