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Alfred Komarek: Anstiftung zum Innehalten #

Bild 'Innehalten'

Alfred Komarek: Anstiftung zum Innehalten. Mit Fotos von Alfred Komarek. Styria Verlag Wien, Graz, Klagenfurt 2010. 160 S. ill., € 19,95

Alfred Komarek lebt als freier Schriftsteller in Wien, Bad Aussee und Niederösterreich. Im Oktober feiert er einen halbrunden Geburtstag, wobei die Zahl der Lebensjahre von jener der bisher erschienenen Bücher - Belletristik, Sachbücher, Literatur für Kinder - bei weitem übertroffen wird. Gute Gründe, den über 70 gedruckten Werken ein neues hinzu zu fügen. Der Autor nennt es "Anstiftung zum Innehalten" und schreibt dazu in seiner unvergleichlichen Art: "So einfach ist das nicht, mit dem Innehalten. Jene, die viel Zeit dafür hätten, wollen nicht, und jene, die wollen, finden keine Zeit dafür, oder nur selten. Zu Letzteren gehöre ich öfter als mir lieb ist - darum ist dieses Buch auch eine Streitschrift gegen mich selbst."

"Anstiftung" und "Streitschrift" sind aggressive Worte, doch ist es ein zugleich scharfsinniges, sanftes, weises und sehr persönliches Werk geworden, ein echter Komarek. Das nobel ausgestattete Buch zählt 15 Kapitel, und jedes hat quasi als Initial ein Symbolbild zur Einstimmung. Fast alle der ausdrucksstarken Schwarz-weiß-Fotos stammen vom Autor. Das erste Bild macht eine Ausnahme. Es zeigt ihn in Expeditionsausrüstung, im Hintergrund lässt sich ein Sonnenaufgang ahnen. Vielleicht ist es jener magische Moment am Fuji, dem 3776 m hohen heiligen Berg der Japaner, der als einer der "Gipfelsiege" beschrieben wird. Hier ist die Rede von Komareks "Talent", sich selbst Augenblicke des Innehaltens zu verpatzen. Dieses Talent glaubt man ihm allerdings nicht und folgt ihm gerne ins nächste Kapitel.

"Kinder-Zeit" ist ein besonders österreichisches Kapitel. Es führt ins steirische Salzkammergut. Das Elternhaus des Autors steht in Bad Aussee, und darin ein Schaukelstuhl. Das Thonetmöbel, auch im Bild vertreten, verleitet geradezu zum Philosophieren über Kinderwelt und Erwachsenenzeit. Das Foto des nächsten Abschnitts zeigt einen Schreibtisch, auf den doppeltes Licht fällt: aus dem Fenster, das in die Natur weist, und aus einem nostalgischen Luster. Auf dem Tisch befinden sich eine Lampe, wie man sie aus alten Büros kennt, und eine Kiste, in der sich vermutlich eine Schreibmaschine befindet. Thema sind die Schätze, die einem weggenommen oder versprochen werden. Für einen Schriftsteller sind Schreibgeräte Schätze: Federstiel, Füllfeder, Kugelschreiber, Schreibmaschine und als vorläufiger Endpunkt der Computer mit seinen inzwischen vergessenen Vorläufern. Wer das Internet für sich zu nutzen weiß, ohne sich von ihm einfangen zu lassen, freut sich (wieder einmal) über goldene Worte: "Ist doch schön, Qualität nicht der Banalität zu opfern, selektiv zu leben, statt beliebig. Und wie ist das mit dem sozialen Druck ? Wer nicht mittut, steht alleine da ? Gerade das genieße ich zuweilen sehr."

Mit "Die Vermessenheit der Zeitmessung" folgt ein Seitenblick auf eine persönliche Leidenschaft, das Uhren-Sammeln. Das Thema Zeit ist eines, das schon viele zum Meditieren angeregt hat - umso aufschlussreicher, was der feinsinnige Schreiber dazu zu sagen hat. "Subjektive Zeit ist ein Mysterium, objektive Zeit ist ein Konstrukt", beginnt er. "Annähernd distanziert" führt ins Reich des Grünen Veltliners, das Weinviertel, eine weitere Heimat des Alfred Komarek. Er sinniert über die Grenzen "zwischen der gegebenen und der gedachten Welt" und die von ihm geschaffenen Romanfiguren Simon Polt und Daniel Käfer. Die - mit Preisen bedachten - Polt-Romane wurden erfolgreich verfilmt. Käfer ist der Protagonist einer Tetralogie aus dem Salzkammergut.

"Der Boom nervt" ist Balsam auf die Seele aller, die sich über Sprachmoden ärgern, kränken, sich dadurch gestört, belästigt, unangenehm berührt, belastet, beunruhigt oder beleidigt fühlen. All diese Vokabel werden heute oft auf eines reduziert: "es nervt". Dabei gebärdet sich der Meister der zarten Nuancen nicht als polternder Sprachpolizist. Man spürt förmlich, wie ihm Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit im Umgang mit der Sprache weh tun. Dies wahrscheinlich umso mehr, als etliche der zitierten Stilblüten im Österreichischen Rundfunk gediehen.

Komarek schrieb für die Anstalt Drehbücher (u.a. für die hochgelobte Serie "Universum"), er war Mitarbeiter der ersten Stunde des ORF-Radios Ö3 und gestaltete mehr als ein Jahrzehnt hindurch die wöchentliche Sendereihe "Melodie exklusiv". Ihre sentimentalen Beispiele sollten den Hörerinnen und Hörern Gelegenheit geben, "ihre eigene Welt in den Texten zu erkennen und die Geschichten für sich persönlich fortzuschreiben". Es ist das selbe Prinzip, dem die "Anstiftung" folgt. Als Redakteur hochkarätiger Reisemagazine ließ Alfred Komarek Leserinnen und Leser an Abenteuern teilhaben. Nicht weniger abenteuerlich scheinen die Ausfahrten mit seinem Citroen 2 CV gewesen zu sein. Die Reminiszenzen an die legendäre "Ente" tragen den vielsagenden Titel "Der Rückschritt der Fortbewegung".

"Brotlose Künste", mit einem steinernen Löwen als optischem Einstieg, führt in die Welt der Karrieren und Alphatiere. Das Kontrastprogramm ("Wir sind so frei") handelt von der Freizeitgesellschaft, Lifestyle und Mode. Kaum verwunderlich, dass der spitzzüngige Autor daran wenig Gefallen findet. Das zeigt schon das Foto durch die offene Presshaus-Tür, Tisch und Nussbaum davor sind angeschnitten, Rebstockreihen berühren den Horizont: eine Liebeserklärung an eine österreichische Landschaft. Im Pulkautal ist Komarek glücklicher Besitzer eines "Hauses ohne Rauchfang" .

Kritisch widmet sich der Autor dann der "breiten Masse" und ihren Erfindern, den Machern der Massenmedien: "Bei ihren trostlosen Fischzügen geht es um den Fang von Mehrheiten, von Quoten, so effizient und so billig wie möglich. Darum fischen sie mit riesigen Schleppnetzen, mit Licht und Dynamit … Sie sind aber unschuldig. Die Beute ist schuld, weil sie sich fangen lässt, und dann macht sie auch noch den armen Fischern Angst und setzt sie unter Druck. Nein, sage ich, nein. Es gibt sie nicht, die breite Masse mit dem schlechten Geschmack und so weiter. Aber eine mit verwirrtem, marktgerecht konditioniertem Geschmack könnte es bald einmal geben."

"Erst wann 's aus wird sein" beschäftigt sich mit Lust und Last im Alter. Glücklicherweise sind aber die fein ziselierten Texte noch nicht aus. Unter der Titelzeile "Lebens-Zeit" lugt eine Schildkröte aus ihrem Panzer. Hier ist die Rede von den ungleichen Brüdern Komarek, von denen der eine nach einem halben Jahrhundert als Gewerbetreibender erst in der Pension sein selbst bestimmtes Tun und Lassen genießt. "Schön langsam" handelt von einem ländlichen Radwandertag. Bei diesem kommt (wie auch auf dem Cover des fünften Kriminalromans "Polt") alljährlich das alte Steyr-Waffenrad des Schriftstellers zu Ehren: "Nicht jeder Tag ist Radwandertag und nicht allzu oft ist es mir gegönnt, wunschlos und ziellos durch die Welt zu mäandrieren oder auch ganz still und ruhig und ohne Bewegung darauf zu warten, dass mir Flügel wachsen. Aber das wird sich ändern, jawohl." Ein Foto von der gepflegten Wildheit eines Gärtchens samt Holzzaun ziert den Epilog des poetischen und kraftvollen Buches, das von der Entschleunigung handelt ohne dieses Wort je zu gebrauchen, und "das den Traum von mehr Lebensqualität nicht als Utopie enden lassen möchte."