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Walter Famler (Hg.): Das Adolf Holl Brevier#

Bild 'Holl'

Walter Famler (Hg.): Das Adolf Holl Brevier. Residenz Verlag St. Pölten - Salzburg 2010. 223 S. € 19,90

Wenn ein Schriftsteller runden Geburtstag feiert und zu diesem Anlass ein Querschnitt seines Schaffens erscheint, nennt man das üblicherweise "Best of" oder "Lesebuch". Nicht so beim Theologen Adolf Holl. Hier ist es stilecht ein "Brevier". Schwarzer Einband mit dem Titel aus silbergeprägten Lettern und mit kardinalspurpur-farbenem Vorsatzpapier wecken Assoziationen zum früheren Beruf des Verfassers. Ursprünglich enthielt das Brevier der römisch-katholischen Kirche Texte des Stundengebets. Das erste Breviarium Romanum erschien nach dem Konzil von Trient 1568, die aktuelle Ausgabe nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, 1970.

1970 war Adolf Holl 40, Dozent an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien und Kaplan in einem Wiener Arbeiterbezirk. Ein Jahr später erschien sein Buch "Jesus in schlechter Gesellschaft", auf Grund dessen ihm in der Folge die Lehrberechtigung entzogen und er vom Priesteramt suspendiert wurde. Seither hat Holl zahlreiche Bücher und Artikel verfasst und ist als Fernsehmoderator des "Club 2" legendär geworden. Sein "Brevier" enthält bekannte und weniger bekannte Texte aus dem reichen Lebenswerk. Ausgewählt hat sie Walter Famler, Herausgeber der Zeitschrift "Wespennest", aus der ebenfalls einiges übernommen wurde. Die manchmal provokativen Abhandlungen sind nach dem Kirchenjahr geordnet. Allerdings erscheint die Zuordnung zu einzelnen Festzeiten - Advent, Weihnachten, Fastenzeit, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt, Allerseelen - etwas willkürlich. Den zu Papier gebrachten Gedanken des gesellschaftskritischen Theologen, der zudem "einer der besten Österreichischen Schriftsteller ist" (Franz Schuh), schadet es nicht. Obwohl manche Erstveröffentlichung weit zurückliegt, sind die Überlegungen aktuell und anregend - und sie werden es wohl noch lange bleiben.

Den Anfang ("Advent") bildet eine Sentenz aus dem Werk, mit dem für den Autor der Konflikt mit der Amtskirche begann: "Jesus ist bei den Kindern, die von zu Hause fortlaufen. Bei den Gefangenen und Verurteilten. Immer bei den Armen, nie bei den Reichen. Stets bei den Unzufriedenen, die Satten meidet er. Nicht bei den Erhaltern des Bestehenden, denn die kommen ohne ihn zurecht…" Das Weihnachtskapitel ist mit drei Beiträgen vergleichsweise kurz gehalten. Sie handeln von der Narrenheiligkeit, Meditation und dem Pantheon - ein Einblick in das jüngste Buch "Wie gründe ich eine Religion" (2009). In der "Fastenzeit" geht es um Existenzielles - Holls Kindheitserlebnisse und seine "Intentio pura". "Ostern" bietet Gelegenheit zur Beschäftigung mit Trance und Erleuchtung. "Pfingsten" ist der "Linken Hand Gottes" gewidmet. So nannte Holl seine vor drei Jahren erschienene Biographie des Heiligen Geistes. "Fronleichnam" beschäftigt sich in herausfordernder Weise mit Eucharistie und Kannibalismus. In "Mariä Himmelfahrt" geht es um Marienerscheinungen und gottlose Frauen. Zu "Allerseelen" wird der Tod zum Thema, mit der Kritik an der These von dessen vermeintlicher Verdrängung. Vor dem Kapitel "Zum Schluss" findet sich im Brevier ein Interview, das Holl im Vorjahr dem "Wespennest" gab. Dessen Redakteur Erich Klein stellte dem prominenten Kirchenkritiker viele kluge Fragen, unter anderem, was ihn noch immer bei der Religion halte. Holl antwortet mit einem Gleichnis: "Ich hänge an der Angel, an deren anderem Ende der Herr Jesus sitzt - ich beiße an und komme davon nicht weg."


Sehr gelungene und informative besprechung. gerade angesichts der gegenwärtigen krise verwundert es schon, dass die amtskirche keinerlei initiativen setzt, um sich mit holl auszusöhnen.

--Glaubauf Karl, Montag, 16. August 2010, 14:58