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Dietmar Grieser: Geliebtes Geschöpf #

Bild 'Grieser'

Dietmar Grieser: Geliebtes Geschöpf .Tiere, die Geschichte machten. Amalthea Signum Verlag Wien 2016. 272 S., ill., € 25,-

Der neue Grieser ist da! Diesmal ist der sympathische Bestsellerautor auf den Hund gekommen. Es ist nicht zum ersten Mal, dass sich Dietmar Grieser mit "Miezen und Lumpis" beschäftigt. Schon 1991 widmete er sein Buch "Im Tiergarten der Weltliteratur" tierischen Kultfiguren aus Geschichte und Literatur, Musik und Film. Und es ist nicht zum ersten Mal, dass man den Band nicht eher weglegt, bis man auf der letzten Seite angelangt ist. In bewährter Art reiht sich Lustiges an Amüsantes. Ernstes wird nicht verdrängt, wie die Suche nach Franz Marcs Meisterwerk "Der Turm der blauen Pferde", das nach seiner Klassifizierung als "entartete Kunst" seit 1945 als verschollen gilt. Oder der Erste Weltkrieg, aus dessen Erlebnissen Hugh Lofting schöpfte. Im Sinne einer Gegenwelt erfand er die Geschichten von Dr. Dolittle und schickte sie seinen Kindern. Dass später eine 12-bändige Erfolgsserie daraus wurde, konnte der Schriftsteller nicht ahnen.

Griesers literarische Menagerie umfasst Insekten ebenso wie Vögel, allerdings sind Hunde und Pferde in der Überzahl. Um Ordnung in die Vielfalt zu bringen, hat er die fast 30 Essays in fünf große Kapitel gruppiert. Das erste ist "Große Namen" übertitelt. Es beginnt mit Sigmund Freud und seinen Chow-Chows, die sogar als Therapiehunde fungierten, übrigens hat der Psychiater Kurse zu diesem Thema abgehalten. Ein Foto zeigt ihn mit seiner vierbeinigen "Ordinationshilfe". Bekannt für exakte Recherchen, pflegt der Autor Schauplätze in aller Welt aufzusuchen, beispielsweise das ehemalige k. k. Hofgestüt von Kladrub. Aus diesem, inzwischen Nationales Kulturdenkmal der Tschechischen Republik, kamen seit 1579 die Zugpferde für die kaiserlichen Karossen. Einst taten jeweils 16 Rappen und Schimmel der "sanften Riesen" Dienst am Wiener Hof. Einem sprechenden Pferd, das man aus Grimms Märchen kennt, verdankte der deutsche Dichter Rudolf Ditzen seinen Künstlernamen: Hans (nach der Figur Hans im Glück) Fallada nach dem edlen Hengst, der noch im Tod die Wahrheit sprach und damit Betrüger entlarvte.

"Von Künstlerhand" stellt u. a. den Adler im österreichischen Staatswappen vor und folgt dabei den Ausführungen von Peter Diem, der den Doppeladler charakterisierte als "Zwei Köpfe, zwei Augenpaare, zwei Flügel, aber nur eine Brust, nur ein Herz". Danach fragt der Autor "Was sucht ein Schwein im Stephansdom?" Erstaunlich wirkt das Attribut einer gotischen Statue des frühchristlichen Mönchsvaters Antonius des Großen. Der Asket hielt das Borstenvieh allerdings nicht selbst, sondern der nach ihm benannte Orden der Antoniter. Dieses Tier durfte sich, mit einem Glöckchen um den Hals, überall frei bewegen. Es wurde von der Allgemeinheit ernährt - allerdings vor Weihnachten zu Gunsten der Armen geschlachtet. Geblieben ist das Sprichwort "Frech wie ein Antoniusschwein". Frech fanden Illustriertenleser auch die Karikaturen von Loriot. Hunde waren die ersten Modelle des erklärten Möpse-Fans.

Dann geht der "Vorhang auf" und herein flattern Fledermaus und Batman. Hier würdigt der Autor die Bremer Stadtmusikanten, das Musical Cats, den Hundefilmstar Rin Tin Tin und macht kein Hehl aus seiner Begeisterung für die "Sendung mit der Maus". Seit 1971 sorgt das preisgekrönte Kinderprogramm für Einschaltquoten, vor allem bei Erwachsenen, die hier komplizierte Sachverhalte einfach und unterhaltsam erklärt bekommen. Seit nun schon 45 Jahren zieht die Kombination aus Sachgeschichte und Lachgeschichte "Kinder zwischen 8 und 80" in ihren Bann, Dietmar Grieser erinnert sich an viele Sendungen.

Weitere "Erinnerungen" folgen. Sie beginnen im Herbst 1940, Dietmars erstem Schuljahr im schlesischen Leobschütz. Als Kind begegnete er Mäusen, Maikäfern, Fröschen, Ziegen und einem "Dackel namens Aufsicht". Dann wird es akademisch, mit der Dissertation des Vaters über die Anatomie einer pazifischen Schneckenart. Auch der Bruder, Helmut Grieser, beschäftigte sich mit Zoologie. Er beobachtete und publizierte über "Die Vogelwelt von Leverkusen". Der Autor selbst hat ein eher literarisches Verhältnis zu Tieren. Einige Jahre lang warb der Verlag mit seinem Porträt samt dem West Highland White Terrier Dascha. Es war nicht, wie Grieser-Fans glaubten, sein eigener Hausgenosse. Umso amüsanter ist die Geschichte, wie es dazu kam, dass er Dascha sogar das Buch "Die böhmische Großmutter" widmete.

Womit wir mitten in der Literatur wären. Der letzte Teil beschäftigt sich mit literarischen "Urbildern". Hier trifft man auf E.T.A. Hoffmanns Kater Murr, Leo Tolstojs Pferd, Felix Saltens Bambi, Waldemar Bonsels' Biene Maja, Marie Ebner-Eschenbachs Krambambuli, Dr. Dolittles Menagerie und Alan Milnes Bären Pu. Hier gibt es auch eine ganz besonders nette, persönliche Geschichte. Bekanntlich wurden zahlreiche Bücher von Dietmar Grieser in viele Sprachen übersetzt, so auch der "Tiergarten der Weltliteratur" ins Japanische. Eine Geschichte darin handelt von Friedrich Schillers Ballade "Der Kampf mit dem Drachen". Ein Kreuzritter besiegt das böse Tier, doch das passt nicht zur japanischen Mythologie. Dort ist es "das hehre Symbol des Herrscherhauses, der Inbegriff von Wohltätigkeit und gottgleich verehrte(r) Glücksbringer." Daher musste das Kapitel "dem fernöstlichen Drachenkult geopfert werden, die acht Seiten fielen weg."

Hingegen dürfen sich die LeserInnen des jüngsten Buches freuen, dass keines der "Tiere, die Geschichte machten" dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Mit Vergnügen genießt man die 256 Seiten und ist schon neugierig auf eine Fortsetzung. Vielleicht beschäftigt sie sich auch wieder mit zweibeinigen "Geliebten Geschöpfen", denn, wie ein Sprichwort sagt: "Unser Herrgott hat einen großen Tiergarten."