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Harmonie zwischen Mensch und Tier#

Almfrieden
Almfrieden

Ein guter Hirte braucht keine Peitsche, keine Schläge und kein Gebrüll. Jedes Einzeltier und die ganze Herde folgen ihm zu den Stallungen. Jede Kuh kennt ihren Namen und kennt den Hirten an dessen Gestalt und Stimme. Sie kommt zu ihm, wenn er sie ruft. Kein Tier ist scheu vor ihm. Aller Umgang mit dem Vieh geschieht still und ruhig, und die Herde folgt sichtlich mit Freude. Ja, man kann tatsächlich feststellen, daß sie ihren Hirten liebt, weil er gut und verständig mit ihr umgeht.

Durch stetes Beobachten des Tierlebens auf einer Alm erkennt der Mensch auch im Rind das Geschöpf eigener Art, Bestandteil des Welträtsels, unlösbar wie der eigene Sinn seines Daseins.

So hat ein frommer Mann, der das Almleben besonders gut kannte, folgenden Aufruf getan: „Seid gut und bleibt gut zu euren Tieren und Herden, ihr Hirten! Ihr habt mit eurem harten Älplerberuf ein Stück vom Schlüssel zum Paradies in der Hand und werdet einst hoch stehen, höher als viele Eitle und Hochgestellte!"

Die Pinzgauer sind die schönsten...#

Das ist freilich nur die ganz persönliche Meinung der beiden Autoren, denen die Rinder der Pinzgauer Rasse mit ihrer dunkel-rotbraunen, kräftigen Farbe auf den Almen eben am besten gefallen. Daß sie auch die besten Almweide-Tiere sind, soll damit natürlich nicht ausgedrückt werden.

Ja, „es gibt nichts, was es nicht gibt!" Noch vor wenigen Jahren wäre es undenkbar gewesen, aber heute grast auch schon Schwarzbuntes Niederungsvieh (Holstein-Friesen) friedlich auf unseren Almen -„wo sie doch mit ihrer Farbzeichnung gar nicht in die Landschaft passen!" Noch vor nicht allzulanger Zeit hat man den „Preißn-Kiahn" (wie die Bayern wegen ihrer schwarzweißen Farbe sagen, die auch die alten Nationalfarben Preußens sind) jede Gebirgstauglichkeit abgesprochen. Und siehe da: Unterhält man sich mit Almleuten, kann man erfahren, daß die „Schwarzbunten" besonders harte und geländetaugliche Klauen haben und auf der Alm mit den anderen Rassen durchaus mithalten können.

Es ist überhaupt schwierig, zu beurteilen, welche Rinderrassen für das rauhe Almgelände am besten geeignet wären. Jeder Bauer schwört auf seine eigene Rasse; daß sich aber das Tiroler Grauvieh oder die Pinzgauer - beides uralte Alpenrinder - auch im schwierigen Gelände wie die Gemsen bewegen, ist unbestritten. Dazu kommen noch einige Besonderheiten wie das schwarzrötliche Tux-Zillertaler Rind, die hornlosen „Jochberger Hummeln" oder gar die „Pustertaler Sprintzen", von denen es aber reinrassig je nur wenige Hundert gibt.

Da werden dann die Fleckvieh- und Braunviehhalter (beide Rassen haben den höchsten Prozentanteil in Österreich) zurecht meist böse, wenn man nur die anderen lobt, stellen diese beiden Rassen bei uns ja auch den Hauptanteil des gealpten Viehs.

„Gamsl" und „Scheckl"#

Rinder der Pinzgauer Rasse.
Rinder der Pinzgauer Rasse.

Einzelne Namen sind glücksbringend und dürfen bei einer Rinderherde nicht fehlen. Andere wieder leiten sich vom Aussehen des Tieres, vor allem von der Färbung her ab. Blumen und Tiere der Almwelt haben immer schon die meisten Anregungen gegeben. So heißen viele Kühe „Kohlrösel", „Edelweiß", „Rau-schel", aber auch „Gamsl", „Recherl", „Hirschl", „Fuchsl", „Scheckl" oder „Schatzl".

Mit dem Ruf „hedo Mo'nla" oder „hedo, meine Mondl" holte man sie herbei. Auch heute noch locken die Sennerinnen mit zärtlichem Ruf „Kuahla hedo, kimmts, meine liabn Dirndia!" Manche Kühe „rean z'ruck", ihr Muhen zeigt an, daß sie den Ruf gehört und verstanden haben.

Eine besondere und rücksichtsvolle Behandlung verlangen die Ziegen: „A Goaß muaß an jedn Tag neun g'stollene Bissn hobn", fordert eine alte Erfahrung. Die Ziegen sind ausgesprochene Feinschmecker und müssen mit großer Geduld karessiert werden. Werden sie gescholten, so nehmen sie gekränkt Reißaus und kommen dann auch nicht zum Melken heim. Wenn sie viel Milch haben und ihnen dann wohl auch die Euter schmerzen, folgen sie dem Halter schon auf einen Pfiff und kommen eilig daher.

Geschmiedete Glocken sind wertvoller als gegossene#

Besonders auf den Hochalmen in Vorarlberg und Tirol sowie in der benachbarten Schweiz trägt jede Kuh und auch das meiste Galtvieh seine Glocke, damit die Tiere bei Nebel und Schlechtwetter sowie im unübersichtlichen Gelände jederzeit gefunden werden können. Stark prägt sich das allenthalben auf den Almen zu vernehmende melodische Geläute und Gebimmel dem Besucher ein - ein nicht mehr wegzudenkender stimmungsvoller Bestandteil des Almtages.

Die Glocken für den Almabtrieb werden oft durch Generationen weitergegeben (Weißkirchen, Stmk.)
Die Glocken für den Almabtrieb werden oft durch Generationen weitergegeben (Weißkirchen, Stmk.)

Im Stall wird das Geläute abgenommen, und es ist wohl zu hoffen, daß alle Tiere normalerweise nur mit leichten Glocken versehen sind. Wichtig ist, daß jede Glocke oder Schelle einen eigenen Ton besitzt, durch den sie sich von allen anderen unterscheidet, denn nur so hat das Geläute einen Sinn. Erfahrene Almwirte berichten immer wieder von ihren Beobachtungen, daß die Tiere mit Geläute gesammelter und hingegebener weiden und offensichtlich ihre Glocken und das Geläute lieben. Die Alpung erhält dadurch wohl auch für uns Besucher der Almen eine freundliche und besonders heitere Note. Große Glocken, wie sie beim Almabtrieb oder bei Ausstellungen üblich sind, passen selbstverständlich nicht als tägliches Geläute. Sie sind auch zu unhandlich, und ihre Beschädigung wäre zu kostspielig. Außerdem schlagen sie am Unterkiefer der Tiere an und belästigen diese oder hindern sie gar am Fressen. - Die geschmiedeten Glocken haben einen anderen Klang und sind beim Aufschlagen auf Felsgestein weniger empfindlich als gegossene Glocken.

Ob Glocken den Blitz anziehen, konnte noch nicht eruiert werden, und es liegt kein Beweis vor, daß ein durch Blitz gefallenes Tier der Glocke wegen getroffen wurde.

Die älteste Almglocke dürfte die im Museum Ferdinandeum in Innsbruck gezeigte aus dem Jahre 1693 sein.

Hirtenstecken und Goaßl#

Der „Hirtenstecken" ist auch heute noch ein wichtiges Gerät zur Stütze am Steilhang und für den Viehtrieb. Seit uralten Zeiten wird dazu ein kerzengerader, 2 Meter langer Haselnußstecken am Wurzelende abgeschnitten, so daß sich eine Verdickung ergibt, in die man alles mögliche hineinschnitzen kann.

Früher gab es auch den Ringstecken, bei dem an einer eisernen Öse 7 bis 9 kleinere eiserne Ringe hingen. Durch Schlag, Wurf oder bloßes Rasseln wurden damit die Tiere geleitet, angeblich auch besänftigt.

Die Peitschen, in den österreichischen Alpenländern allgemein „Goaßln" genannt, dienen vornehmlich nur zum Schnalzen und nicht zum Züchtigen der Tiere. Bekannt sind die langen Peitschen, die beim „Aper-schnalzen", aber auch als „Begleitmusik" beim Almabtrieb eingesetzt werden. In manchen Teilen Tirols heißen sie übrigens die „Schnöller".

Diese kurzstieligen Peitschen sind 6 Meter lang und werden „gedrehte" Peitschen genannt, wenn sie aus Hanf und „gezopfte", wenn sie aus Kuh- oder Schweinsleder hergestellt werden. Den Knall erzeugt ein feines Garn oder Seidenschnürchen am Ende des Stricks.




Bilder und Text stammen aus dem Buch: "Die schönsten Almen Österreichs: Brauchtum & Natur - Erwandert und erlebt", H. und W. Senft, Leopold Stocker Verlag, 2009.