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Bettina Nezval: Joseph Kornhäusel#

Bild 'Kornhäusel'

Bettina Nezval : Joseph Kornhäusel. Lustschlösser und Theater. Verlag Berger Horn 2010. 132 S., ill. € 25,-

Joseph Kornhäusel (1782-1860) war der Stararchitekt des Klassizismus. Unter seinen Auftraggebern waren so prominente wie Erzherzog Karl, Johann Fürst von und zu Liechtenstein oder Carl Graf Esterházy. Bekannte Gebäude sind die Synagoge in der Seitenstettengasse, der Schottenhof, das Mechitaristenkloster, die umgebaute Albertina oder die Parkarchitektur in den ehemaligen Liechtensteinschen Besitzungen Eisgrub/Lednice und Feldsberg/Valtice, Villen und Bäder in Baden bei Wien.

Trotzdem weiß man über viele seine Werke relativ wenig. Die Wiener Kunsthistorikerin Bettina Nezval hat es unternommen, zum 150. Todestag Kornhäusels neue Forschungen zu publizieren. Ihr reich illustriertes Buch konzentriert sich auf seine Lustschlösser und Theater, darunter auch Objekte im heutigen Tschechien und Polen, über die es bisher kaum Berichte gab.

Als Lustschloss bezeichnete man in der Barockzeit ein fürstliches Landschloss für den sommerlichen Aufenthalt außerhalb der Stadt - und außerhalb des Hofzeremoniells. Die Begriffe Landhaus oder Villa bürgerten sich im 19. Jahrhundert ein. Besitzer waren nicht mehr nur Adelige (die nach der Aufhebung der Grundherrschaft 1848 ihre Hoheitsrechte verloren hatten), sondern auch die neue Gesellschaftsschicht der Bürger und Unternehmer. Eine weitere wichtige Bauaufgabe bildeten um 1800 die Voluptuarbauten, romantische Lusthäuser, wie Aussichtstürme, Pvillons oder Tempel, in den weitläufigen "englischen" Landschaftsgärten.

Die Parkanlage der Fürsten Liechtenstein zwischen Niederösterreich und Mähren (heute im Süden Tschechiens) steht mit den beiden Schlössern Eisgrub/Lednice und Feldsberg/Valtice auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. 1814-1818 war Joseph Kornhäusel Liechtensteinscher Baudirektor. In diese Jahre fallen das Teichschlösschen, der Apollotempel und ein Jägerhaus (das dem Eisernen Vorhang im Weg stand) in Eisgrub. Ein interessantes Detail am Rande: Die Form der bekannten "Stadtbahngitter" hat Kornhäusel 80 Jahre vor Otto Wagner beim Teichschlösschen verwendet.

Für Erzherzog Karl, den Sieger von Aspern, führte der Biedermeierarchitekt mehrere prominente Aufträge aus. Die Weilburg bei Baden wirkte trotz ihrer Größe leicht und unbeschwert - und sie war voller technischer Neuerungen wie z.B. Fließwasser. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg demoliert, ist von dem beeindruckenden Schloss selbst nichts mehr erhalten, nur zwei Nebengebäude stehen noch. Der überaus zufriedene Bauherr sorgte gleich für einen Folgeauftrag: den Umbau seines Stadtpalais. Wieder bewährte sich die kongeniale Zusammenarbeit zwischen dem Architekten und dem Bildhauer Josef Klieber, der den berühmten Musensaal in der heutigen Albertina mit Figuren ausstattete. In Teschen (Polen) besaßen die Habsburger eine aus dem Mittelalter stammende Burganlage auf dem Schlossberg. Erzherzog Karl wünschte sich ein modernes Schloss und beauftragte Kornhäusel mit dem grundlegenden Umbau.

Noch ein adeliges Beispiel der Schloss- und Landschaftsarchitektur jenseits heutiger Staatsgrenzen wird ausführlich dargestellt: die benachbarten Schlösser Namest / Námest nad Oslavou und Schönwald / Jinosov. Hier war Heinrich Wilhelm III. Graf Haugwitz der Auftraggeber. Seinem fanatischen Interesse an Musik entsprechend - alle seine Bedienten mussten für das gräfliche Orchester geeignet sein - ließ er in Namest einen Musiksaal einrichten, wobei sich Kornhäusel auch als Beleuchtungs-Spezialist bewährte. In Schönwald gestaltete er, ähnlich wie in Eisgrub, einen Landschaftspark mit Apollotempel, Dianasitz und Pavillons. Schloss Schönwald stellt einen Idealtypus der Villenarchitektur der Biedermeierzeit dar.

Das zweite Kapitel ist der Villenarchitektur gewidmet. Zu den frühesten Bauten dieser Art (1804) zählt das Landhaus Jenamy mit seinem charakteristischen Aussichtsturm in Wien-Ottakring. Es wurde in den letzten Jahren vor dem Verfall gerettet und als "Kornhäuselvilla" revitalisiert. Weitere Beispiele, die mit Bildern und Plänen vorgestellt werden, sind das Landhaus Esterházy in Baden, das Lusthaus Rosenbaum in Wien-Wieden, das Lusthaus des Fürsten Liechtenstein am Schüttel (Wien 2), Landhaus Liebenberg, Villa Perger und Villa Jäger in Baden, die Villa Hofmann in Mödling und Kornhäusels eigene Villa in der Hinterbrühl. Dabei fällt auf, dass die Wiener Villen nicht mehr bestehen, während in der "Kornhäuselstadt" Baden, wo u.a. auch der Sauerhof und das Theater von ihm stammen, dieses baukulturelle Erbe erhalten blieb.

Das dritte große Kapitel beschäftigt sich mit Kornhäusel als Theaterarchitekt. Seine fünf Theater im damaligen Niederösterreich - Baden, Wien-Hietzing, Eisgrub / Lednice, Burg Feistritz, Wien-Josefstadt - und jene in Olmütz (Tschechien) und Teschen (Polen) werden hier erstmals ausführlich präsentiert. Zusammenfassend schreibt die Autorin: "Joseph Kornhäusel war der bedeutendsten Theaterarchitekt der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. … Die formalen Lösungen seiner Theaterfassaden zeigen seinen außergewöhnlichen Sinn für künstlerisch-vornehmen Ausdruck … Damit ist die Basis für die Architektur der Moderne gelegt …"

Schließlich erfährt man noch interessante Details über seine Säulen, Türme und Kornhäusels "Bedeutung, Werk und Leben". Über seine Persönlichkeit ist wenig bekannt, es gibt kaum Aufzeichnungen und kein Portrait. "Das Forschungsfeld ist groß, es sind noch viele Fragen offen zum Oeuvre und zur Person Joseph Kornhäusels", schreibt Bettina Nezval. Als "Postskriptum" behandelt sie mögliche weitere Bauten und Abschreibungen, die aufgrund ihrer Forschungen nun aus dem Werkverzeichnis ausgeschlossen werden müssen. Der prominente Architekt hätte sich kein schöneres Jubiläumsgeschenk wünschen können, als dieses Buch !