Ursprung der Thaya - Kraftplatz - Austria-Forum : Heimatlexikon

Schweiggers: Ein Kraftplatz am Ursprung der Thaya#

Diesseits und jenseits der Wasserscheide


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Rasenlabyrinth
Rasenlabyrinth bei Schweiggers.
© Eva Wrazdil

Wie sonst als mit einem Stein kennzeichnet man im Waldviertel einen bedeutenden geografischen Punkt? Gleich drei Steinblöcke stehen auf einem Bicherl, einer kleinen Erhebung, bei Schwarzenbach nahe Schweiggers, genau an jener Stelle, an der sich die Wasserströme Mitteleuropas teilen. Eine der Quellen nährt die Lainsitz, deren Wasser via Moldau und Elbe dem Fernziel Nordsee zustrebt. Das Wasser der übrigen mündet irgendwann im Schwarzen Meer, entweder über den Kamp oder mit der Thaya, die unmittelbar südlich der Wasserscheide entspringt. Und was steht an ihrer Quelle? Natürlich wieder ein Stein – was sonst? Unter einer Birke entspringt hier die „Deutsche Thaya“, anno 995 erstmals als Taja genannt – ein Name, der sich vom illyrischen Wort Dujas, rauschender Fluss, herleitet. Bei Raabs vereinigt sie sich mit der Mährischen Thaya und wird zum Grenzfluss, der seit bald 1.000 Jahren die Nachbarn Böhmen und Österreich gleichermaßen trennt und verbindet. Dass auch alle weiteren wichtigen Örtlichkeiten der Gemeinde Schweiggers säuberlich kunstvoll markiert sind, ist dem Bildhauer Willi Engelmayer zu verdanken. Seinem Heimatort widmete er eine Reihe von Werken: eine steinerne Chronik auf dem Kirchenplatz, ein Sgraffito, das die Lebensspirale darstellt, an der Hauptschule, bei der Volksschule halten die Kinder einander an der Jugendpyramide hoch, und in der Aufbahrungshalle spendet der Auferstandene den Hinterbliebenen Trost.

Meridianstein
Stationen auf dem Weg „Orte der Kraft am Ursprung der Thaya“: Meridianstein.
© Eva Wrazdil

Willi Engelmayer war Lehrer und veranstaltete Kurse zur künstlerischen Weiterbildung seiner Kollegen. Mit seiner ersten großen Arbeit 1966 setzte er sich für den Frieden ein, mit einer Gedenkstätte für die Gefallenen: „Kein Kriegerdenkmal, sondern eine Mutter mit ihrem gefallenen Sohn in lebensgroßer Darstellung.“ 1994 engagierte er sich für die Umwelt und wandte sich mit einer eindrucksvollen Aktion gegen das AKW Temelín. Er schnitzte aus einem Baumstamm ein Liebespaar, das öffentlich verbrannt wurde.

Engelmayer: „Ich wollte die Atomgefahr aufzeigen, mit diesem Abschied ohne Wiederkehr. Eine entsetzliche Sache, es verbrennt und steht am Ende nur mehr verkohlt da.“

Der Dichterin Imma von Bodmershof (1895-1982) schuf er eine Gedenkstätte aus 17 Steinen, für die 17 Silben des Haiku. Bodmershof, die ihre großen Werke im Waldviertel geschrieben hat, war Meisterin dieser hohen Form japanischer Poesie. Dem Lyriker und Trakl-Preisträger Wilhelm Szabo (1901-1986), der in jungen Jahren Lehrer in der Katastralgemeinde Siebenlinden gewesen war, setzte er zum 10. Todestag einen Gedenkstein neben der Volksschule.

Moata
Stationen auf dem Weg „Orte der Kraft am Ursprung der Thaya“: „Moata“.
© Eva Wrazdil

Am Denkmal seiner Musen huscht ein Lächeln über das Gesicht des alten Herrn: „Alle Frauen, die in meinem Leben wichtig waren, finden sich in der Nymphe Thaya wieder, in ihrer Figur, in der Frisur und im Gesicht.“ Die Summe seiner Weiblichkeit räkelt sich lasziv auf dem Geländer der ersten Brücke, die bei Schweiggers das noch bescheidene Flüsschen Thaya überspannt.

Engelmayer hat stets die schwer zu definierende Kraft des Waldviertels gespürt. Sie hat ihn mit kreativer Unruhe ausgefüllt, hat ihn zur Arbeit, zu Ideen gedrängt, und er hatte als Künstler die Möglichkeit, diese Energie gleichsam sichtbar zu machen.

Das von ihm angelegte Rasenlabyrinth zwischen Wasserscheide und Thayaquelle symbolisiert die verschlungenen Wege des Menschen auf der Suche nach einem Ziel. In diesem Fall steht ein Summstein in der Mitte des Labyrinths. Umgeben wird der Rasenweg von einem Aussichtshochstand, Steigbäumen, einem ausgehöhlten Lebensbaum und einem Glockenlauf.

Durch die Ortschaft Siebenlinden im Gemeindegebiet von Schweiggers verläuft der 15. Meridian östlich von Greenwich. An einem von Willi Engelmayer gesetzten Lochstein kann man dessen Verlauf auf einer Luftlinie von gut 20 Kilometern beobachten.

Alle diese Orte der Kraft wurden durch Wanderwege verbunden. Dabei hat man ein fast vergessenes Marterl wieder entdeckt. 1882 wurde an jener Stelle, an der eine Bauernfamilie aus Siebenlinden beim Holzfällen einen Föhrenstumpf mit dem Bild der Gottesmutter von Mariazell gefunden hatte, eine „Moata“ errichtet. In der nun neu gestalteten Kapelle ist diese Laune der Natur, eine Baumscheibe mit dem Harzbild der Madonna, zu sehen.

Thaya-Nymphe
Eine Spur von Wehmut im Blick: Willi Engelmayer und seine Thaya-Nymphe.
© Eva Wrazdil

Der Jahrtausend-Lebensturm ist in mehrfacher Hinsicht Höhepunkt dieses Rundgangs um Schweiggers. Zum einen bringt die Ersteigung des Holmberges mit seinen 738 Metern und des darauf errichteten 30 Meter hohen Turmes beinahe schon ein Gipfelsieg, der mit wunderschöner Weitsicht bis zum Schneeberg im Süden, nach Norden weit nach Tschechien und im Westen bis zum Stockzahn von Arbesbach belohnt wird. Zum anderen wird dieser Platz freiweg zum mystischen Zentrum des Waldviertels erklärt – durch eine Ausstellung, die den Besucher in selten konzentrierter Weise mit den sagenhaften Abgründen dieses geheimnisvollen Landesteiles konfrontiert.

Wandertipp: #

Unter dem Motto „Orte der Kraft am Ursprung der Thaya“ schickt man in Schweiggers den Wanderer auf den Weg, nicht ohne ihn mit einer ausgezeichneten Wanderkarte zu versehen, die ihn zuverlässig auf fünf kurzen Themenwegen zu den durchwegs „starken“ Sehenswürdigkeiten der Marktgemeinde führt.


Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung des Stocker Verlags aus dem schönen Buch:

Hannes Gans, Eva Wrazdil: Geheimnisvolles Waldviertel. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2007.

--> Bestellung des Buches (Leopold Stocker Verlag)

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