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Marianne und Gerbert Frodl: Die Blumenmalerei in Wien#

Bild 'Blumen'

Marianne Frodl-Schneemann, Gerbert Frodl Die Blumenmalerei in Wien Verlag Böhlau, Wien 2010. 176 S., 151 farb. und s/w.-Abb. € 39.00

Das vorliegende Buch ist zugleich ein Prachtband und eine wissenschaftliche Novität: Zum ersten Mal beschreibt es die Blumenmalerei in Wien, die hier im 19. Jahrhundert einen künstlerischen Höhepunkt erlebte. Ein Anhang enthält 40 Kurzbiographien der Künstler. Die Autoren sind ausgewiesene Experten: Das besondere Arbeitsgebiet der Kunsthistorikerin Marianne Frodl-Schneemann ist die Kunst des 19. Jahrhunderts. Gerbert Frodl war Direktor der Österreichischen Galerie Belvedere. Gemeinsam hat das Ehepaar zahlreiche Publikationen, u.a. über die Malerei des Biedermeier und des Historismus verfasst.

"Mit dem vorliegenden Buch verfolgen wir das Ziel, das Phänomen Blumenmalerei im Lauf von zwei direkt aufeinander folgenden, wenn auch voneinander grundverschiedenen Kunstepochen zu beschreiben", meinen die Autoren im Vorwort. Schwerpunktmäßig geht es um die Malerei des Biedermeier und des späten 19. Jahrhunderts. War die Biedermeier-Blumenmalerei auf die Vergangenheit bezogen und von lokalen Traditionen beeinflusst, so brachte gegen die Jahrhundertwende die Malerei in freier Natur neue Impulse.

Die Einführung erhellt die gesellschaftlichen, künstlerischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Zusammenhänge, aus denen sich die Wiener Blumenmalerei zu einer Kunstform von überregionaler Bedeutung entwickeln konnte. Obwohl Maria Theresia den Ideen der Aufklärung misstrauisch gegenüberstand, berief sie bedeutende Gelehrte, die diese verkörperten. Unter ihnen war Nikolaus von Jacquin (1727-1817), der hervorragendste Botaniker seiner Zeit, der die "Gartenlust" der kaiserlichen Familie weckte. Kaiser Franz I. Stephan ermöglichte ihm eine Expedition, die reiche Ausbeute an Pflanzen und Tieren, Samen und Mineralien erbrachte. Als Ergebnis entstanden der "Hortus botanicus" der Universität und Fachpublikationen, deren Illustrationen beispielgebend für viele Künstler wurden. Die Wiener Porzellanmanufaktur erlebte ihre ökonomisch und künstlerisch beste Zeit unter Conrad Sörgel von Sorgenthal (1733-1805). In seiner Direktion lehrten hervorragende Künstler an der Manufakturzeichenschule, und er pflegte die Zusammenarbeit mit der Kunstakademie. Die Blumenmalerei machte die Wiener Porzellanfabrik weltberühmt.

Ein Kapitel des Buches ist den Voraussetzungen und speziell den Einflüssen auf die Darstellung von Biedermeier-Bouquets gewidmet. Deren Vorläufer waren Blumenbilder und Stillleben aus dem "Goldenen Zeitalter" der niederländischen Malerei. Perfekte Reproduktionen zeigen etwa Jan Breughels "kleinen Blumenstrauß" von 1607 oder ein Stillleben von Jan van Os aus dem Jahr 1775 , "kunstvolle Produkte der Phantasie, die aus einer Vielzahl von Detailstudien nach der Natur oder nach Musterblättern zusammengefügt wurden." Ganz ähnlich verhielt es sich mit den frühen Wiener Bouquet-Darstellungen. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden die Sträuße im Hinblick auf den Lichteinfall realistischer und die botanischen Kenntnisse wichtiger. Moritz Michael Daffinger (1790-1849) war Porzellan-, später erfolgreicher Portraitmaler und wandte sich nach 1840 der Botanik zu. Seine Blumenaquarelle "sind vom wissenschaftlichen Standpunkt aus perfekt, zugleich hat man den Eindruck, die Pflanzen und ihr Wesen seien portraitiert worden, um auf diese Weise der Nachwelt erhalten zu bleiben."

Das Kapitel "Höhenflug im Biedermeier" wird mit Johann Baptist Drechsler (1756-1811) eingeleitet, "der mit seiner Lehrtätigkeit eine ganze Generation von Künstlern dieses Spezialfaches herangebildet und beeinflusst hat." Zu den wichtigsten zählte Josef Nigg (1782-1863), der einen bedeutenden Teil seiner Zeit der Malerei auf Porzellan widmete und mehr als vier Jahrzehnte in der Manufaktur tätig war. Für den Akademieprofessor Franz Xaver Petter (1791-1866) sind kleine querformatige Kompositionen charakteristisch. Eine der wenigen Frauen auf diesem Gebiet war Petters Privatschülerin Pauline Kodelka-Schmerling (1806-1840), deren technische Perfektion an Waldmüller erinnert. Von Waldmüllers Blumenstücken sind etlichezu bewundern, u.a. der "Rosenstrauß am Fenster" (1832) oder "Der Geburtstagstisch" (1840).

Das Kapitel "Revolten und Emanzipation" widmet sich den Jahrzehnten nach 1848. Mit der Ringstraßenzeit kam eine neue Malerei. Es gab nicht nur den üppigen Makartstil, sondern auch den Stimmungsimpressionismus eines Emil Jakob Schindler (1842-1892) mit seinem Künstler- und Schülerkreis. Diesem gehörten kraftvolle Frauen an, wie Olga Wisinger-Florian (1844-1926), Tina Blau (1845-1916) oder Marie Egner (1850-1940).

Mit "Wege zur Neukunst", den Secessionisten, Gustav Klimt (1862-1918), Koloman Moser (1868-1918) endet das faszinierende Werk. Den Schlusspunkt setzen die Autoren mit Egon Schieles "Sonnenblume II" aus dem Jahr 1909 und schreiben: "Der von uns über ein Jahrhundert hinweg gespannte Bogen der Blumenmalerei vom Realismus des Biedermeier über die 'Blumenlandschaft' bis zur Sonnenblume von Egon Schiele ist geradezu als Antipode zu werten. Als Zeichen am Beginn von neuen Wegen, deren Ende noch im Dunkel liegt."