Windmühle von Retz - Austria-Forum : Heimatlexikon
Die Windmühle von Retz: Wahrzeichen und Geschichtsbuch #
Geheimnisvolle Zeichen an der Wand

"Heimatlexikon - Unser Österreich"
Wo beginnt und wo endet das Waldviertel? Im malerischen Retz verläuft die Grenze zwischen den beiden Landesteilen genau durch die Stadt. Nach Osten hin erstrecken sich die Weinberge des Retzerlandes, deren Ernte in den weitläufigen Kellern der Stadt gelagert wird. Der Boden besteht aus kompaktem Sand und ermöglicht relativ einfach das Ausgraben von unterirdischen Gängen. Man hat davon Gebrauch gemacht – in einem Ausmaß, dass man ohne Übertreibung von einer „Stadt unter der Stadt“ sprechen kann. Die ältesten Teile stammen aus der Gotik, deutlich zu erkennen an der spitz zulaufenden Decke, und stellenweise werden sie noch heute erweitert. Der Fremdenführer Heinrich Prohaska kennt den Grund für die Jahrhunderte lange Stabilität der einfachen Röhren, die großteils nicht gewölbt, also ausgemauert sind: Ein unterirdischer Wasserstrom, der aus dem Hochland im Westen herabfließt und verlässlich diesen Sand befeuchtet, wodurch die Keller in Form und die dort gelagerten Weine für den Export frisch gehalten werden.
Schon im 11. Jahrhundert war „Rezze“ Schnittpunkt zweier mittelalterlicher Handelswege. Ost- West verlief der Thayatalweg, der an dieser Stelle den Nord-Süd verlaufenden Rittsteig von Krems nach Znaim kreuzte. Auf diesen Straßen wurde Retzer Wein in die Welt hinaus geliefert. Er gelangte 1373 an die päpstliche Tafel in Avignon, erzählt Herr Prohaska, fand dort als schlanke Abwechslung zu den üppigen Weinen des Südens Gefallen, wurde aber genauso gut tausend Kilometer in den Nordosten Europas bis Litauen geliefert.
Im Westen von Retz beginnt der Wald und bedeckt das Land durchgehend vom Manhartsberg bis ins Thayatal. Wie Grenzsteine stehen dazwischen der Kalvarienberg mit seinen eindrucksvollen barocken Figuren aus der Hand von Jakob Seer, einem Eggenburger Steinmetz, und die wuchtige Windmühle, ohne die eine Stadtansicht von Retz nicht vollständig wäre.
Maria Theresia und ihr Sohn Joseph II. waren bemüht, jeden Teil ihres Reiches entsprechend mit Lebensmitteln – und daher auch mit Mühlen – zu versorgen. Für die Retzer Gegend bot sich nur die Windkraft an. Es gilt der alte Spruch, dass Retz mehr Wein als Wasser hat. Ende des 18. Jahrhunderts wurden auf 320 m Seehöhe über der Stadt zwei Windmühlen errichtet, von denen sich eine erhalten hat, da sie bereits ein Jahr nach Beendigung des Betriebes 1927 unter Denkmalschutz gestellt wurde.
1830 hatte der gelernte Müller Johann Bergmann diese Mühle gekauft. Er ließ sie zur heutigen Form einer holländischen Mühle umbauen: Auf einem steinernen Kegelstumpf liegt eine kreisrunde Schiene, auf der sich die Kappe (Dach) mit den Windflügeln in jede Windrichtung drehen lässt.
Der Name Bergmann blieb bis heute auf der Mühle. Die Tochter des letzten Müllers, Therese Bergmann, bringt ihren Besuchern die faszinierende Technik dieser noch voll betriebsfähigen Anlage nahe – ein unschätzbarer Beitrag für das Wissen um die Herkunft eines unserer elementarsten Lebensmittel.
Seit dem Bestehen der Mühle haben die dort tätigen Menschen Spuren hinterlassen: versteckte kleine Notizen, ins Holz geschnitzte Jahreszahlen oder eine komplette Buchhaltung, die mit Bleistift auf einem Pfosten notiert wurde. Therese Bergmann hat sich mit großem Eifer und dem heißen Anliegen, dass nur ja nichts verloren gehe, auf die Suche begeben und findet nach wie vor neue Botschaften aus der Vergangenheit.
Am 12. Oktober 2000 wurde die Inschrift FZ 1772 entdeckt. Diese wenigen Zeichen haben viel zu erzählen. Sie sind die Initialen des Erbauers der Mühle, Ferdinand Zinner, und das Baujahr. Der Balken, auf dem sie sich gefunden haben, gehörte zu einer Bockwindmühle, dem ersten Bauwerk auf dem Retzer Kalvarienberg.
Aus der Zeit des Umbaus stammt das Reißbrett mit Ziffern und Zeichen der Zimmerleute. Es zeigt eine geometrische Vorzeichnung und Berechnungen, die in Zoll angestellt wurden, einem Maßsystem, das sich neben Schuh und Fuß in der Windmühle erhalten hat. Bewundernswert, mit welch einfachen Mitteln ein derartiger Bau geplant werden konnte!
Die Gewichtseinheit früherer Tage war der Metzen. Benutzt wurden geeichte Holzschaffel, die nach heutigem Maß etwa 61,5 Liter oder 42 kg Weizen entsprechen. Der Kunde konnte auf die Rechtschaffenheit des Müllers bauen, denn die beiden Metzen aus 1833 bzw. 1844 tragen das behördliche Eichzeichen und, quasi als Amtssiegel, den Doppeladler.
Die Jahreszahl 1857 auf einem Holztram des Untergeschosses wurde von Johannes Tobias Bergmann nach Fertigstellung der Turmwindmühle angebracht – zu einer Zeit, als diese Form europaweit eine Hochblüte erlebte, bevor die unzuverlässige Windkraft von Dampfmaschinen, Diesel- und Elektromotoren abgelöst wurde. „Es klappert die Mühle“, heißt es im Volkslied. Das monotone Geräusch rührt vom „Rüttelwerk“ her, bei dem ein Hebel gegen das „Gosstrüherl“ schlägt. In Retz ist dieser Hebel als Hand ausgebildet, Symbol für die mühevolle Arbeit des Müllers.
Kreuz und Fisch sind christliche Zeichen. In den Katakomben von Rom benutzten die frühen Christen den Fisch als Geheimzeichen; auf dem Beutelkasten der Mühle lässt er an die biblische Brotvermehrung denken, bei der ganze Volksscharen mit sieben Brötchen und einigen Fischen gesättigt wurden – „Gib uns unser täglich Brot!“ als frommes Anliegen des Müllers in der Windmühle zu Retz.
Wandertipp: #
In Retz beginnt jede Wanderung auf dem Hauptplatz mit Blick auf Rathaus, Stadtbrunnen, Mariensäule und Sgraffitohaus. Für den 7,4 km langen Wenzelsteig verlassen wir die Stadt durch das Verderber- und Znaimertor, biegen links in die Windmühlengasse ein. Von der Windmühle aus sehen wir hinter Weingärten bereits die Kreuzigungsgruppe des Kalvarienbergs und ein Hinweisschild auf den Soldatenfriedhof. Wir folgen nun dem Weg hügelan entlang eines Föhrenwaldes bis zum „Büd’lbaum“, wo wir uns nach rechts wenden, nach ca. 600 m wieder rechts abbiegen und durch den Haidgraben zum Reiterhof „Schwarze Föhre“, einer Jausenstation, gelangen. Über den Wenzelsteig erreichen wir die Bundesstraße, überqueren diese und gehen entlang des Retzer Altbaches durch die Kaiserallee bis in die Lange Zeile. Nach einem Heurigenbesuch gelangen wir (hoffentlich!) wieder zurück auf den Hauptplatz.
Literatur:
- Therese Bergmann: Die Retzer Windmühle. Ihre Geschichte in Ziffern und Zeichen. Retz 2006 (Verlag Günther Hofer), erhältlich bei der Autorin in der Retzer Windmühle.
Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung des Stocker Verlags aus dem schönen Buch:
Hannes Gans, Eva Wrazdil: Geheimnisvolles Waldviertel. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2007.
Bestellung des Buches (Leopold Stocker Verlag)



