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Marie-Theres Arnbom, Gerhard Trumler: Wolfgangsee#

Bild 'Wolfgangsee'

Marie-Theres Arnbom: Wolfgangsee. Mit Fotografien von Gerhard Trumler sowie historischen und zeitgenössischen Abbildungen. Verlag Brandstätter Wien 2010. 208 Seiten, ca. 230 Abb. € 49,90

Mit seinem Format von 24 x 30 cm könnte es sich bei dem Werk um ein "Coffee Table Book" handeln, einen aufwändigen Bildband mit Landschaftsfotografien und wenig Text, das man auf einem Beistelltisch (coffee table) neben einem Sofa placiert, wo ein Gast im Buch blättern kann. Aber der Schein trügt. "Wolfgangsee" ist zwar überaus repräsentativ gestaltet, enthält aber viel aufschlussreichen Text. Wie sich darin Vergangenheit und Gegenwart berühren, lässt schon das Cover ahnen: unten nostalgisch schwarz-weiß mit Kindern, die ins Wasser springen, oberhalb des Titels See und Berge blau, im Morgennebel, wie man die Gegend heute kennt und liebt.

Die faszinierenden Fotos stammen vom Künstlerhausmitglied Gerhard Trumler. Als freischaffender Fotograf hat er mehr als 150 Bildbände veröffentlicht, Ausstellungen gestaltet, in zahlreichen Zeitungen und Magazinen publiziert. Die Textautorin Marie-Theres Arnbom ist Historikerin, Spezialistin in Sachen Großbürgertum und u.a. Intendantin eines Salzkammergut-Festivals. Zu ihren eigenen Erfahrungen und Recherchen hat sie sich der Mitarbeit von fast zwei Dutzend Herausgebern versichert und Artikel von Wolfgangsee-Prominenz wie André Heller, Peter Huemer und Miguel Herz-Kestranek eingefügt.

Arnbom wollte "Schlaglichter auf einige Orte und Persönlichkeiten (werfen), die Spuren hinterlassen haben, jedoch oft vergessen sind", schreibt sie im Vorwort des Buches, das ihre "persönliche und daher sehr subjektive Sicht des Wolfgangsees" widerspiegelt. "Die Menschen, die sich rund um den See für längere oder kürzere Zeit angesiedelt haben, stehen im Mittelpunkt." Diese Menschen sind fast nie die einheimischen, sondern die zugereisten Künstler, Industriellen, Großbürger, die am See ihre Villen bauten, sich von ihm inspirieren ließen oder das gesellschaftliche Leben pflegten.

Die Darstellung entspricht einer Reise um den ehemaligen Abersee. Sie beginnt in St. Gilgen, das sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Sommerfrische wohlhabender Familien entwickelte. Sie verbrachten die Ferien mit Haushalt und Personal, gekleidet in Dirndl und Trachtenanzug, zunächst in Hotels und Privathäusern. Ein Salzburger Fabrikant war der erste, der 1863 eine Villa im Gemeindegebiet baute, sie wurde später durch eine Mieterin namens Katharina Schratt berühmt. Kaum ein Jahrzehnt später hatte die Villen-Bautätigkeit mit der charakteristischen Architektur der Holzveranden das Ortsbild verändert. Zu den prominenten Gästen zählten u.a. Marie Ebner-Eschenbach, Theodor Billroth, Johann Strauß, Johannes Brahms und die Familie des Nobelpreisträgers Karl Frisch. Sie und ihre Beziehung zum See werden in dem Kapitel ausführlich gewürdigt, wobei historische Fotos und nostalgische Ansichtskarten im Zusammenspiel mit den Trumler-Fotos reizvoll wirken. Die Zinkenbacher Malerkolonie bildet die zweite Station.

Nach einem Besuch bei Frieda Koritschoner und ihrem Salon - "Julius und Frieda Koritschoner können als Skandalpaar des Wolfgangsees gelten" - kommt man nach Strobl, das "Strandbad Bad Ischls". Hier bauten Industrielle herrschaftliche Landhäuser, schrieb Hugo von Hofmannsthal einen Prolog für das Feuerwehrfest, ließen die Reichen und Schönen einen Golfplatz anlegen, den sogar der Herzog von Windsor häufig frequentierte. Der nächste Ort, St. Wolfgang steht für "Pilger, Literaten und das Weiße Rössl", mit dem sich das Kapitel besonders intensiv auseinandersetzt. Der "Ferienhort in Ried" entstand 1911 auf Initiative des Wiener Laryngologen Leopold Schrötter-Kristelli. Er hatte nicht nur so prominente Patienten wie Anton Bruckner, sondern auch soziale Ambitionen. Nach einer Lungenheilanstalt in Alland sollte nun am Wolfgangsee ein Erholungsheim für bis zu 600 bedürftige Gymnasiasten entstehen. Wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg eröffnet, wurden im Krieg Marineschüler im Hort einquartiert, den dann 1938 die Nationalsozialistische Volksfürsorge und nach dem Zweiten Weltkrieg US-Truppen verwendeten. 120 Jahre nach der Gründung bietet der Verein heute Schülern aus aller Welt zwischen 9 und 18 Jahren vielseitige Feriencamps.

Das nächste Kapitel ist "Technische Innovationen" übertitelt. Die ersten Dampfschiffe fuhren zwar auf dem Traunsee und Mondsee, im Weltausstellungsjahr 1873 bekam auch der Wolfgangsee seinen Raddampfer, genannt "Franz Josef I.". 1890 begann zwischen Salzburg und Bad Ischl der Bau der viel besungenen "lieben kleinen Eisenbahn", an deren Eröffnungsfahrt der Kaiser im Salonwaggon teilnahm. Sie fuhr bis 1957, ehe sie Postautobusse ablösten. 1893 fuhr der erste Zug der Schafbergbahn, die als steilste Zahnradbahn Österreichs und eine der ältesten der Welt bis heute verkehrt. Zuvor hatte sich in St. Wolfgang eine Berufsvereinigung der Sesselträger etabliert, deren 20 bis 30 Mitglieder die Fremden auf die Schafbergalpe schleppten. In den 1920er-Jahren konnte man St. Wolfgang von Wien aus in 1 ½ Stunden mit dem (Wasser-)Flugzeug erreichen. Nach 15 Flügen mit 23 Passagieren wurde nach einem Unfall der Betrieb bald wieder eingestellt. Seit 1957 fährt eine Seilbahn auf das Zwölferhorn. Sie überwindet 900 m Höhendifferenz in 16 Minuten, "für die Erbauungszeit eine wahre Pionierleistung."

Naturgemäß spielt der Sport am Wasser eine große Rolle: Rudern, Segeln, Wasserschi - 1955 ein mondänes Hobby - Tennis und Schwimmen. Auch Spazierengehen und Bergsteigen waren und sind ein klassischer Zeitvertreib in der Sommerfrische. Doch wurde hier auch Politik gemacht. Bundeskanzler Kurt Schuschnigg verbrachte, ebenso wie einige seiner Minister, Sommerurlaube in St. Gilgen. Daraus entstand 1936 die "St. Gilgener Hochzeit" als politische Demonstration. Das Fest sollte die österreichische Identität im Gegensatz zur deutschen, hiesige ländliche Traditionen, Eigenart und Unabhängigkeit vor Augen führen. Für ein unbemitteltes Brautpaar wurde eine "Bauernhochzeit" inszeniert, die sich der reichste Bauer damals nicht hätte leisten können. Als Trauzeugen fungierten der Bundeskanzler und der Unterrichtsminister. Nach diesem publikumswirksamen Erfolg fanden im Wiener Konzerthaus zwei "St. Gilgener Kirtage" mit Trachtenmodeschauen ("Tyrolienne-Mode" genannt) statt. Inzwischen schrieb man 1938. Österreich und das Österreichische existierten nicht mehr lange.

"Die Enteignungen jüdischen Besitzes wurden im Salzkammergut mit erschreckender Akkuratesse und menschenverachtenden Methoden durchgeführt. … Etwa 250 Villen wurden enteignet … Auch der (etwaige) Aufenthalt jüdischer Kurgäste wurde strikten Regeln unterworfen, " schreibt Arnbom, die schon anfangs eine Anordnung der Salzburger Polizeidirektion zitiert hatte: "Juden ist das öffentliche Tragen von alpenländischen Trachten, wie Lederhosen, Joppen, Dirndlkleidern, weißen Wadenstutzen usw. verboten." Dennoch klingt das Buch eher idyllisch aus, vom Filmboom der 60er-Jahre ist die Rede - "Wie Waltraud Haas ihre eigene Hochzeit vermarktete" -, vom Fremdenverkehr nach 1945, als das Salzkammergut zu einem Lieblingsziel deutscher Touristen wurde. Während die einen mit dem neuen Volkswagen auf eher bescheidene Campingplätze fuhren, wovon nahezu typische Bilder Zeugnis geben, entwickelte sich St. Wolfgang für die Schickeria zum "St. Tropez am Wolfgangsee". Das Schlusskapitel "Wolfgangsee heute" bringt andere Fotos: eine riesige Laterne des Wolfgangseer Advents auf dem See spiegelt sich in den Wellen. Sie verdeckt gnädig einige Appartementhäuser und scheint auch die Kirche in ihren Schatten zu stellen. Ein an einem Freiluftballon schwebendes Klavier ist zum Markenzeichen des seit 1997 stattfindenden Boogie-Woogie-Festivals geworden und schließlich zeigt eine Momentaufnahme eine Bühne mit Kindern in Dirndl, Jeans und modischen Kleidern. Sie stammt vom 2004 etablierten Kindermusikfestival St. Gilgen, dessen Intendantin Marie-Theres Arnbom ist.