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Ernst Freiherr von Nadherny: Erinnerungen aus dem alten Österreich#

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Ernst Freiherr von Nadherny: Erinnerungen aus dem alten Österreich. Hg. Peter Panholzer und Christiane Reich-Rohrwig, Verlag Böhlau Wien 2009. 323 S. mit 41 Abbildungen. € 29,90

Der schlichte Titel trifft ins Schwarze. Erinnerungen an eine versunkene Welt werden geweckt: Die letzten Jahrzehnte der Donaumonarchie - Pferdetramway und erste Stadtbahn, die Herren in farbenfrohen Uniformen oder Gehrock und Zylinder, die Damen in langen Kleidern, die Staub aufwirbelten, Hofball und Werkelmänner, Sonntagsausflug und Sommerfrische, Gebäude die nicht mehr bestehen und streng geregelte Umgangsformen … Ernst Nadherny (1885-1966) entstammte einer Familie, die 1833 geadelt und 1882 in den Freiherrenstand erhoben wurde. Sie zählte zur "zweiten Gesellschaft", der Beamte und Offiziere, Industrielle und Wirtschaftsleute, Wissenschaftler und Künstler angehörten. "In dieser Gesellschaft war ohne Zweifel die altösterreichischische Tradition am deutlichsten ausgeprägt ... Die zweite Gesellschaft brachte am häufigsten den echt österreichischen Typ hervor, der in aller Welt vor allem deswegen beliebt ist, weil er Liebenswürdigkeit und schöngeistige Neigungen mit einem guten Durchschnittsmaß an Charakter verbindet," schreibt Nadherny.

Ein Zeugnis dieser liebenswürdigen und schöngeistigen Weise ist das vorliegende Buch: Memoiren ohne Skandale und Sensationen, aber spannend und subtil. Zunächst macht der Autor mit seiner Familie bekannt: Urgroßvater, Kreishauptmann in Iglau, der Typus des k.u.k. Beamten, Großmutter, aus einer Kärntner Schlossbesitzer-Dynastie, "eine gütige Matrone aus dem Biedermeier", Vater, erst Präsidialist eines Ministers, den er stets zum Kaiser nach Schönbrunn begleitete, jedoch die Tätigkeit als Archivar vorzog, Mutter aus einer prominenten Medizinerfamilie, mit ausgebildeter Singstimme. Weiters finden sich im Stammbaum Persönlichkeiten wie der Flugmaschinen-Erfinder Jakob Degen oder der Afrikaforscher Oskar Baumann.

Die Familie ließ den Schotten-Gymnasiasten nur ungern eine Künstlerlaufbahn einschlagen. Nach Abschluss des Jusstudiums begann er standesgemäß in der Niederösterreichischen Statthalterei, vergaß aber nie die "geheimen Absichten" einer Sängerkarriere. Das 1910 in München begonnene Gesangsstudium brachte die erste Lebenswende, eine rasche Heirat und bald Engagements in Deutschland. Als zweite Lebenswende bezeichnet er den Ersten Weltkrieg: Kriegsdienst, Beamtenlaufbahn und Rückkehr nach Wien. Allerdings hielt es ihn hier nicht lange. Die "Wanderlust" und der Wunsch nach dem Leben als anerkannter Bühnenkünstler waren stärker. Nadherny feierte Erfolge als Operettenstar, wurde in Böhmen Theaterdirektor, gastierte in Europa und im Orient.

Die Zwischenkriegszeit brachte den Autor "auf des Lebens Höhe". In jene Jahre fiel die Zusammenarbeit mit Hubert Marischka im Theater an der Wien, Raimund- und Stadttheater. Stars mit heute noch bekannten Namen waren seine Bühnenpartner(innen) wie Hugo Thiemig, Mizzi Zwerenz, Richard Tauber, Maria Jeritza, Alfred Piccaver oder Paula Wessely. Als sich die "silberne Operettenära" zu Ende neigte, wechselte der überaus vielseitige Künstler zum Schauspiel und in die Regietätigkeit, damals debütierte Johannes Heesters an der Volksoper. Nadherny wirkte in der Folge bei den ersten Produktionen der Wien-Film mit, spielte im Ausland Oper, Operette, Lustspiele und klassische Sprechrollen.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte der Autor in Wien. Dann wirkte er vor allem am Bürgertheater, zeitweilig als dessen Direktor, wieder gemeinsam mit Kolleg(innen), die klingende Namen trugen: Annie Rosar, Waltraut Haas, Heinz Conrads. Mit Hubert Marischka betrieb er eine Operettenschule, trat bis ins hohe Alter bei Tourneen und in Filmen auf. 1965 zählte er 6899 Auftritte in 276 Rollen. Schon mit 48 Jahren hatte Nadherny begonnen, seine Erinnerungen niederzuschreiben: "Ich dachte mir, vielleicht liest in hundert Jahren einer meiner Nachkommen diese Aufzeichnungen mit demselben Interesse, welches ich heute Erinnerungen meines Urgroßvaters entgegenbrächte, wenn es solche gäbe." Ergänzungen erfolgten bis 1964. Rund ein halbes Jahrhundert lag das Manuskript in der Schublade. Dann entschlossen sich Neffe und Enkelin zur Herausgabe. Sie haben den Text lektoriert, mit Anmerkungen, Biographie, Stammtafeln, Register und Bildern ergänzt. "Ich fand Freude darin, die Vergangenheit wieder erstehen zu lassen," schreibt der Autor. Diese Freude spricht aus jedem Satz des Buches, das hervorragend geeignet ist, sie auf die Leserschaft zu übertragen.