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Ein kulturelles Gedächtnis#

Bild 'Kulturell'

Ein kulturelles Gedächtnis. Die Landesmuseen Österreichs und Südtirols im Überblick. Mit einem Essay von Karl-Markus Gauß und ca. 200 Fotografien von Heinrich Hermes. Brandstätter Verlag Wien 2009. 175 S. € 29,90

Als "universale" oder "nationale" Museen im 19. Jahrhundert gegründet, stehen die österreichischen Landesmuseen Generationen später vor großen Herausforderungen. Niemand würde mehr behaupten wollen, "alles" wissen oder zeigen zu können und "national" hat einen bitteren Beigeschmack. Außerdem sehen sich die Sammlungen mit dem Verdacht des Regionalismus, gar Provinzialismus, konfrontiert.

Dass dem keineswegs so ist, beweist das Buch "Ein kulturelles Gedächtnis". Dieses hüten die Schatzkammern der Geschichte nicht nur, sondern sie finden viele Wege, ihre Schätze dem Publikum schmackhaft zu machen. So beginnt jedes der zehn Kapitel des reich illustrierten Werkes mit aktuellen Informationen. Haupthaus und Zweigstellen werden mit Angaben von Adresse, Telefon, Fax, e-mail und Homepage aufgelistet. Dazu gleich ein Statement zu Museumspädagogik und Führungen - wie auch in den Museen Service groß geschrieben wird. In der jeweils folgenden Darstellung erfährt man viel über die Geschichte der Häuser, von den Anfängen bis zum modernen Ausbau.

Die meisten Sammlungen wurden zu Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie von Privaten oder Vereinen zusammengetragen. Angehörige des Herrscherhauses fungierten als Protektoren und fanden ihren Namen in der Museumsbezeichnung wieder: Kronprinz Rudolph in Kärnten (Rudolphinum), Erzherzog Franz Karl in Oberösterreich (Francisco-Carolinum), Kaiserinwitwe Caroline Auguste in Salzburg (Carolino Augusteum), Erzherzog Johann in der Steiermark (Joanneum) und Kaiser Ferdinand in Tirol (Ferdinandeum). Die Interessen der Sammler und Forschungsschwerpunkte der Kustoden beeinflussten die Zusammensetzung der Bestände in hohem Maß. So beschränkten sich die volkskundlichen Abteilungen auf verzierte Gebrauchsgegenstände und Geräte, die so genannte Volkskunst. Erst in den letzten Jahren fanden auch Objekte der Alltagskultur, z.B. des Tourismus Platz. Naturkundliche und historische Abteilungen beeindruckten in erster Linie durch ihre Fülle.

Durch das Buch lernt man die Highlights der Sammlungen kennen. Etliche archäologische, kulturhistorische, künstlerische oder zoologische Exponate können sich auch im internationalen Vergleich sehen lassen: eine der ältesten neolithischen Frauenfiguren, die Venus von Draßburg im Burgenland, der weltweit größte keltische Waffenschatz in Kärnten, eine 20.000 Jahre alte Knochenflöte in Niederösterreich, ein mittelalterlicher Münzfund mit 7000 Stücken in Oberösterreich, die latenezeitliche Schnabelkanne vom Dürrnberg in Salzburg, die Klappsonnenuhr von Georg Peuerbach (1455) in Graz, die erste Straßenwandkarte Europas (1520) in Tirol oder Gustav Klimts Gemälde "Emilie Flöge", das wertvollste Gemälde im Wien Museum. Farbfotos der Bestände, ergänzt durch künstlerische Aufnahmen von Heinrich Hermes, machen Lust, die Originale zu besichtigen. Übrigens gibt es als besonderes "Zuckerl" einen Gutschein, der den Gratiseintritt in je einer Institution pro Bundesland ermöglicht.

Bevor man sich auf die Reise macht, sollte man jedoch unbedingt die kluge Einleitung des Europäischen Essaypreisträgers Karl-Markus Gauß lesen. Sein Credo: "Regionale Besonderheit und universelle Bedeutung müssen einander nicht ausschließen, oft ist das eine ohne das andere nicht zu haben," und: "Schatzkammern des kulturellen Gedächtnisses sind die Landesmuseen, zugleich Laboratorien, in denen wir ermutigt werden, mit unserer Zukunft zu experimentieren."