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Peter Autengruber: Lexikon der Wiener Straßennnamen#

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Peter Autengruber: Lexikon der Wiener Straßennamen. Bedeutung, herkunft, frühere Bezeichnungen. Pichler Verlag Wien, Graz, Klagenfurt 2010. 328 S., 16 Bildtafeln, zahlr. Abb. € 19,95

Das Standardwerk bietet interessante Lektüre für alle, die mehr über die Bezeichnung der Wiener Verkehrsflächen wissen wollen. Denn die Namen der Straßen, Gassen, Plätze, Wege, Alleen, Brücken und Stege verraten viel über die Geschichte, aber auch über Lobbying im öffentlichen Raum. Durch die Stadterweiterung entstehen neue Straßennamen - allein in den letzten drei Jahren waren es 158. Dennoch gibt es mehr Wünsche nach Benennungen als neue Verkehrsflächen, dann weicht man oft auf Parks und Stiegen aus.

Das erste "Lexikon der Wiener Straßennamen" des Historikers Peter Autengruber erschien 1995 als schmales Bändchen der Perlen-Reihe. Seit kurzem liegt die 7. bearbeitete, aktualisierte und erweiterte Auflage vor. Gegenüber den vorhergehenden ist das Buch schlanker im Format, aber stärker in der Seitenanzahl geworden. Eigentlich sollte man es immer bei sich tragen, um zwischen Abbegasse (Unternehmer) und Zypressenweg (Baumart) zu erfahrten, wie es zu der Benennung gekommen ist. Mit Stichtag 1. Juli 2010 umfasste das Verkehrsflächennetz 6569 Namen, die mit kurzen Beschreibungen und teilweise Bildern der verewigten Personen im Lexikon der Wiener Straßennamen zu finden sind.

Die Einleitung, die ebenfalls an Umfang zugelegt hat, bringt interessantes Hintergrundwissen. Grundsätzlich kann jeder einen Antrag für eine Verkehrsflächenbenennung stellen, bei Personen erfolgt diese frühestens ein Jahr nach dem Tod. Häufig steht sie im Zusammenhang mit der Wirkensstätte der Geehrten, wie der Karajanplatz bei der Staatsoper. Bis ins 19. Jahrhunderts bildeten Benennungen nach Personen eher die Ausnahme, meist war der räumliche Bezug (Grund- und Flurnamen, Hauszeichen, markante Gebäude) ausschlaggebend. Dies änderte sich in den 1860er-Jahren mit der Wertschätzung des Einzelnen, sodass der Autor von Heldenverehrung und Personenkult spricht: "Damit war die Voraussetzung für Lobbying im öffentlichen Raum geschaffen." An einflussreichen Interessengruppen nennt er politische Parteien, Interessensvertretungen, die katholische Kirche und Firmen. Es wird deutlich, dass es bei Verkehrsflächenbenennungen um mehr als Orientierungshilfe geht. Sie sind auch Ausdruck politischer Machtverhältnisse. Davon zeugt nicht zuletzt die große Rückbenennungwelle nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem die Nationalsozialisten das Verkehrsflächennetz "judenrein" gemacht hatten. Mehr als 100 Straßen, Gassen und Plätze wurden nach 1945 umbenannt.

Peter Autengruber hat statistisch zusammengefasst, an wen oder was die Namen erinnern, z.B. 276 an kriegerische Ereignisse vor dem Zweiten Weltkrieg, 82 Verkehrsflächen wurden nach Widerstandskämpfern benannt, 78 sind Gewässernamen, 58 Riednamen, 300 Flurnamen , 72 Tiernamen, 226 botanische Namen. Eine Besonderheit ist der Brauch, ganze Viertel thematisch zu bennnen. Den Anfang machte 1912 das Nibelungenviertel im 15. Bezirk. Die Stadterweiterung der Nachkriegszeit brachte u.a. ein Edelsteinviertel in Floridsdorf, ein Blumenviertel in Hirschstetten und ein Opernviertel in Inzersdorf. Zuletzt wurden 2006 in Stammersdorf Sportjournalisten "angesiedelt".

Doch die Geschichte der Orientierungsnummern geht noch weiter zurück. Hier geben vor allem die Farbtafeln mit fotografierten Beispielen und Erläuterungen Aufschluss: Die erste generelle Nummerierung der Häuser in der Stadt und in den Vorstädten erfolgte 1770 und diente vor allem der Rekrutierung. Häuser, nicht aber Baulücken, erhielten Conscriptionsnummern. Kamen viele Neubauten dazu, wurde umnummeriert. Systematische Straßennamen und Hausnummern kamen erst der Eingemeindung der Vorstädte (1850) auf. Die gassenweise Nummerierung wurde erst 1862 beschlossen, seit damals gibt es Straßentafeln. Die ursprünglichen waren rechteckig für Radialstraßen (vom Stephansplatz ausgehende Längsstraßen) und oval für die Quergassen. Die weißen Zinkgusstafeln hatten (meist) schwarze Fraktur-Schrift, der Rand war je nach Bezirk (1-9) unterschiedlich gefärbt. Nach der Eingemeindung der Vororte (1890/92) erweiterte man das System auf die neuen Bezirke, die alle Tafeln mit roten Rändern erhielten. Seit 1923 werden die bis heute üblichen dunkelblau emaillierten Schilder mit weißer Mediävalschrift angebracht, seit 1993 gibt es Erläuterungstafeln dazu.

Informationen über "Stadterweiterung und Bezirksgrenzen", der Gemeinderatsbeschluss über Orientierungsnummern, die neue Rechtschreibung bei Straßennamen, eine Konkordanzliste (frühere Bezeichnungen und ihre heutige Entsprechung) und ein Literaturverzeichnis runden das Werk ab.


Über ein derartiges Lexicon sollten zumindest alle größeren Städte in Österreich verfügen, wobei die Initiative dazu durchaus von den jeweiligen Stadtverwaltungen ausgehen müsste.

--Glaubauf Karl, Freitag, 3. September 2010, 21:36