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Herbert Eigner und Herbert Kovacic: Der 317er#

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Herbert Eigner und Herbert Kovacic: Der 317er. Von Groß-Enzersdorf nach Floridsdorf Edition Winkler-Hermaden Schleinbach 2016. 96 S. ill. € 14,95

Die Marchfeldstadt Groß-Enzersdorf ist als einzige Gemeinde Niederösterreichs in das Netz der Wiener Linien eingebunden. Die Geschichte der öffentlichen Verkehrsmittel zwischen der Bundeshauptstadt und dem "Stadtl" geht 130 Jahre zurück. 1886 fuhr die Dampftramway von Groß-Enzersdorf nach Floridsdorf - und retour. Gebaut und betrieben wurde die Lokalbahn von der Lokomotivfabriksfirma Krauß & Co, die drei Jahre davor ihr Wiener Streckennetz gegründet hatte, das 1887 mehr als 45 km in der Stadt und im Umland umfasste.

1908 übernahm die Gemeinde Wien die Dampftramwaygesellschaft und begann sukzessive mit der Elektrifizierung der Linien. Jene nach Groß-Enzersdorf war 1922 abgeschlossen. Fast ein halbes Jahrhundert tat dann die "Elektrische" ihren Dienst. Der "317er" wurde zur lokalhistorischen Legende. Täglich verkehrten bis zu 70 Zugspaare auf der eingleisigen Strecke. 1970 löste die Autobuslinie 26A die Schienenverkehrsmittel ab.

Ihrer Geschichte folgen der Schriftsteller Herbert Eigner und der Historiker Herbert Kovacic. Als Bewohner von Groß-Enzersdorf haben sie viele Fotos und Erinnerungen zusammengetragen und zu einem informativen Erinnerungsalbum verarbeitet. Von Groß-Enzersdorf ausgehend, folgen sie der alten Strecke nach Floridsdorf und besuchen auf ihrer imaginären Reise Essling, Aspern, Hirschstetten und Kagran.

Vor der Dampftramwayzeit konnte man nur mit dem von zwei Pferden gezogenen Stellwagen zu dem 20 km entfernten Ziel gelangen, die Abfahrtsstelle war ein Gasthof in der Taborstraße in Wien-Leopoldstadt. Dagegen war die "moderne" Verbindung ab Groß- Enzersdorf ein großer Fortschritt: "Laut Fahrplan musste der erste Zug die Station um 6.56 Uhr verlassen, damit er um 7.41 Uhr Kagran, um 8.03 Uhr Floridsdorf und um 8.33 Uhr die Stefaniebrücke in Wien erreichte. … Ähnlich wie bei einer Eisenbahnlinie gab es diverse Beamte und Unterbeamte, wie Zugrevisoren, Conducteure (Schaffner), Bahnerhaltungspartieführer, Heizhaus- und Werkstättenleiter." Die Höchstgeschwindigkeit lag zwischen 10 und 25 km/h. Schüler und Arbeiter fuhren zu bestimmten Zeiten billiger, außerdem gab es Güterwaggons.

Mit dem Abschluss der Elektrifizierung begann die 48-jährige Epoche des legendären 317ers, an den sich Zeitzeugen wie Herbert Kovacic gut erinnern können: "Diese Straßenbahn war im alltäglichen Leben vieler so etwas wie ein ständiger Begleiter, ein 'Familienmitglied'. Schon allein der 317er 'Sound' hat sich bei vielen eingebrannt. Er zeichnete sich wegen des Sands zwischen den Schienen vor allem durch seine Lautstärke und das Quietschen der Räder an den Gleisen aus. An so manche Panne wird man sich mit Sicherheit auch noch erinnern." Die Straßenbahnlinie 317 war über viele Jahre der einzige leistungsfähige Verkehrsträger, der regelmäßig und in kurzen Abständen Groß-Enzersdorf (im Volksmund Stadtl genannt) mit den westlich gelegenen Nachbarorten und letztlich mit der Großstadt Wien verband. Sie erfüllt brachte Pendler zur Arbeit, Kinder in die Schulen und ermöglichte der Bevölkerung Erledigungen, die sie in ihrem Stadtl nicht durchführen konnte.

Der Bildteil, mit historischen Fotos und Postkarten, weckt die Nostalgie, beginnend mit der Dampftramway, ihrem Personal und Betriebsgelände, sowie Ansichten der mauerbewehrten Kleinstadt, die als Tor zum Marchfeld gilt. Seltsam wirken die Triebwagen samt Beiwagen der "Elektrischen" am Rand der Felder, während eine Tafel auf das (1967 bis 2015 bestandene) Autokino verweist. In den folgenden Kapiteln lernt man in Bildern und (leider oft zu kurzen) Texten die Nachbardörfer kennen, wie Essling mit seinem Schloss und dem in den Napoleonischen Kriegen heftig umkämpften Schüttkasten. Aspern ist durch den "Siegesplatz" und dem Löwendenkmal mit diesen verbunden. Als von der "Seestadt" lange keine Rede war, konnte man in Aspern Flugschauen und die spektakuläre Landung des Luftschiffs "Graf Zeppelin" bestaunen, doch gab es zur 317er-Zeit auch noch große Felder und Gärtnereien. Die Garnituren, wie die aus New York angekauften "Amerikaner", fuhren durch die Dörfer und weite, unverbaute Strecken. Eine Grußkarte aus Hirschstetten zeigt die Dampftramway und den idyllischen Gastgarten einer "Restauration". In Kagran ziert die "Endstation der elektrischen Tramway" ebenfalls eine Ansichtskarte. Die Haltestelle der Dampftramway und das Feuerwehrhaus, seit 1983 Sitz des Bezirksmuseums Donaustadt, bilden den Hintergrund einer Winteraufnahme mit der einst ungeheizten Straßenbahn. Eher neueren Bildern von Floridsdorf, der Endstation, folgt ein "Epilog". Man sieht den geschmückten "letzten Groß-Enzersdorfer" und ein aktuelles Farbfoto eines Autobusses der Wiener Linie 26A.