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Reinhard Kriechbaum: Weihnachtsbräuche in Österreich#

Bild 'Kriechbaum'

Reinhard Kriechbaum: Weihnachtsbräuche in Österreich. Verlag Anton Pustet Salzburg 2010. 200 S., ill. € 24,-

Alle Jahre wieder glauben Verlage, ihren Lesern ein neues Weihnachtsbuch schuldig zu sein - wofür sie oft Gutes, und sei es aus dem Vorjahr, aus dem Sortiment nehmen. Alte Lieder und Geschichten, "Brauchtum" und nostalgische Bilder sollen die offenbar vorhandene Erwartungshaltung erfüllen. Vorsicht scheint also geboten, wenn ein neues Buch mit gefälligem Cover das Angebot vermehrt, noch dazu ohne Klappentext, der Rückschlüsse auf den Autor zuließe.

Umso erfreulicher ist die Überraschung. "Weihnachtsbräuche in Österreich" von Reinhard Kriechbaum ist wirklich lesenswert. Es handelt sich um eine (seltene) Momentaufnahme alter und neuer Bräuche aus allen Bundesländern. Der Autor, freiberuflicher Journalist und Chefredakteur einer Internet-Kulturtageszeitung, hat u.a. Volkskunde studiert. Sein Zugang ist also von mehreren Kompetenzen geprägt. Da ist zuerst das Recherchehandwerk. Im Cyberspace fliegen einem die Informationen zu, um so aufwändiger und schwieriger wird die Auswahl. Nach den Ergebnissen zu schließen, hat Kriechbaum zusätzlich solide Ethnographie betrieben. Die Titel und Texte der 80 Kapitel sind "journalistisch" formuliert, manchmal sehr locker-flockig - "Im Trommelschlag des Todes" , "Das Jesuskind klaut eine Spielkarte" - und nicht immer österreichisch, wie "Schluss mit lustig" oder "Einkaufen auf Teufel komm raus". Ein ungeschriebenes Gesetz der Ethnologenzunft fordert, "zu sehen, was ist". Nicht zu werten und nicht nur das Traditionelle zu pflegen. Dieser Forderung kommt der Autor aufs Beste nach. Nicht Nostalgie, sondern heutige Kultur und Lebensart stehen im Fokus seiner Aufmerksamkeit. Das Buch zeigt Veränderungen und lässt Menschen zu Wort kommen, denen Bräuche wichtig sind. Dieser Zugang bringt wesentlich mehr als die üblichen Ursprungsfragen und deren meist falsche Antworten.

Bräuche fallen nicht vom Himmel, und sie kommen nicht aus der Volksseele. Sie werden von Einzelnen oder Personengruppen erfunden, weitergegeben, verändert. Sie können wachsen, aber auch sterben, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Auch diese Erkenntnis hat sich der Autor zu eigen gemacht. Für seine Beschreibungen fand er rund 80 Bräuche zwischen Bodensee und Neusiedlersee, die meisten lokal begrenzt, viele überregional, wie der Kathreintanz im ersten, oder weihnachtliche Speisen im letzten Kapitel. Farbfotos illustrieren die Geschichten. Benutzerfreundlich findet sich am Ende jeweils ein Kasten mit Antworten auf die Fragen "Wo?" und "Wann?" sowie Kontaktadressen. Dabei fällt auf, dass nähere Informationen in den meisten Fällen bei den örtlichen Tourismusverbänden zu bekommen sind. Vor 50 Jahren hätte man vieles von dem, was sich hier finden lässt, als Folklorismus bezeichnet. (Der Münchener Volkskundler Hans Moser hatte diesen Begriff für die „Vermittlung und Fortführung von Volkskultur aus zweiter Hand" geprägt, wobei Kritik an der kommerziellen Nutzung durch Werbung und Tourismus mitschwingt. Diese Debatte ist seit den 1990er-Jahren abgeflaut, heute spricht man lieber von Kompromissbildung.) "Viele Bräuche, auf denen das Etikett 'uralt' zu kleben scheint, erweisen sich bei näherer Betrachtung als Neuschöpfungen" , schreibt Kriechbaum treffend.

Sein Kaleidoskop beginnt chronologisch mit dem Kathreintanz, beschäftigt sich dann mit Weihnachtsmärkten, Krippenspielen, Rorate und Adventkranz. Das "Büro für Weihnachtslieder" in Graz wird ebenso gewürdigt, wie die Wiener Maronibrater oder das Postamt Christkindl. Einige Artikel sind Bräuchen zu Krampus und Nikolaus gewidmet, unter denen sich besonders viel Neues findet. Christbaum und "Stille Nacht" dürfen ebenso wenig fehlen wie "Licht ins Dunkel". Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil dauerte der Weihnachtsfestkreis bis Maria Lichtmess. Seither schließt er am Sonntag nach dem Dreikönigstag. Das Buch bleibt bei der alten Gewohnheit, und so darf man sich freuen, nach Neujahrs- und Dreikönigsbräuchen auch noch einiges über die Sebastiansminne, Lichtmessingen und Kirchleintragen zu erfahren.

Die Zeller Tresterer mit ihren Kostümen aus rotem Brokat und Kopfputz aus weißen Federn traten vor 1900 im Fasching auf. Ihre Tänze wurden früher mit "archaischen Fruchtbarkeitsritualen" in Verbindung gebracht. Diese Meinung ist eindeutig widerlegt. Das Buch zitiert die Salzburger Ethnologin Ulrike Kammerhofer-Aggermann, die einen Vergleich mit italienischen Karnevalstänzern, spanischen und baskischen Moriskentänzern anstellt. Erst seit der Wiederbelebung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts tanzen die Tresterer in der Vorweihnachts- und Weihnachtszeit. Wie so oft handelt es sich um steten Wandel, Neugestaltungen, Wiederaufnahmen und Umbewertungen. Es ist erfreulich, dass der Autor die kompetente und aufgeschlossene Expertin zu Wort kommen lässt.

Andere Kapitel sind nicht frei vom "Wolfram-Vokabular". (Richard Wolfram, 1901-1995, war die bestimmende Figur für die "ostmärkische" Volkskunde. 1939 wurde er a.o. Professor am Lehrstuhl für germanisch-deutsche Volkskunde an der Universität Wien. 1954 erlangte er die Venia legendi wieder und emeritierte 1971/72. Seine Anschauungen prägten Generationen von Volkskundlern.) Bezeichnungen wie "Brauchtum" oder "heidnischer Ursprung" lassen sich eindeutig auf Wolfram und Hans Strobl, den Münchner KdF-Ideologen, zurückführen. Da schmerzt es, wenn Reinhard Kriechbaum im Vorwort von "Brauchtumspflege" spricht oder im Kapitel "Rauch und Weihwasser" in den "Machtbereich heidnischer Gottheiten" eintaucht und "Göttervater Wotan" mit seinen bösen Geistern und Dämonen zur Erklärung heranzieht. Aber es gibt eine Hoffnung: Vielleicht nimmt der Verlag nächstes Jahr die "Weihnachtsbräuche in Österreich" nicht aus dem Sortiment, sondern druckt eine leicht veränderte Neuauflage dieses sonst so empfehlenswerten Werkes.