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Wiener Kleinkunstbühnen#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Kleinkunst, auch: Kabarett (französisch "cabaret"):

Bezeichnung für eine kleine Bühne und die dort gebotene Form des Unterhaltungstheaters; in der Regel eine durch Conférencen verbundene Folge von Sketches, Liedern, Parodien und Ähnlichem, in denen in literarischer oder kritisch-satirischer Form politische und gesellschaftliche Zustände glossiert werden.

Der Begriff "Kleinkunst" wurde in den 1930er Jahren bewusst eingesetzt, um sich von den reinen Amüsierbetrieben der Cabaret-Etablissements und Revue-Theater abzugrenzen.

Als Geburtsstunde des Cabarets wird im Allgemeinen der 18. November 1881 angegeben, als Rodolphe Salis am Montmartre in Paris sein "Chat noir", ein cabaret artistique, eröffnete.

Als Geburtstag des deutschsprachigen Kabaretts gilt der 18. Jänner 1901. Ernst von Wolzogen eröffnete an diesem Tag in Berlin das "Bunte Theater", besser bekannt als "Überbrettl". Dieses wiederum diente dem ersten österreichischen Kabarett als Vorbild.

Programmheft des Cabaret Nachtlicht
Umschlag zum Programmheft des Cabaret Nachtlicht. Farblithographie. Wien. 1907
IMAGNO/Austrian Archives
Am 16. November 1901 eröffnete der Autor und Theaterkritiker Felix Salten im Theater an der Wien das "Jung-Wiener Theater zum lieben Augustin", das allerdings nur wenige Vorstellungen erlebte.

Erst 1906 kam es zu einer Wiederbelebung des literarischen Kabaretts in Wien: Marc Henry, Marya Delvard und Hannes Ruch eröffneten das "Cabaret Nachtlicht"; das aber nach etwas mehr als einem Jahr schloss.

Theatersaal des Cabaret Fledermaus
Theatersaal des Cabaret Fledermaus in der Kärntnerstraße 33 das am 20. Oktober 1907 eröffnet wurde. Entworfen von Josef Hoffmann. Wien. Photographie, 1907
IMAGNO/Austrian Archives

Im Oktober 1907 wurde das Theater und Kabarett "Fledermaus" als Gesamtkunstwerk in der Kärntnerstraße eröffnet: sowohl Einrichtung als auch Bühnenausstattung dieses "Jugendstil-Kabaretts" kamen von der Wiener Werkstätte. Die künstlerische Leitung übernahm einmal mehr Marc Henry.

Mitwirkende auf und hinter der Bühne waren neben Marya Delvard u. a. Peter Altenberg, Lina Vetter-Loos, Alfred Polgar, Oscar Straus, Carl Hollitzer, Oskar Kokoschka, Roda Roda oder Egon Friedell, der später auch die künstlerische Leitung übernahm.

1913 ging das literarisches Kabarett "Fledermaus" in die Revue-Bühne "Femina" über.

Der "Simplicissimus" wurde im Oktober 1912 von Egon Dorn als Speiselokal mit Vergnügungsprogramm eröffnet (die KünstlerInnen der einzelnen Nummern wurden jeweils für einen Monat engagiert und bei großem Erfolg verlängert).

Verbunden waren die einzelnen Solonummern (Chansons, Schnellzeichner, Parodisten, Zauberkünstler u.a.) durch Conférenciers wie Richard Hutter, Paul Morgan oder Fritz Grünbaum, der in der 1906 eröffneten "Hölle" seinen Durchbruch gefeiert hatte.

In den 1920er Jahren feierten hier Fritz Grünbaum und Karl Farkas mit ihren Doppelconférencen und Kabarett-Revuen große Erfolge - der "Simpl" wurde zu einer Wiener Institution.

Programmheft des Kabarett Simpl
Programmheft des Kabarett Simpl. Wien. 1932
IMAGNO/Austrian Archives

Das österreichische Kabarett dieser Zeit zeichnete sich durch launigen, leichten Humor aus, hatte aber wenig politische Brisanz (Ausnahme: "Die Hölle"). Das politische Kabarett fasste erst in den 1930er Jahren in Wien Fuß: 1931 gründete Stella Kadmon im Souterrain des Café Prückel den "Lieben Augustin" als literarisches Cabaret.

Auch formal trat langsam eine Veränderung ein: weg vom Nummerncharakter hin zum Einakter und Mittelstück.

Weitere Kabaretts dieser Zeit waren "Die Stachelbeere" (1933-36), "Literatur am Naschmarkt" und - die politisch schärfste Kleinkunstbühne - das "ABC" (1933-38).

Hier wirkten bis 1938 u.a. Leo Aschkenazy, Franz Paul, Rudolf Steinboeck, Fritz Eckhardt, Jimmy Berg, Peter Hammerschlag, Gerhart Herrmann Mostar, Hugo F. Koenigsgarten, Hans Weigel, Cissy Kraner, Josef Meinrad, Hans Sklenka und Jura Soyfer, dessen Mittelstücke heute noch als Theaterstücke aufgeführt werden.

1938 wurden diese Kabaretts geschlossen, jüdische Autoren, Musiker, DarstellerInnen und auch ihr Publikum mussten fliehen (z.B. konnte Farkas fliehen, Grünbaum kam 1941 im KZ Dachau um).

Die Autoren und Kabarettisten gründeten in vielen Exilländern Exil-Kabaretts und -Theater: in London entstand neben dem "Blue Danube Club" (eine der bedeutendsten Exilbühnen) 1939 das "Laterndl"; Viktor Grünbaum gründete bereits im Oktober 1938 in New York die "Viennese Theatre Group"; Karl Farkas trat in den USA auf.

Wiener Werkel, Programm
Umschlag für ein Kabarett-Programm Wiener Werkel. Wien. Kreide. Um 1940
IMAGNO/Austrian Archives

Einziges Wiener Kabarett während der NS-Zeit. Gründer und Leiter war A. Müller-Reizner, der im ehemaligen Moulin Rouge eine Spielstätte fand. Die insgesamt 10 Programme waren Publikumserfolge, weil es trotz der Vorschriften des Reichspropagandaministeriums gelang, am NS-Regime Kritik zu üben. Die Texte stammten unter anderem von R. Weys, F. Paul und dem im Untergrund lebenden F. Eckhardt ("Sebastians Höllenfahrt"). Nach dem Tod von Müller-Reizner (1942) führte seine Frau C. Renz das Kabarett weiter. 1944 wurde es im Zuge der generellen Theatersperre geschlossen.

Als einziges Kabarett während der NS-Zeit hielt sich bis 1944 das "Wiener Werkel": hervorgegangen aus der "arischen Abteilung" der "Literatur am Naschmarkt" Anfang 1939, gegründet und geleitet von A. Müller-Reizner, fand das Kabarett im ehemaligen Moulin Rouge eine Spielstätte. Die insgesamt 10 Programme waren Publikumserfolge, weil es trotz der Vorschriften des Reichspropagandaministeriums gelang, am NS-Regime Kritik zu üben. Die nichtjüdischen Autoren und DarstellerInnen versuchten hier ihre Zeitkritik fortzusetzen (unter ihnen: Rudolf Weys, Franz Paul, Hugo Gottschlich, Josef Meinrad, Rolf Olsen u.a.).

Nach dem Tod von Müller-Reizner (1942) führte seine Frau C. Renz das Kabarett weiter; 1944 wurde es im Zuge der generellen Theatersperre geschlossen.

In den Nachkriegsjahren gab es eine Vielzahl von Kabarett-Gründungen. Erstmals aber nicht nur in Wien, sondern auch in Landeshauptstädten, wie Graz ("Der Igel"), Linz ("Kabarett Eulenspiegel") oder Innsbruck ("Kleines Welttheater").

Die erfolgreichste Wiener Kabarettbühne der Nachkriegszeit war "Das kleine Brettl", gegründet von Rolf Olsen. Daneben wurden der "Simpl" und "Der liebe Augustin" wiedereröffnet.

Kabarett: H. Qualtinger und G. Bronner im Programm 'Hackl im Kreuz'.
Helmut Qualtinger und Gerhard Bronner im Programm "Hackl im Kreuz",
Ch. Brandstätter Verlag, Wien

Das Nachkriegskabarett lebte von der Spannung zwischen dem Unterhaltungskabarett eines Karl Farkas und dem politischen Kabarett der Gruppe um Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger, der unter anderen Michael Kehlmann, Georg Kreisler, Louise Martini, Carl Merz, Peter Wehle angehörten.

Ab Oktober 1958 wurde ihr Programm "Glasl vor'm Aug" auch vom jungen Medium Fernsehen ausgestrahlt, erreichte damit ungeahnte Erfolge und neue Publikumsschichten.

Die erste Folge dieser Fernseh-Kabarett-Reihe, die bis zum Sommer 1959 insgesamt acht Mal ausgestrahlt wurde, enthielt bereits das Bronner-Chanson "Der Papa wird's schon richten", interpretiert von Helmut Qualtinger.

Ab 1961 wandten sich Helmut Qualtinger und Carl Merz mehr den literarischen Formen zu; mit der Satire "Der Herr Karl" schufen sie eine bittere Abrechnung mit der jüngeren österreichischen Geschichte.

In Graz entstand 1959 das Kabarett-Ensemble "der Würfel" von Kuno Knöbl; Gründungsmitglieder dieses Studenten-Kabaretts waren Dieter Gogg, Kurt Gogg, Helmut Knoll, Udo Simonitsch und Gerhard Steffen.

1961 gastierte "Der Würfel" sehr erfolgreich in Gerhard Bronners "Neuem Theater am Kärntnertor". Bronner, dem seine Kabarett-Truppe, das "namenlose Ensemble", teilweise abhanden gekommen war, engagierte daraufhin einige "Würfel"-Mitglieder an sein Haus; zusammen mit Peter Lodynski, Eva Pilz und Mirjam Dreifuss bildeten sie nun das neue "Kärntnertor-Ensemble".

1969 löste sich "Der Würfel" auf und viele Ensemblemitglieder fanden im ORF ihr Betätigungsfeld.

Anfang der 1970er Jahre wurde es still ums Kabarett: es gab zwar einige Kabarett-Ensembles, im Rundfunk gab es "Funkbrettl", im Fernsehen gab es die "Farkas-Bilanzen" und diverse Kabarett-Sendungen, aber von einer Szene kann nicht gesprochen werden.

Es fand ein Generationswechsel statt: das klassische Nummernkabarett, das sich vor allem an aktuellen, tagespolitischen Geschehnissen orientierte, wurde durch neue Formen ersetzt bzw. erweitert. Die Bandbreite reichte nun von der Rockmusik ("Schmetterlinge", die frühe "EAV") bis zu revueähnlichen Darbietungen (Topsy Küppers). Vom Tagespolitischen ging man zu grundsätzlicher Kritik an der Politik (Lukas Resetarits) über, oder man zeigte alltägliche Skurrilitäten (Otto Grünmandl). Später wies die allgemeine Tendenz in Richtung Solokabarett (Hans Peter Heinzl, Werner Schneyder, Erwin Steinhauer und andere).

Zu Beginn der 1980er Jahre setzte durch das Entstehen neuer Spielstätten (Kulisse, Kabarett Niedermair, Metropol, Spektakel und anderen) ein richtiggehender Kabarettboom ein. Junge Kabarettisten (Goetz Kaufmann, I. Stangl, Andreas Vitasek) sprengten den herkömmlichen Rahmen kabarettistischen Schaffens. Unterschiedliche künstlerische Produkte entstanden, verbunden nur durch die zunehmende Weigerung, herkömmliche politische Witze und Reflexionen auf das tagespolitische Geschehen in ihre Programme aufzunehmen (Josef Hader, Leo Lukas, Schlabarett, Thomas Maurer); anstelle der abstrakten politischen Thematik wurde der Mensch zum Mittelpunkt der kabarettistischen Betrachtung. Eine weitere Entwicklung ist in der zunehmenden Annäherung der Kabarettisten an das Medium Film zu sehen ("Indien" von Alfred Dorfer und Josef Hader, "Muttertag" von der Gruppe Schlabarett).

In den 1990ern rollte - aus Deutschland kommend - die Comedy-Welle auf die eigenständige österreichische Kabarett-Szene zu.

Quellen#


Redaktion: I. Schinnerl