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Ruth E. Mohrmann (Hg.): Alternative Spiritualität heute #

Bild 'Spiritualität'

Ruth E. Mohrmann (Hg.): Alternative Spiritualität heute. Mit Beiträgen von Christine Aka, Dieter Beese, Helmut Groschwitz, Dagmar Hänel, Andreas Hartmann, Markus Hero, Hubert Knoblauch, Peter Jan Margry, Angela Treiber, Matthias Vollmer. Waxmann Verlag Münster 2010. 160 S. € 24,90

Vor fast einem Jahrzehnt hat der österreichische Religionssoziologe und Pastoraltheologe Paul M. Zulehner den Begriff vom "Megatrend zur Respiritualisierung" geprägt, den er besonders in den europäischen Großstädten, so auch in Wien, beobachtete. Die großstädtische Respiritualisierung sei ein "Aufstand gegen die wachsende Unerträglichkeit des banalen Alltagslebens", formulierte Zulehner 2002. Die vom Zwang, "maximales Glück in minimaler Zeit zu erreichen" enttäuschten Menschen seien auf der Suche nach "Heilung". Diese fanden schon damals nur 20 % in den Glaubenssätzen der christlichen Kirchen. Jeweils etwas mehr als ein Drittel nannte Zulehner "Religionskomponisten" (die sich ihre Weltanschauung aus verschiedenen Quellen zusammenstellen) und "naturalistische Humanisten" (die sich in einen schicksalhaften Kreislauf der Natur eingebunden fühlen und anthropozentrisch ausgerichtet sind). 2004 erschien sein Buch "Spiritualität - mehr als nur ein Megatrend".

Dieses Werk wird im vorliegenden Band mehrfach zitiert. „Megatrend Spiritualität“ war das Thema einer 2008 abgehaltenen Tagung der volkskundlichen Kommission für Westfalen, deren Ergebnisse sich genau so gut auf Österreich anwenden lassen. Der nun erschienene Tagungsband fasst die aus unterschiedlichen Blickwinkeln und in interdisziplinärer Ausrichtung - Europäische Ethnologie, Soziologie und Theologie - gehaltenenen Referate zusammen. Sie untersuchen die Entstehungszusammenhänge, Träger, Formen und Entwicklungsperspektiven der vielfältigen neue Formen der Religiosität, die sich von den hergebrachten erheblich unterscheiden. Wie schon in der Zulehner-Studie festgestellt, wächst die Zahl derjenigen, die in einer als alternativ bezeichneten Form der Transzendenz-Erfahrung Sinn und Erfüllung finden. „Spiritualität“ - als allgemein akzeptierter Leitbegriff für eine individuell gelebte Religiosität - ist aus dem Umfeld von Theologie und Kirche in die Alltagssprache ausgewandert.

Einleitend thematisiert die Ethnologin Christine Aka die volkskundliche Religions- und Frömmigkeitsforschung und die aktuelle "Patchwork-Spiritualität". Gläubigkeit im Alltag zeigt sich breit gefächert und unspezifisch. Widersprüchliches und Ungleichzeitiges, Christliches und andere Vorstellungen sind zu individueller Religiosität verwoben. Es gilt: "Wahr ist nur, was ich selbst als wahr erlebe" und "Heilig ist, was ich als heilig empfinde" oder: " Ich bin meine eigene Sekte".

Der Soziologe Hubert Knoblauch zeigt, dass weder die kirchliche Religiosität noch die alternative Spiritualität auf ein eingegrenztes Milieu beschränkt bleiben. Die Akzeptanz der neuen Inhalte ist u.a. der Diffusion des New Age zu verdanken, schreibt Knoblauch und zitiert den Linzer Soziologen Ingo Mörth, der für Österreich schon 1989 feststellte, dass hier "auch ohne Wissen um New-Age-Konzepte und aktives New-Age-Engagement Grundzüge des im New Age verdichteten Weltbildes im Bewusstsein der Menschen verankert sind."

Der Soziologe Markus Hero zeigt die Transformationsprozesse der zeitgenössischen Spiritualität auf. Sie begannen in den späten 1960er- Jahren in einer schrittweisen Bewegung von gemeinschaftsförmigen Assoziationen ("Jugendsekten") und entwickelten sich zu unverbindlichen Marktbeziehungen. Die nun nicht mehr in Lehrgebäuden oder Hierarchien fixierte religiöse Substanz bildet permanent neue Wirkungsfelder aus, wie Beratung, Lifestyle, Karriere, Wellness oder "ganzheitliche Wohn- und Geschäftsraumgestaltung".

Die Theologen Matthias Vollmer und Superintendent Dieter Beese thematisieren die Positionen ihrer Kirchen zur alternativen Spiritualität heute.

Die Ethnologin Angela Treiber hat sich intensiv mit den Fragen und Diskussionen um Internetgebrauch, Cyberspace und Religion beschäftigt. In ihrem Beitrag stellt sie die unterschiedliche Verwendung der neuen Medien vor. Etablierte Kirchen sehen sie als Möglichkeit zur Evangelisierung und Missionierung. In England erfanden Methodisten eine virtuelle Kirche, zahlreiche Interessenten nutzen die angebotene Interaktivität. Aber: "Eine Kerze per Mausklick anzuzünden, eine Kirche via Avatar zu betreten und dort beten zu lassen ist kein sicherer Indikator für eine religiöse Haltung."

Die Ethnologin Dagmar Hänel besuchte ebenso wie der Ethnologe Peter Jan Margry einen realen Schauplatz des Geschehens. Hänel beobachtete und befragte Pilger im katholischen Wallfahrtsort Lourdes, der jährlich über 6.000.000 Besucher zählt. Margry wählte als Ziel seiner Feldforschung das Grab des Rockstars und Poeten Jim Morrison (1943-1971), das dessen Fans "in einen heiligen Ort verwandelt haben".

Der Ethnologe Helmut Groschwitz war Zeuge des Papstbesuches in Regensburg. Sein Erfahrungsbericht trägt den Titel " 'Pope-Watching' und Papst-Merchandising". Er beobachtet seit den 1970er- Jahren eine "Eventisierung" der Gottesdienste durch Aufnahme popkultureller Elemente wie Folk- und Rockmusik. Der zahlenmäßig große Erfolg von Events wie Papstbesuch oder Weltjugendtag bedeutet jedoch "keine Renaissance der Kirche und schon gar nicht der Spiritualität", im Gegenteil, " indem die Kirche auf der Suche nach medialer Beachtung popkulturelle Mechanismen aufgreift, wird der Papst zum Idol und die Religion zur Ware."

Schließlich widmet sich der Ethnologe Andreas Hartmann einem sehr weit gefassten Begriff der Spiritualität. Er vergleicht Berispiele aus einem modernen westlichen Kontext mit einem thailändischen Ritual, bei dem Frauen von ihren Ahnen besessen werden.

Der "bunte Bauernhimmel der Heiligen", dessen Darstellung zu den Lieblingsthemen der traditionellen Volkskunde gehörte, ist von einem noch viel bunteren universellen Kosmos abgelöst worden. Sich anhand des vorliegenden Buches damit auseinander zu setzen, ist nicht nur für volkskundliche Religionsforscher lohnend, sondern für alle, die sich - sei es in Österreich, in Deutschland oder in anderen Ländern - mit einem Aspekt des Zeitgeistes beschäftigen wollen.