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William M. Johnston: Der österreichische Mensch#

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William M. Johnston: Der österreichische Mensch. Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs. Böhlau-Verlag Wien, Köln, Graz 2009. 394 S. € 35,-

"Wien ist anders" warb die Österreichische Bundeshauptstadt vor etlichen Jahren. Der Slogan fordert die Frage heraus: "Anders als wer oder was ?". Antworten darauf finden sich schon in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bei Essayisten, die sich auf die Suche nach dem typisch Österreichischen machten. So erschien 1917 ein Artikel von Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) unter dem Titel "Preuße und Österreicher. Ein Schema." Der von Hofmannsthal geschätzte Münchener Berufskollege Oskar Schmitz (1873-1931), der das Schlagwort vom "österreichischen Menschen" prägte, stellte eine Liste von Eigenschaften auf, durch die sich "der Deutsche" und "der Österreicher" seiner Meinung nach unterscheiden. William M. Johnston meint, dass Schmitz "vielleicht als der Allererste (…) die Ansteckungskraft des Nazismus in Österreich gewittert hat."

Johnston (* 1936), ein amerikanischer Historiker, der in Australien lehrt, verfasste vor einem Vierteljahrhundert den Klassiker "The Austrian Mind" (dt. "Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte"). Sein neues Werk entstand auf der Grundlage von ca. 40 Werken 25 bedeutender Autoren aus der Zeit zwischen 1910 und 1967. Die Auswahl ist willkürlich, aber wohl begründet. Sie soll die Leser anregen, selbst solche Belege zur "Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs" zu suchen. Der englischsprachige Wissenschaftler hat das Buch in deutsch geschrieben. Er erweist sich damit nicht nur als profunder Kenner der österreichischen Geistesgeschichte, sondern auch als großer Freund Österreichs - was man nicht von allen zitierten Autoren behaupten kann.

Der Historiker analysiert, wägt ab, untersucht die aufgestellten Hypothesen. Als stichhaltigste nennt er jene vom "Sozialkapital", den Fundus an gemeinsamem Wissen, Gewohnheiten und Erwartungen, die von Angehörigen einer Gruppe geteilt werden und das Funktionieren der modernen Gesellschaft gewährleisten. In der Habsburgermonarchie bestand es zu einem Gutteil aus gemeinschaftlich ausgebildeten Beamten und Offizieren. Die "Dienstaristokraten", deren Einsatzort überall in der Monarchie sein konnte, hätten diese zusammengehalten. Sie hätten zum Charaktertypus des österreichischen Menschen beigetragen und ihr Verschwinden, so die Hypothese, Mitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg in Konflikte gestürzt. Untrennbar verbunden mit dem altösterreichischen Sozialkapital war der Habitus - nach dem Soziologen Norbert Elias der anerzogene Besitz an gemeinsamen Gewohnheiten, Zielen und Wissen. Ein Habitus der Konzilianz, Duldsamkeit und des Konservativismus bildeten eines der Hauptthemen der referierten Essays.

Bis in die 1960er- Jahre bezeichnete der Terminus "Österreichischer Mensch" den deutschsprachigen Menschen des Donauraumes. Johnston weist darauf hin, dass der Diskurs über die eigenständige Kultur im Vergleich zu anderen europäischen Staaten spät begonnen hat. Während sich die Genies der Aufklärung und Romantik um 1800 mit Fragen des "Deutschtums" und "Eigenschaften des deutschen Volkes" im Unterschied zu Franzosen oder Engländern beschäftigten, wurden diese im deutschsprachigen Österreich erst rund um den Ersten Weltkrieg zum Thema. Danach war "der Staat, den keiner wollte", auch einer, dessen Kultur keiner verstand. Und bis in die 1970er-Jahre dauerte es, dass der Begriff "Österreichische Identität" in der öffentlichen Diskussion auftauchte. Diese Identitätsdebatte "drehte sich vor allem um die Notwendigkeit, das kulturelle und das politische Leben in Österreich endlich in Einklang zu bringen. (…) Diese Debatte ergab als einen Konsens, dass die Zweite Republik nicht nur eine nuancierte Kulturpolitik treiben solle, sondern ein durch die Kultur nuanciertes politisches Leben führen müsse," meint William M. Johnston. Er ist überzeugt, dass sich die Auseinandersetzung mit den Autoren des frühen 20. Jahrhunderts lohnt: "Wir können von ihrem Einfallsreichtum lernen und von ihrem Engagement für Österreich (…) Ihre Essays führen uns vor Augen, wie sehr sich die Zweite Republik heute vom Habsburgerreich und der Ersten Republik entfernt hat. (…) Ihr Erfindungsgeist, ihr Weitblick und ihre Genieblitze verdienen jedenfalls auch nach über einem halben Jahrhundert des Vergessens unser wohlwollendes Entgegenkommen."