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Georg Markus: Wie die Zeit vergeht#

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Georg Markus: Wie die Zeit vergeht. Neues, Heiteres und Spannendes aus Österreichs Geschichte. Amaltea Verlag Wien 2010. 304 S., zahlr. Abb. , € 24,95

Seit mehr als drei Jahrzehnten zählt Georg Markus zu den führenden Chronisten Österreichs. Er ist einer der produktivsten und erfolgreichsten Schriftsteller: Etliche seiner rund 30 Bücher wurden zu Bestsellern, sein jüngstes, "Wie die Zeit vergeht", erlebte in vier Monaten vier Auflagen, danach weitere zwei. Schon der Untertitel ist viel sagend: "Neues, Heiteres und Spannendes aus Österreichs Geschichte".

Vor allem ist das Buch eines: heiter, es soll "in keiner Zeile langweilig sein, denn langweilige Geschichtsbücher gibt es schon mehr als genug." Der Autor entschied sich in bewährter Weise für die Methode "Geschichte durch Geschichten erzählen". Damit kommt er einer breiten Leserschicht sehr entgegen. Anekdotenhaftes prägt sich besser ein als Jahreszahlen. Es hilft, sich von historischen Personen ein Bild zu machen und sie mehr oder weniger sympathisch zu finden.

Der Autor gliedert sein unerschöpfliches Thema in 20 Kapitel. Gleich im ersten findet sich etwas "Neues": Kaiser Maximilian, auch als letzter Ritter bekannt, lebte von 1459–1519. Um ihm die mühsame Brautschau zu ersparen, hätten ihm reitende Boten Bilder der heiratsfähigen Damen an Europas Höfen gebracht, aus denen er seine Wahl treffen konnte. Die Miniaturen wären auf Porzellan gemalt gewesen. Die erste Porzellanmanufaktur Europas entstand jedoch erst 1710 in Meißen, die zweite 1718 in Wien. Oder sollte das Material aus China gekommen sein ?

Nachdem man im ersten Kapitel viel über die Habsburger gelesen hat, folgt ein weiterer Österreich-Mythos, jener vom Musikland, übertitelt: "Wolferl, Franzl, Schani". Sehr interessant sind (nicht nur in diesem Abschnitt) die aktuellen Währungsumrechnungen. So erfährt man hier, dass Mozart allein aus seiner Pianistentätigkeit jährlich 120.000 Euro (10.000 Gulden) verdiente. Weitere Vergleiche laut "Statistik Austria": Prinz Eugen verfügte über ein Vermögen von 100 Millionen Euro (2 Millionen Gulden). Ein Jahr kaiserliche Hofhaltung bei Franz Joseph wurde um 1848 mit 63 Millionen Euro (4,2 Millionen Gulden) veranschlagt. Mehr als doppelt soviel (130 Millionen Euro - 21 Millionen Gulden) kostete 40 Jahre später der Bau des Burgtheaters. Sigmund Freud staffelte seine Honorare nach der finanziellen Lage der Patienten um die Jahrhundertwende zwischen 30 und 300 Euro (10 bis 100 Kronen).

Der Erfolgsautor verspricht, "Spannendes" zu bringen, und er verspricht nicht zu viel. Besonders, wenn es um große Kriminalfälle geht. Allerdings sei auch hier eine Korrektur für die nächste Auflage angeregt: Beim Gottesurteil der Wasserprobe galt nicht die Schuld, sondern die Schuldlosigkeit als erwiesen, wenn der Angeklagte ertrank. Eher unbekannt dürfte sein, dass der Bruder Franz Grillparzers mehrmals als Krimineller auffiel. Jedesmal gelang es dem Dichter und späteren Direktor des Hofkammerarchivs, den um ein Jahr jüngeren Karl aus den Mühlen des Gesetzes zu retten.

Das nächste Kapitel ist Besonderheiten der österreichischen Literatur gewidmet. Dazu zählt die Tatsache, dass einige ihrer bedeutendsten Vertreter Deutsch schrieben, aber einem anderssprachigen Kulturkreis entstammten: Franz Kafka, Karl Kraus, Joseph Roth, Ödön von Horváth und Elias Canetti waren "Produkte der Sprachenvielfalt innerhalb der Donaumonarchie".

Die folgenden Abschnitte widmen sich Adeligen, Ärzten, Schauspielern und Beamten. Allgemein sagt man über eine Anekdote: wenn sie nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden - wie jene über den Chirurgen Theodor Billroth. Er warnte einen Hypochonder, der seine Symptome aus der medizinischen Fachliteratur bezog: "Geben Sie acht, sie werden noch an einem Druckfehler sterben."

"Affären und Liebschaften" quer durch alle sozialen Schichten bleiben nicht unerwähnt, von Kaisern bis zur berühmt-berüchtigten Mutzenbacherin und ihren Kolleginnen. Es folgen Schilderungen anderer Berufsgruppen wie Architekten, Angehörige der k.k. Armee und Filmstars. Während sich die einen in Erfolg und Ruhm sonnten, blieb der sprichwörtliche "kleine Mann" im Schatten des grauen Alltags. Auch hier wäre eine Korrektur anzubringen. 1889 streikten mit Viktor Adlers Unterstützung nicht die Fiaker, sondern die Kutscher der Pferdetramway. Auch der Arbeitslosen von Marienthal und der soziologischen Studie über sie wird im Kapitel über das "Leben der einfachen Menschen" gedacht.

Wieder ein Kontrastprogramm: Die Wiener Institution des Kaffehauses. Erfreulich, dass die Kolschitzky-Geschichte ins Reich der Märchen verwiesen wird und der Armenier Johannes Diodato als erster Kaffeesieder Wiens zu Ehren kommt. "Ein kleines Land und die große Politik", das Wirtschaftswunder und Religiöses sind weitere Themen der österreichisch-historischen Tour d'horizon.

Überwiegend heiter wird der Überblick in den Erörterungen über Radio-Legenden, "das Patschenkino und seine Pioniere" und abschließend "das Wiener Kabarett und seine Pointen." Hier kann der Autor aus dem Vollen schöpfen - vor 40 Jahren arbeitete er als Assistent von Karl Farkas am Kabarett "Simpl".

Mit seinem humorvollen Zugang der "Geschichte durch Geschichten" befindet sich Georg Markus in bester Gesellschaft. Schon der antike Historiograph Herodot (490/480 - um 424 v. Chr.) wurde zugleich als Vater der Geschichtsschreibung und Erzähler zahlloser Geschichten bezeichnet. Herodot neigte zu Anekdoten und gab gerne fiktive Erzählungen wieder - nicht zuletzt, um sein Publikum zu unterhalten. Der Schriftsteller Egon Friedell (1878-1938) verfasste um 1930 eine dreibändige Kulturgeschichte der Neuzeit. Dabei erschien ihm die Anekdote als "einzig berechtigte Kunstform der Kulturgeschichtsschreibung" und er zitierte den Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900), der meinte: "Aus drei Anekdoten ist es möglich, das Bild eines Menschen zu geben." Mit "Wie die Zeit vergeht" hat Georg Markus seinem Publikum zahlreiche solcher Bilder gegeben. Viele regen zum Schmunzeln an, viele aber machen nachdenklich über Österreichs Geschichte.


Sehr gelungene rezension, die durch kompetente anregungen für korrekturen der nächsten auflage völlig überzeugt. offensichtlich sind einige ungereimtheiten bisher erst der rezensentin aufgefallen und nicht dem lektorat, womit markus sicher geholfen wird, da die kritischen anmerkungen völlig zutreffend sind. insgesamt wieder ein gelungener wurf des erfolgsautors, der sich erfreulicherweise an herodots methode orientiert. anzumerken wäre, dass herodots geschichten weitgehend auf wahrheit beruhen, so wie er sie bei seiner bereisung ägyptens erfahren hat.

--Glaubauf Karl, Dienstag, 24. August 2010, 07:54