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Wachsbossierer#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Wachsbossierer
Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn. Um 1800. Anonymes Wachsrelief
© Brandstätter Verlag

Wachsbossierer (auch Wachsbildhauer) beherrschten die Kunst, durch Bossieren (bosselieren, bosseln) oder Guß aus Wachs plastische Gebilde wie Modelle für Bildhauerarbeiten und Kunstguß, künstliche Perlen, anatomische Präparate und Wachsfiguren für Devotionalien herzustellen. Das zum Bossieren benutzte Wachs war gemischt mit Terpentin, Kolophonium und Baumöl und meist mit Mennige, Zinnober oder Bolus rot gefärbt, damit es die störende Durchsichtigkeit verlor. Schon im Altertum geübt, wurde die Wachsbildnerei (Zeroplastik) seit der Renaissance und dem Barock für Genrefiguren, Bildnismedaillons und dergleichen sehr beliebt. 1603 brachte ein gewisser Wilhelm Plettey von Herford in Westfalen »drei von Wachs possierte große Bilder« nach Nürnberg, die er einige Tage lang zur Besichtigung stehen lassen durfte. Zwei Jahre später gastierte ein Ambrosius Müller in der Stadt, um »Johann Hus, Doctor Luther und Philippum Melanchthon von Wax possiert« der Bürgerschaft »umbs Gelt« anschauen zu lassen.

Wachsbossierer
Der Kopf von Stalin wird im Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds täglich einer Reinigung unterzogen. Um 1930. Photographie
© Brandstätter Verlag

Aus dem 18. Jahrhundert stammen viele, meist italienische Krippenfiguren aus Wachs, und Jahrzehnte später entstanden die ersten Wachsfigurenkabinette wie das der Madame Tussaud in London und Castans Panoptikum in Berlin mit Darstellungen geschichtlicher oder zeitgenössischer Persönlichkeiten. Die berühmt gewordene Sammlung des Doktor Spitzners, eines gebürtigen Elsässers, ein Horrorkabinett medizinischer Abnormitäten, wurde 1856 im Pariser Pavillon de la Ruche (an der heutigen Place de la République) eröffnet, und Hunderttausende von Schaulustigen holten sich dort in den nachfolgenden Jahren ihre Gänsehaut. Zu bestaunen waren vornehmlich Wachsfiguren von bizarrer Genauigkeit, wie beispielsweise die lebensgroße Figur einer Frau, die mittels Kaiserschnitt entbunden wird und an deren Hüfte sowie zwischen deren Schenkeln, gleichsam wie eine magische Erscheinung, die vier mit Manschetten versehenen Hände des Chirurgen und seines Assistenten auftauchen.

Ein anderes Glanzstück der Kollektion, war das lebensgroße Wachsmodell der berühmten siamesischen Zwillinge Baptisto und Giovanni Tocci, die Ende des 19. Jahrhunderts als Schauobjekte auf den Rummelplätzen Europas und Amerikas auftraten. Die meisten Wachsfiguren des »Musée Spitzner« wurden von den damaligen Meistern der anatomischen Modellierkunst wie etwa Charles Jumelin geschaffen.

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010

... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.