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Helmut Birkhan: Magie im Mittelalter#

Bild 'Magie'

Helmut Birkhan: Magie im Mittelalter. Verlag C. H. Beck München 2010. 205 S. € 12,95

Helmut Birkhan, einem breiten Publikum durch seine Standardwerke über die Kelten bekannt, hat als em. Univ. Prof. für Ältere deutsche Sprache und Literatur intensiv über die Magie und ihre gesellschaftliche Bedeutung im Mittelalter und der frühen Neuzeit geforscht. In diesem Taschenbuch fasst er wichtige Quellen und Erkenntnisse ebenso fundiert wie leicht lesbar zusammen.
Er beginnt mit der Begriffsbestimmung von Magie, einer Form der Naturbeherrschung und Weltaneignung, die sich vom naiven Alltagsbewusstsein, der wissenschaftlichen Praxis und der Religion unterscheidet. "Für die Theologie ist Magie heute praktizierter Aberglaube. Im Mittelalter hingegen hatte das Wort 'magia' einen viel weiteren Bedeutungsumfang und konnte die Naturwissenschaften mit umfassen."

Die im 2. Kapitel beschriebenen, der Magie zugrundeliegenden sieben Denkmuster "wirken ansatzweise zu allen Zeiten", wie der Forscher mit einer Fülle historischer und aktueller Beispiele belegt. "Der unzulässig hergestellte Kausalzusammenhang" findet sich etwa in der Meinung, es brächte Unglück, bestimmte Theaterstücke zu spielen, wie "Hoffmanns Erzählungen" . Bei der Aufführung der Oper brach 1881 im Wiener Ringtheater ein Brand aus, der offiziell 384 Tote forderte. "Die 'Beseelung' des Nicht-Beseelten" kennt man beispielweise beim Glücksspiel, wo die Chancen bekanntlich 50:50 stehen. Dennoch warfen Spieler dem Zufall Ungerechtigkeit vor oder "bestraften" den Würfel. Aus der populären Heilkunde bestens bekannt ist "die Wirkung der Ähnlichkeit" (similia similibus). Die Signaturenlehre der mittelalterlichen Medizin meinte, dass die Walnuss wegen ihres Aussehens gut für das Gehirn sei. Ähnlichkeitsmagie im Hinblick auf die Mondphasen praktizierten Germanen wie Römer bei der Terminwahl ihrer Schlachten (Siegen heißt zunehmen). Heute wird sie friedlicher angewendet, vom Gartenbau bis zum Friseur- oder Arztbesuch. Das vierte Prinzip - "Wie einst so jetzt" - findet sich in den Merseburger Zaubersprüchen (vor 750), später u.a. in christlichen Blutsegen. Sie stellen die Analogie von den Wunden Christi zur erwünschten Wundheilung her. Die "gewisse Vorbestimmbarkeit des Künftigen" ist bis heute jedem geläufig. Stichworte: Astrologie, Bleigießen, Handlesen, Kartenaufschlagen ... Die "Orendische Kraft" liegt dem Kult der Reliquien zu Grunde, wobei der Besucher hofft, dass er bei deren Berührung Anteil an der Kraft der verehrten Person erhält. Schließlich findet sich der alte Glaube an die Macht des Zeichens oder Wortes in Zaubersprüchen, Flüchen, Segen oder Alltagsbräuchen, wie beim Wunsch "Toi-toi-toi" (anstelle des Anspuckens gegen das "Verschreien").

Erstaunliches liest man im Hauptkapitel über die "wissenschaftliche Magie", zu welcher der Autor auch die Taschenspielerkunst zählt: Belege für das berüchtigte "Hütchenspiel" fand er schon bei Walther von der Vogelweide um 1200. Das "magische Quadrat" dessen Zahlen die selben Kolonnen- und Diagonalsummen ergeben, bildete u.a. Albrecht Dürer auf seiner "Melancholie" (1514) ab. Ein Grafitto des magischen Palindomsatzes "Sator arepo tenet opera rotas" fand man auf den Ruinen der 79 n. Chr. nach einem Vulkanausbruch untergegangenen römischen Stadt Herculaneum. Die "magia mechanica" drückte sich in der Vorstellung wundersamer Automaten aus. Dazu zählen Brunnen, aus denen Wein statt Wasser fließt ebenso wie künstliche Köpfe zu Wahrsagezwecken. Die "natürliche Magie", der oft Experimente zugrunde lagen, umfasste Alchemie, Medizin, Pharmazie, die Lehre von den Drachen, Mineralogie und Gartenbau. Auch die "Teuflische Magie" zählte zur "wissenschaftlichen". Mit Gottes Hilfe sollten Dämonen herbeigerufen und zu bestimmten Werken gezwungen werden. Die heute getroffene Unterscheidung in "weiße" (heilende, helfende) und "schwarze" Magie, die das Böse will, machte man in historischer Zeit nicht. Auch die "weiße" war eine Art der teuflischen Magie: Der Schwarzmagier verhandelte mit den Dämonen, der Weißmagier beherrschte sie. 1276 befand Papst Innozenz V., dass jeder Umgang mit Dämonen sündhaft sei, weil deren Unterstützung letztlich doch einen Pakt mit ihnen voraussetze. Lehrbücher für magische Praktiken erschienen vermehrt gegen Ende des Mittelalters und in der frühen Neuzeit, wobei der biblische Moses und der weise König Salomon als Anherren des Wissens galten. Seltener waren Publikationen, die vor diesen Praktiken warnen und aufklären wollten. Darunter fallen die populärwissenschaftlichen Schriften des Kulturwissenschaftlers und Arztes Johannes Hartlieb (1400-1468), die sich auch der Handlesekunst widmeten. "Da diese Art der Magie auch heute noch in vollem Schwang ist, hat Hartliebs Buch nichts an Aktualität verloren", stellt Helmut Birkhan fest.

Das vierte große Kapitel widmet er der "Magie im Volksglauben", der nicht-gelehrten Alltagsmagie, als deren Vermittler nicht selten der Klerus wirkte. Der umfassendste Katalog magischer Handlungen aus dem deutschen Mittelalter stammt vom Bozener Patrizier Hans Vintler. Sein Werk "Blumen der Tugend" entstand vor 1411 als Bearbeitung und Erweiterung der Exempelsammlung eines italienischen Benediktiners über Tugenden und Laster. Vintlers Text besteht aus mehr als 10.000 Versen, von denen 373 abergläubischen Vorstellungen gewidmet sind. Der Grazer Jurist Fritz Byloff verfasste zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Dissertation über das Crimen magiae. Ihm folgend erstellte Birkhan seine "Typologie von Volksglauben und Magie": Dämonengestalten, Opfer, Mantik, Jagdzauber, Fruchtbarkeitszauber, Verwandeln und unsichtbar machen, Liebes- und Potenzzauber, Wetterzauber, Heil- und Krankheitszauber, Schad- und Abwehrzauber, Glückszauber, Gespensterzauber, Nachtfahrten. Hier findet sich vieles, was aus der Volkskunde bekannt ist, die aber heute oft andere Erklärungen anbietet als die hier referierten Kontinuitätstheorien der Germanistik. Abschließend beschäftigt sich das Buch mit der "Zunahme der Magie im Spätmittelalter", mit Ketzern und Templern, Judenverfolgungen und dem Hexenwahn.

Das Feld der Magie ist unendlich weit, denkt man etwa an das 10-bändige Standardwerk "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" (HDA), das auf der Grundlage von 1,5 Millionen Karteikarten zwischen 1927 und 1942 erschien. Im Vorwort zum 1986 erschienenen Reprint heißt es: "… Aberglaube im 20. Jahrhundert ist längst nicht mehr nur das, was das HDA uns auf Tausenden von Spalten vorzustellen versucht, (… und nicht nur) jener kleine Aberglaube, die Magie des Alltags…" Die Geheimlehren der Esoterik sind inzwischen Allgemeingut geworden. Man spricht von "alternativer Spiritualität", bei der Elemente christlichen Denkens ganz selbstverständlich und individuell mit anderen Vorstellungen verwoben werden. Das Feld der Magie hat keine festen Grenzen. Magische Praktiken, wie sie die Bücher des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit lehren wollten, "sind heute im Buchhandel und Internet im Umlauf, nicht selten von Personen und Gruppen herausgebracht, zu deren Hauptanliegen nicht das der nüchternen Philologie zählt," schreibt Helmut Birkhan. Es ist sein großes Verdienst, trotz der Umfangbeschränkung einer Taschenbuchreihe einen inhaltsreichen Überblick zu geben, der sich noch dazu spannend liest.