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Otto Hochreiter, Christina Töpfer (Hg.): Eyes on the City#

Bild 'Eyes'

Otto Hochreiter, Christina Töpfer (Hg.): Eyes on the City. Urbane Räume in der Gegenwartsfotografie. Verlag Anton Pustet Salzburg 2012. 152 S., großformatige Farb- und s-w-Fotos, € 24,-

Seit 13. Oktober 2012 präsentiert sich das Grazer Stadtmuseum unter dem neuen Namen GrazMuseum, mit einem neuen Konzept und internationalen Sonderausstellungen. Die erste "Eyes on the City" ist programmatisch: Von der regionalen Betrachtungsweise hin zu einer europäischen. Die Schau - und das vorliegende Buch - über urbane Räume in der Gegenwartsfotografie gehen noch darüber hinaus. Fotokünstler/innen reflektieren in ihren subjektiven Bildern "urbane Räume als dynamische, gesellschaftliche Gegebenheiten einbeziehende Konstellationen des Städtischen, indem sie nicht so sehr die Form, sondern die Nutzung und Wahrnehmung von Gebautem thematisieren." Das Buch zeigt Arbeiten von zehn Künstler/innen. Essays leiten die einzelnen Kapitel ein. Von renommierten Autor¬/innen aus den Bereichen Fotografietheorie, Architektur und Urbanismus verfasst, interpretieren sie die komplexen und ¬kritischen fotografischen Zugangsweisen zu Stadt und Gesellschaft.

Olivo Barbieri bietet mit Fotos aus der Vogelschau ungewohnte Perspektiven. Im vergangenen Jahrzehnt hat er auf diese Weise 30 Städte porträtiert, wie New York, Siena, Turin, Malaga oder Los Angeles. "Er schafft Bilder der Ambivalenz, die jedes Mal aufs Neue faszinieren", kommentiert die Medienhistorikerin Christina Natlacen.

Der Hochschulprofessor und Kommunikationsdesigner Peter Bialobrzeski veröffentlichte bisher acht Fotobücher, beteiligte sich an Ausstellungen und erhielt renommierte Preise. Seine Serie "Lost in Transition" zeigt Bilder des räumlichen und zeitlichen Übergangs, die schon wenig später nicht mehr existierten. In "Paradise now" täuschen städtische Ruhezonen mit Grünflächen und Bäumen über die dahinter vorhandenen Baukräne, Hochhäuser oder Autobahnen hinweg.

Sabine Bitter und Helmut Weber verbinden in ihrer Serie "Boulevards, Banlieus and other Samples of Decorated Histories" Gebäude aus unterschiedlichen Ländern und politischen Systemen. Collagen aus Bukarest/Paris, Vancouver/Belgrad, Belgrad/Los Angeles oder Detroit/Belgrad regen zur Reflexion über postmoderne Stadtbilder an.

In "They called me a corporate whore" dokumentiert Hin Chua den Arbeitsalltag in einer Londoner Investmentbank. Der in Malaysia geborene und in Australien aufgewachsene Fotokünstler arbeitete 2005-2007 als Programmierer in der "Squaremile". Anders als im wirklichen Leben des Büroviertels stellt er die Menschen in den Mittelpunkt. "Wer Hin Chuas Fotos betrachtet, wird leichter begreifen, wie Vertrauensverlust entsteht," meint die Wiener Kulturtheoretikerin Angelika Fitz zu den verstörenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

Lee Friedlander begann schon 1948 (damals war er 14) die "soziale Landschaft" der USA zu fotografieren. Auch in der vorliegenden Serie bedient er sich der seit der Nachkriegszeit - von ihm mitgeschaffenen - klassischen Perspektive der amerikanischen Stadtwahrnehmung, des Blicks durch die Windschutzscheibe. In Kombination mit jenem in Seiten- und Rückspiegel entstehen ebenso informative wie ironische Darstellungen.

"Es gibt wenige Fotokünstler/innen, auf die die Bezeichnung 'Urbane Fotografie' so zutrifft wie auf Aglaia Konrad, deren Arbeiten die Bewegung innerhalb des urbanen Raums geradezu körperlich spürbar machen", schreiben die Herausgeber Otto Hochreiter und Christina Töpfer. Fotografie, Film und Video sind die Medien, mit denen Aglaia Konrad seit den 1990er Jahren die Struktur städtischer Räume dokumentiert. Mittlerweile umfasst ihr Archiv mehrere tausend Aufnahmen, die sie immer wieder neu kombiniert und konvertiert.

Anne Lass ist Kommunikationsdesignerin. Die Berlinerin unternahm ausgedehnte Reisen in Städte Europas, Australiens und der USA. Mit der Kamera interessiert sie sich vor allem für den Übergang zwischen "natürlicher" und "urbaner" Welt. Anne Lass sucht banal erscheinende Szenen, die ort-los erscheinen. Solche Nicht-Orte fand sie in Melbourne, Sydney oder Chicago, ebenso wie in Lissabon und Berlin.

Der Tiroler Paul Albert Leitner ist "Künstler und Leser", "Geher und Gucker", "Wandelnder und Fotograf", wie Hubertus von Amelunxen im einleitenden Essay zu dessen Bildern schreibt. "Seine gesammelten Architekturen sind aufgelesene Momente der Bewegung … Paul Albert Leitner spricht mit den Städten, er zieht durch die Straßen, ist von ihnen angezogen und wird von ihnen beschaut." Bangkok, Berlin, Yazd, Sarajewo, Las Vegas, Cuba, Macao, Hongkong, Lodz, Katowice sind seine Stationen. Ausnahmsweise findet sich bei Leitner auch Österreichisches: Die Auslage eines Favoritner Modegeschäftes, das pastellfarbene Pyjamas zur Schau stellte (2005), und ein Hotel in Graz, dessen Feuermauer im Jahr 2003 die Reste eines Abbruchhauses trug.

Die rumänische Politikwissenschafterin Simone Rota erhielt den Auftrag, die Architektur der ehemaligen Sowjetstaaten für das Architekturzentrum Wien zu dokumentieren. Hier jedoch beschäftigt sie sich mit der Bautätigkeit in Teneriffa. Dabei unterscheidet sie zwischen legalen und illegalen Neubauten. Es mag überraschen, dass riesige Anlagen von Ferienwohnungen und sogar ein Wolkenkratzer zu den illegalen Bauvorhaben zählen. Die Rohbauruinen wirken nicht weniger bedrückend wie verlassene Dörfer oder legale, tourismusbedingte Zersiedelung.

Der Fotoband zieht einen weltumspannenden Bogen. Er macht einmal mehr deutlich, welchen Einfluss die gebaute Umwelt auf die Menschen ausübt und welche Verantwortung Architekten und Bauherren haben (sollten).