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Karl Brunner: Leopold der Heilige#

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Karl Brunner: Leopold der Heilige. Ein Portrait aus dem Frühling des Mittelalters. Verlag Böhlau Wien, Köln, Weimar 2009. 251 S., 38 Abb. € 24,90

Der Babenberger Markgraf Leopold III. (1095–1136), im Jahr 1485 heilig gesprochen, war einer der bedeutendsten Fürsten des frühen Hochmittelalters. Wie bei den Lebensgeschichten von Herrschern und Heiligen üblich, vermischen sich Propaganda, Dichtung und Wahrheit, Leben und Legende, reale Person und historische Figur, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit. Eine wissenschaftliche Arbeit erschien zuletzt vor einem Vierteljahrhundert, zur 500-Jahr-Feier der Heiligsprechung. Verfasser war der Altmeister der österreichischen Geschichtsforschung, der Klosterneuburger Chorherr Floridus Röhrig. Nun hat der Historiker Karl Brunner, Professor für Geschichte an der Universität Wien und Direktor des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, die alten Quellen neu gelesen. Aus vielen Mosaiksteinen setzte er ein neues Bild zusammen - nicht nur des Titelhelden, sondern der Anfänge Österreichs im „Frühling des Mittelalters".

Doch der Historiker muss sich zurücknehmen, "die Quellen geben für ein Urteil nicht viel her". Mit aller Vorsicht bescheinigt Karl Brunner dem Markgrafen ein unbestreitbares organisatorisches Talent. In seiner Klosterpolitik setzte Leopold auf die unterschiedlichen Methoden der Orden, der traditionellen Benediktiner, der gebildeten Chorherren und der radikalen Kolonisatoren der Zisterzienser. Leopold erscheint als Fürst, der seine Macht ohne Bedenken ausübte, jedoch seine Mannschaft zu motivieren verstand. Der viel zitierte Friedenswille des Heiligen entsprach seinem Streben, nachhhaltige Konfliktlösungen zu finden und der realistischen Einschätzung seiner Möglichkeiten und Grenzen. Kompromisse zeigten Weitsicht und Mut. Leopold gehörte zu den Spitzen des Reiches. Als man den Fünfzigjährigen 1125 als einen von drei Kandidaten zur Königswahl vorschlug, hatte er genug Augenmaß, um seine Kandidatur nicht nur zeremoniell, sondern auch publikumswirksam abzulehnen. Die Begründungen bezüglich des Alters und die große Zahl seiner Söhne waren geschickt gewählt und konnten niemanden beleidigen.

Die Lektüre leitet an, sich in völlig fremde Muster von Gesellschaft, Politik und Persönlichkeit hineinzudenken. Klöster waren Schatzhäuser des Wissens, verwalteten den Gnadenschatz der Kirche und fungierten als Wirtschaftszentren. Leopold gilt als der Klostergründer schlechthin. Wirklich auf ihn zurück geht aber nur eine Gründung, nämlich das Fürstenstift Klosterneuburg. Eine zweite, das Zisterzienserkloster Heiligenkreuz, hat er auf Rat seines Sohnes Otto eingerichtet. "Gründer" hießen im Mittelalter nicht nur die eigentlichen Klosterstifter, sondern auch die Sponsoren. So relativiert sich die moderne Fragestellung, ob Leopold wirklich der Gründer eines Klosters gewesen sei.

Eine Generation nach seinem Tod entstand in Klosterneuburg eine erste Gründungsgeschichte, zugleich am Sterbetag eine großzügige Spende für die Armen der Umgebung. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts verdichten sich die Belege eines Kultes um die Grabstätte. Immer mehr, und prominente, Pilger kamen, wie das lange kinderlose Herzogspaar Albrecht II. und Johanna von Pfirt. Albrecht und sein Erstgeborener, Rudolf IV, der Stifter, förderten die Idee einer Heiligsprechung Leopolds. In der Folge wurden Wunderberichte geschrieben, die Schleierlegende in Umlauf gebracht, monumentale Stifterfiguren für die Kirche angefertigt. Doch erst am Dreikönigstag 1485 verkündete der Papst die Kanonisation. Das konfessionelle Zeitalter forcierte den Kult des neuen Heiligen. Der Habsburger Kaiser Leopold I. erkor seinen Namenspatron 1663 zum Schutzherren des ganzen Landes. Bis ins 20. Jahrhundert blieb der Markgraf eine politische Galionsfigur. 1905 errichtete man ihm in Floridsdorf (als Hauptstadt Niederösterreichs gedacht, 1904 nach Wien eingemeindet) den überdimensionierten "Dom von Donaufeld". Zur gleichen Zeit baute Otto Wagner die Leopoldskirche am Steinhof und es entstand die Männerwallfahrt nach Klosterneuburg. 1938 wurde in der Katastralgemeinde Weidling eine Leopoldskirche geweiht. Bis heute sind das Stift und der Leopoldimarkt in Klosterneuburg am niederösterreichischen Landesfeiertag, dem 15. November, Ziel zahlreicher Besucher.