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Ingrid Haslinger: Rudolf war immer ein guter Sohn#

Bild 'Rudolf'

Ingrid Haslinger: Rudolf war immer ein guter Sohn. Mayerling war ganz anders. Amalthea Signum Verlag Wien 2009. 350 S. € 24,95

Wer kennt sie nicht, die bittersüße Lovestory vom Kronprinzen, der eine seiner Geliebten und sich selbst anno 1889 in seinem Jagdschloss erschossen haben soll? Allein 20 Filme in Starbesetzung widmeten sich dem Mythos Mayerling.

Seit 120 Jahren kursieren Gerüchte über den Tod von Kronprinz Rudolf (1858-1889) und Maria Alexandrine ("Mary") Freiin von Vetsera (1871-1889). Der Hof selbst trug zum "Geheimnis" bei. Dokumente wurden vernichtet, Zeitungen konfisziert, widersprüchliche Meldungen ausgegeben: Jagdunfall, Schlaganfall, Herzschlag, Selbstmord. Um die letzte offizielle Version glaubhaft zu machen und dem Thronfolger ein kirchliches Begräbnis zu ermöglichen, mussten ihn Ärzte als geisteskrank erklären.

"Mayerling war ganz anders" lautet der bezeichnende Untertitel des Buches der Wiener Historikerin Ingrid Haslinger. Es gliedert sich in einen mehr als 200-seitigen biographischen Teil und einen Anhang, der brisante Texte sowie eine Chronologie, Quellennnachweise, Register und vor allem brisante Originaltexte enthält. Die Autorin hat mehr als 1000 Briefe und Dokumente gesichtet. Diese Belege und ihr sachlicher Kommentar scheinen geeignet, den Mythos Mayerling zu widerlegen. Aber Mythen haben ein zähes Leben und die Autorin enthält sich der Spekulationen und Sensationen. Sie spricht von "Ungereimtheiten", viele der Interpretationen die nach dem Tod des Kronprinzen formuliert wurden, erscheinen ihr "fragwürdig".

Während Gleichaltrige in die Schule eintraten, erhielt Kronprinz Rudolf (1864) einen eigenen Hofstaat. Die höfische Umwelt wollte das überaus intelligente und wissbegierige Kind mit Drill vor zu viel Klugheit bewahren. Dafür sorgte General Leopold Graf Gondrecourt als extrem hartherziger Erzieher. Dass Kaiserin Elisabeth dessen Ablöse bewirkte, "scheint eine der zahlreichen Legenden rund um das österreichische Kaiserhaus zu sein". Der "tyrannische Aristokrat", als den ihn Zeitgenossen bezeichneten, war schon einige Monate zuvor vom General-Major Joseph Latour abgelöst worden. Dieser wurde dem jungen Prinzen zum Vertrauten und Vater-Ersatz, und er sorgte für gute und liberale Lehrer.

Der biographische Teil von Ingrid Haslingers Buch zeigt Rudolf als einen der talentiertesten Habsburger: Akademiemitglied und exzellenter Redakteur, Naturwissenschaftler von internationalem Ruf. Er publizierte u.a. in "Brehms Thierleben". und gab das "Kronprinzenwerk", die 24-bändige Enzyklopädie "Österreich-Ungarn in Wort und Bild" heraus.

Kronprinz Rudolf dachte liberal, stand dem Adel und politischen Katholizismus kritisch gegenüber und hätte in der Monarchie die einzelnen Nationen gerne gleichberechtigt gesehen. Im Gründer des "Neuen Wiener Tagblatts", Moritz Szeps (1835-1902), fand er einen väterlichen Freund. Der Journalist verschaffte Informationen, die dem Kaisersohn vorenthalten wurden. Andererseits gab er ihm die Möglichkeit, seine politischen Ideen in anonymen Artikeln zu veröffentlichen. Rudolf erkannte die Macht der Presse, glaubte an den technischen Fortschritt, an Bildung und Wissenschaften, u.a. an den Darwinismus. Seinen Gegenspielern bot er viele Angriffsflächen. Zeit seines Lebens fühlte er sich überwacht, war Gehässigkeiten, Zwischenträgereien und Anschwärzungen ausgesetzt.

Gerüchte und Gemeinheiten machten vor dem Privatleben nicht Halt. "Wie in vielen Lebensbereichen Rudolfs, wurde auch in diesem maßlos übertrieben. Natürlich gab es Affären, aber die waren damals nichts Ungewöhnliches. Vielmehr hätten die Erzherzoge Franz Ferdinand, Otto und Ludwig Viktor die Kritik verdient, die sich an Rudolf entlud. Als er sich standes- und pflichtgemäß mit Stephanie von Belgien verlobte, war diese noch ein Kind, später lebte sich das Paar auseinander. Trotzdem fand die Historikerin anhand der Quellen: "Ständig war der Kronprinz um Harmonie mit seiner Gattin bemüht." Eindeutige Briefe zeigten "recht deutlich, dass Rudolfs und Stephanies Ehe nicht so schlecht war, wie immer behauptet wird." Auch existieren Briefe der Kronprinzessin, die aus ihrer Liebe zu "Hamlet", einem Jagdfreund ihres Mannes, kein Hehl machten.

"Das vorliegende Buch ist mit dem Ziel entstanden aufzuzeigen, wie unrecht viele Biographen im Laufe der Jahrzehnte dem Kronprinzen mit ihren Äußerungen und Mutmaßungen über seinen Charakter taten", schreibt Ingrid Haslinger. Die von ihr genau studierten Quellen lassen "den Thronerben in einem anderen Licht erscheinen". Schattenseiten wie angebliche Morphium- und Alkoholabhängigkeit finden sich in einem viel zitierten anonymen Artikel, der einen Monat nach dem Tod in Berlin erschien. Er fügte sich in eine großangelegte Kampagne, die Berliner Blätter aus politischen Grünen gegen Rudolf führen. Solche Meldungen finden sich ebenso im Anhang wie seine eigenen Briefe und jene von Zeitgenossen, aber auch Aussagen über Anzeichen von Mord und Verwüstungen im Jagdschloss. Die Autorin lässt die Zitate für sich selbst sprechen, wie von Marie Ebner-Eschenbach: "Die wahre Ursache des Todes Kronprinz Rudolfs wird ewig ein Geheimnis bleiben".