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Das Wiener Kaffeehaus#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Karrikatur: Kaffeehaus
Karikatur des österreichischen Schriftstellers Peter Altenberg. Karikatur von Bertha Czegka. 1902.
© Ch. Brandstätter Verlag

Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses begann gegen Ende des 17. Jahrhunderts und war eng mit der Türkenbelagerung verbunden.

Ausgehend von Konstantinopel waren die ersten Kaffeehäuser in Europa in Venedig (1645), London (1652), Marseille und Hamburg (1671) sowie Paris (1672) eröffnet worden; Wien folgte erst 1685 mit dem von dem Griechen Johannes Theodat (Diodato) gegründeten Kaffeehaus.

1686 erhielten 3 ehemalige Kundschafter der 2. Türkenbelagerung Wiens (1683) ebenfalls das Privileg, darunter Georg Kolschitzky (der lange Zeit fälschlich als Begründer des Wiener Kaffeehauses galt).

Das Kramersche Kaffeehaus im Schlossergassel (Verbindung vom Graben zur Goldschmiedgasse) am Graben war 1720 das erste, das auch Zeitungen auflegte - hier lagen die meisten Zeitungen und Zeitschriften Deutschlands und die wenigen bestehenden Wiener Journale auf.

1736 gab es neben weiteren so genannten "Hofbefreiten" (kaiserliches Privileg der Steuerfreiheit auf 20 Jahre) auch 19 bürgerliche Kaffeehäuser und ambulante "Wasserbrenner", die neben Rosolio (Gewürzlikör) auch Kaffee brannten und ausschenkten.

Die Erlaubnis, im Sommer Tische und Sessel vor dem Kaffeehaus aufzustellen, erhielt um 1750 erstmals der Cafetier Gianni Tarroni am Graben (von "Giannis Garten" leitet sich die Bezeichnung "Schanigarten" her). 1788 wurde von Martin Diegand mit dem ersten Wiener Konzertcafé der Grundstein für eine neue Ära gelegt: auch Künstler wie Mozart, Beethoven, Johann Lanner und Josef Strauß zählten von nun an zu Gästen in Wiener Kaffeehäusern.

Weitere berühmte Kaffeehäuser waren das Café Dommayer (gegründet 1787), das Dobner (1796), das Café Volksgarten (1818), die Casa Piccola (1830), das Griensteidl (1847), das Café Central (1860), das Landtmann (1873), das Café Museum (1899), das Prückel (1903) und das Hawelka (1938). Das zu jeder Art von Kaffee servierte Glas Wasser wurde früher unaufgefordert nachgefüllt.

Von 1803 bis 1813 wurden die Wiener Kaffesieder durch Napoleons Kontinentalsperre für den Handel mit England auf eine harte Probe gestellt. Der Zoll auf Kaffeebohnen wurde so hoch, dass diese kaum mehr leistbar waren. Als Österreich 1808 der Handelssperre beitrat, standen die Wiener Kaffeehäuser kurz vor dem Ruin. In dieser Zeit wurde ihnen allerdings erstmals gestattet, Wein und warme Speisen zu servieren. Mit dem Ende der Handelssperre wurde auch wieder Kaffee angeboten.

Sitzkassierin in Wiener Kaffeehaus
Eine Sitzkassierin in einem Wiener Kaffeehaus. Wien. Handkoloriertes Glasdiapositiv. Um 1905.
© IMAGNO/Öst. Volkshochschularchiv

Die Glanzzeit des Wiener Kaffeehauses war das Biedermeier, man begann die Kaffeehäuser luxuriös mit Spiegeln, Lustern, Plüsch und Silbergeschirr auszustatten (berühmt Neuners "Silbernes Kaffeehaus" in der Spiegelgasse). Das Kaffeehaus war zum Brennpunkt von Politik und Gesellschaft, Kunst und Literatur (Literatencafés) geworden. Es wurde geschäftlicher, privater und geselliger Treffpunkt, um dort zu reden, zu lesen (in- und ausländische Journale) oder zu spielen (Billard, Schach, Kartenspiele).

War das Kaffeehaus zunächst nur Männern vorbehalten, erhielten auch Frauen 1856 endlich Zutritt.

Gab es 1747 nur elf Konzessionen, waren es 1819 bereits 150 Kaffeehäuser (davon 25 in der Inneren Stadt), 1910 waren 1.202 Konzessionen vergeben.

Graben-Kaffee
Innenansicht des Graben Cafes in Wien I. 1912 von Josef Hoffmann entworfen und u. a. mit dem Wiener Werkstätte Stoff Krieau von Wilhelm Jonasch eingerichtet. Postkarte. 1912
© IMAGNO/Austrian Archives

Typisch für ein Wiener Kaffeehaus sind (auch heute noch) Marmortischchen, auf denen der Kaffee serviert wird, Thonetstühle, Logen, Zeitungstischchen und Details der Innenausstattung im Stil des Historismus.

Im Wiener Kaffeehaus kann man nach wie vor frühstücken, zu Mittag fünfgängig speisen oder nur einen Imbiss oder Jause nehmen, Zeitung lesen und jetzt auch im Internet surfen, man unterhält sich und wird unterhalten.

Mehr als 50 verschiedene Zubereitungsarten (Namen) haben die Wiener Kaffeesieder im Laufe der Zeit erfunden.

Je nach der Mischung mit Milch oder Obers werden zahlreiche Varianten von Kaffee angeboten: klein, groß, verlängert, kurz, jeweils schwarz oder braun; Melange mehr licht oder mehr dunkel, Schale Braun oder Schale Gold, Kapuziner (mit Milch und Schlagobers), Franziskaner (Melange licht mit Schlagobers und Schokostreusel), g´spritzt heißt mit Rum ("Fiaker") oder Cognac, und "der Maria Theresia" enthält Orangenlikör; "Einspänner" wird ein Mokka mit Schlag im Glas genannt, eine Melange mit Eidotter nennt man "Kaisermelange".

Aus einem Zusammenschluss traditioneller und innovativer Kaffeehäuser Wiens entstand 1956 der Klub der Wiener Kaffeehausbesitzer. Zu seinen wichtigsten Aufgaben zählt die Förderung kultureller Projekte in den Kaffeehäusern. Regelmäßig werden gemeinsame Weiterbildungsmaßnahmen und Exkursionen unternommen um fachliche Kenntnisse zu vertiefen und Geselligkeit zu pflegen. Er tritt als zentrale Stelle in der Öffentlichkeit auf und ist somit Ansprechpartner für alle Kaffeekulturinteressierten.

Die Wiener Kaffeehauskultur wurde 2011 wurde von der von der Österreichischen UNESCO-Kommission in das Nationale Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen! (Gemeinsam mit u.a. der Klassischen Reitkunst und Hohe Schule der Spanischen Hofreitschule, dem Wiener Ball, dem Wiener Dudler, den Ferlacher Büchsenmachern, der Bleiberger Knappenkultur, den Slowenischen Flur- und Hofnamen, der Fasnacht in Imst - Schemenlauf, dem traditionellen Salzkammergut-Vogelfang, dem burgenländischer Indigo-Handblaudruck, dem Ebenseer Glöcklerlauf)

Seit der rasanten Verbreitung des Kaffees, hat auch die wirtschaftliche Bedeutung des Genussmittels stark zugenommen. Nach Erdöl gilt Kaffee heutzutage als das zweitwertvollste Handelsprodukt, das von Entwicklungsländern exportiert wird. Die größten Abnehmerländer sind in diesem Zusammenhang Deutschland, Frankreich, die USA, Italien und Japan. Angebaut wird Kaffee in etwa 50 Ländern. Zu den zehn größten Kaffeeproduzenten gehören Brasilien, Vietnam, Indonesien, Kolumbien, Äthiopien, Peru, Indien, Honduras, Guatemala und Mexiko. Dabei werden bis zu 70 % des Kaffees in kleinbäuerlichen Betrieben hergestellt. Weltweit leben ca. 25 Millionen Menschen von der Produktion und dem Vertrieb des beliebten Heißgetränks. Zählt man deren Familien hinzu, sind etwa 100 Millionen Menschen von der Kaffeeproduktion abhängig. Da der endgültige Kaffeepreis nur einen geringen Anteil an Arbeiterlöhnen sowie eine geringe Vergütung der Plantagenbesitzer abdeckt, wird im fairen Handel versucht, die finanzielle Lage der Produzenten nachhaltig zu verbessern. Dies führt in der Regel zu höheren Preisen für den Endverbraucher, steigert jedoch die Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern. Kaffeeanbieter aus Österreich unterstützen ebenfalls den nachhaltigen Kaffeeanbau und ermöglichen sozial angemessene Arbeits- und Lebensbedingungen für die Kaffeebauern und deren Familien.

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl, S. Erkinger-Kovanda


Wirklich neu und sehr bemerkenswert in dem sehr informativen Beitrag ist unter anderem, dass das Kaffehaus fast zweihundert Jahre nur männlichen Gästen vorbehalten war, was offensichtlich auf die türkischen Ursprünge zurück zu führen ist. Den Lokaltyp "Wiener Kaffehaus" gibt es übrigens weltweit, etwa auch in Berlin. Von den berühmten Kaffeehausliteraten wurde es oft sogar scherzhaft als "Zweitwohnsitz" bezeichnet. Ein Clip würde auch eine beträchtliche Wien- und Österreichwerbung darstellen, durch die Aufnahme als Weltkulturerbe wäre er auch journalistisch in jeder Hinsicht desiderativ. Das berühmte Glas Wasser muss heute in einigen Lokalen schon extra bezahlt werden.

-- Glaubauf Karl, Freitag, 18. November 2011, 07:33