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Wildern#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Wilderermarterl
Wilderermarterl vom Grimming 1920
© Willi Senft

WILDERERSCHICKSAL AM GRIMMING

Am Weg von Kulm auf den Grimming, noch unten in der Hochwaldzone, stoßen wir auf ein Marterl mit der bemerkenswerten Darstellung eines Wilderer-Dramas, das sich am 27. Juli 1920 hier abgespielt hat: „An dieser Stelle starb Johann Pürcher, vlg. Führnwein Sohn - Ob aus Not oder Leidenschaft, eine gezielte Kugel hat ihn ins Jenseits geschafft!"Dieser wohlüberlegte Text beleuchtet die Motive der Tat: allfällige soziale Spannungen, aber auch die Wildererleidenschaft, die ein Zusammenstoßen mit den Jägern nicht scheute. Allerdings soll mancher Jäger ohne Vorwarnung geschossen haben...

WILDERER-SCHLACHT VOM TRIEBENTAL

Im hintersten Triebental, in der Nähe der „Bergerhube", steht ein Gedenkstein für den Gendarmerie-Inspektor Heinrich Riegerbauer. Am Stein ist zu lesen: „Hier gefallen im Kampf mit Wilderern am 15. November 1928."Man kann sich die Situation wie in einem kitschigen Wildererfilm lebhaft vorstellen: Nebelschwaden ziehen im Talboden, Neuschnee ist gefallen. Der Gendarm hat den Wilderern aufgelauert oder sie auf frischer Tat ertappt. Er ruft „Waffen weg!" Die Wilderer schießen aber. Womöglich hat es sogar ein regelrechtes Gefecht gegeben, denn die Chronik vermerkt, daß der Todesschütze Franz Huber aus Pruggern im Ennstal ebenfalls den Tod fand...

„Schnaps und Tabak ist der Luxus, Wilderei die Lust und Sünde der Älpler."

Peter Rosegger

DAS WILDERN

Fast alle Kenner der Verhältnisse sind sich einig, daß der Erwerbstrieb beim Wildern nur ausnahmsweise die Hauptrolle gespielt hat; Ausnahme war die Notzeit nach dem I. Weltkrieg. Beim Wildern haben wir es vielmehr mit dem Überbleibsel eines hartnäckigen Anspruchs auf die Mitnutzung der Tiere des Waldes zu tun.Darüberhinaus können nur mutige und besonders gewandte Männer die Strapazen und Gefahren bewältigen. Als „schneidiger und frischer Bua" zu gelten und unbezähmbare Jagdlust waren die Hauptmotive für das Wildern. Daher wurde dieser von der Obrigkeit streng geahndete „Sport" von der Bevölkerung auch niemals als Diebstahl betrachtet.

In der Steiermark war in früheren Zeiten mit der Vorbereitung zum Wildern sogar echtes Brauchtum verbunden: Das Gießen des Kugelbedarfes für das gesamte Jahr erfolgte möglichst am Karfreitag, und der Freitag war auch der gebräuchlichste Tag für das unerlaubte Waidwerk. In den Schaft der zerlegten Kugelbüchse wurde ein geweihtes Palmkätzchen gesteckt. Nachdem der Wildschütz ins Freie getreten war, betete er entblößten Hauptes fünf Vaterunser. Gestatteten es die Umstände, so wohnte er tags zuvor einer Messe bei und betete den „Grausn-Segen". Dieser lautete: „O mein Jesus, ich glaube, daß den Teufel jederzeit ein Grausen angeht, wenn ich deinen heiligen Namen Jesu nenne; und nicht allein den Teufel, sondern alle bösen Geister, die im Himmel und auf Erden schweben, ein Grausen angeht. Dazu hilf mir Gott der Vater, Gott der Sohn und der heilige Geist. Amen."Der Wilderer stattete sein Gewehr auch zur Erhöhung der Schußfähigkeit mit Amuletten aus. Keinesfalls durfte jemand mit dem Finger in die Mündung des Laufes fahren, denn sollte da zufällig etwas Ohrenschmalz am Finger gewesen sein, dann war die Treffsicherheit dahin.

Um die Jahrhundertwende konzentrierten sich die Legenden um drei besonders berühmte Wilderer der Obersteiermark. Es waren der Ganglweber aus Aussee, der Loitzl Andrä aus der Ramsau und der Gamsurbar aus der Sölk. Sie sollen auch in der „Schwarzkunst" erfahren gewesen sein und bereiteten sich Mittel, die sie kugelfest machten, auf schauerlichste Weise. Dabei mußten eine Leiche am Friedhof freigelegt und in die Augenhöhlen des Toten Bohnen eingesetzt werden. Aus deren Keimlinge wurden dann die Zaubermittel hergestellt. Diese Geschichten klingen fast erheiternd, aber tatsächlich haben sich genügend Dramen in der Realität abgespielt.

Quellen#

  • Hilde und Willi Senft: Geheimnisvolles Salzkammergut. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2002; 2. Auflage 2003.


Redaktion: Hilde und Willi Senft