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Christian Brandstätter (Hg.): Die Welt von gestern in Farbe. Wien #

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Christian Brandstätter (Hg.): Die Welt von gestern in Farbe. Wien. Brandstätter Verlag Wien 2008. 224 S. mit 312 Farbabb. € 39,90

Historische Fotos kennt man üblicherweise in schwarz-weiß oder in vergilbten Sepia-Tönen. Nun aber kann man "Die Welt von gestern" in farbigen Fotografien erleben. Grund dieser erfreulichen Tatsache ist ein Schatz, der im Österreichischen Volkshochschularchiv gehoben und wissenschaftlich aufgearbeitet wurde. Es handelt sich um rund 60.000 bestens erhaltene kolorierte Dias, den weltweit wohl umfassendsten Bestand dieser Art.

Die 1897 gegründete Wiener Urania wollte ihre Vorträge für das Publikum attraktiv machen - tatsächlich steigerte der Einsatz von Lichtbildern die Zuschauerzahl um das Doppelte bis Dreifache. Als "Anschauungsmittel für Unterricht und Volksbildung" diente das "Skioptikon", ein behäbiger, mit Starkstrom betriebener Projektionsapparat. Die Bilder waren quadratische Glas-Diapositive mit 8,5 cm Seitenlänge. Da die Farbfotografie noch lange nicht erfunden war, ließ man sie handkolorieren. Das erste der 1872 in Amerika erfundenen Geräte kam 1885 nach Wien. 1911 hatte die Urania bereits 500 Skioptikon-Lichtbildervorträge im Repertoire, deren Zahl sich in der 1. Republik fast verdoppelte. Die Themen umfassten Geschichte, Geographie, Heimat- und Volkskunde, Kunst, Biologie, Medizin, Physik und Technik.

Nachdem der Schatz gehoben war, begann der für seine qualitätvollen Fotobände bekannte Christian Brandstätter-Verlag mit der Edition der Kunstbuch-Serie "Die Welt von gestern in Farbe". Zum ersten Band, Wien, hat der Verleger und Herausgeber das Einleitungskapitel verfasst, Beiträge der Historiker Gerald Piffl und Christian H. Stifter bilden den Abschluss. Dazwischen entfaltet sich die Reichshaupt- und Residenzstadt im Spiegel der Glas-Diapositive, die von um Authentizität bemühlten Künstlern handkoloriert wurden. Wien präsentiert sich als jene farbenfrohe Metropole, als die sie die Literaten der Jahrhundertwende schildern: Rote Ziegel- und grün patinierte Kupferdächer, Uniformen, Mode, Trachten der verschiedenen Volksgruppen und Wanderhändler vermitteln ein ungewohntes Bild von Alt- und auch Neu-Wien, das sich damals in seiner größten Umgestaltungsphase befand.

Die Auswahl ist geographisch gegliedert und zur Orientierung mit Plänen aus dem Jahr 1891 ergänzt. Prominent beginnt sie mit der Inneren Stadt, Panoramen, wie vom Oberen Belvedere bieten den ersten Überblick. Bilder der Dachlandschaft rund um den Stephansdom und von dessen Innerem haben inzwischen dokumentarischen Wert. Die Trauerfeier Kaiser Franz Josephs bildet das Kontrastprogramm zum alltäglichen Markt- und Straßenleben. Aus der Distanz eines Jahrhunderts sind die Werbeaufschriften interessant, die man anno dazumal nicht gerade dezent einsetzte. Die Hochkultur hinterließ fotografische Spuren in Form von Denkmälern, Theatern und Sehenswürdigkeiten. Besonders attraktiv wirkt der Stadtumgang in Farbe, nicht nur wegen der Teilnahme des Kaisers, sondern auch wegen der goldbetressten Parade-Uniformen, wobei sogar das Pantherfell der Leibgardisten minutiös ausgemalt wurde.

Die weiteren Sujets sind den Vorstädten und Vororten zugeordnet. Breiten Raum nimmt in der Darstellung der Leopoldstadt der Prater ein. Fast fremd wirken die bekannten Wurstelprater-Bilder des Juristen und Amateur-Fotografen Emil Mayer (um 1905 - 1910), wenn die Zaungäste bunte Kleider oder die Musikerinnen der Damenkapelle rote Schärpen tragen. "Jenseits der Donau" predigt der braungebrannte Naturapostel Florian Berndl seinen Anhängern in weißen Shorts, während sich die Badegäste im Gänsehäufel mit rosarotem Sand bedecken. "Am Donaukanal" waren um 1905 die reich beladenen Apfelplätten aus Oberösterreich ein vertrautes Bild. In Nussdorf ragen 1910 etliche Fabriks-Schornsteine empor. In der Station Schottenring steht ein dampfender Stadtbahnzug. Seltenheitswert hat der Blick auf die Schleuse bei Otto Wagners Schützenhaus. Das alte Dianabad und der Tandelmarkt wecken nostalgische Gefühle. Ein Leuchtturm am Praterspitz und die elektrische Pressburger-Bahn verweisen hingegen auf die Verkehrsmittel einer neuen Zeit.

"In Alt-Erdberg" kann man das vorstädtische Leben - mit ebenerdigen Gebäuden, Bierhaus, Pferdefleischhauer und barfüßigen Kindern - studieren. Ergänzt wird die vermeintliche Idylle mit "Wiener Typen", wie sie der Fotograf Otto Schmidt in seinem Atelier nachstellte. Die "Vorstädte zwischen Ringstraße und Gürtel" vermitteln ein ambivalentes Bild: Naschmarktleben, Geschäftsstraßen und noble Cafehäuser sind ebenso vertreten wie die "Quartiere des Elends und Verbrechens" der Unterstandslosen im Wienflusskanal. Simmering wird durch den Zentralfriedhof und das Städtische Gaswerk charakterisiert. Der Weg "Vom Laaerberg zur Spinnerin am Kreuz" führt u.a. am Arsenal und am Südbahnhof vorbei. "Im Lainzer Tiergarten und im Schloss Schönbrunn" wird es naturgemäß feudal. "Von Penzing über Ottakring nach Hernals" kommt man am Neubau des Technischen Museums vorbei, besucht die Restauration Knödelhütte und das berühmte Wirtshaus "Zur blauen Flasche" - ein Geschäftszeichen, das im kolorierten Dia seinem Namen alle Ehre macht. Die Wien-Exkursion endet in den Weinorten rund um den Kahlen- und Leopoldsberg, samt dem legendenumwobenen Agnesbrünnl, Heurigengästen und -musikanten.

Es muss keine leichte, aber eine faszinierende Aufgabe gewesen sein, aus dem schier unerschöpflichen Fundus eine repräsenative Auswahl von 300 Motiven zu treffen. Der bunte Mix ist gelungen und die Bilder erzählen Geschichte(n). Der Wien-Band erreichte in kurzer Zeit eine 2. Auflage. Weitere Titel der Reihe beschäftigen sich mit Niederösterreich, Salzburg, der Steiermark, den Alpen, Bayern und Venedig.