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A. Ratzenböck - A. Euler: Durchs Leben - durchs Jahr#

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Anneliese Ratzenböck - Andrea Euler: Durchs Leben - durchs Jahr. Aktuelle Bräuche in Oberösterreich. Trauner Verlag Linz 2008. 132 S., illustriert, € 14,90

Der Untertitel macht neugierig. Was sind aktuelle Bräuche in Oberösterreich ? Holzstörche, die im Vorgarten auf Familienzuwachs hinweisen, Hochzeitskerzen, mit Ostereiergirlanden geschmückte Brunnen, Hexenfeste in der Walpurgisnacht, Halloween-Dekorationen, Krampusperchten oder per SMS funktionierende Adventkalender zählen dazu. Im Zeitalter der Globalisierung findet man sie freilich nicht nur im Land ob der Enns.

Dr. Andrea Euler leitet die volkskundliche Abteilung des Landesmuseums im Schlossmuseum Linz. Dort hütet sie nicht nur die 50.000 Objekte umfassenden Sammlungsbestände, sondern betreut auch seit einem Jahrzehnt das österreichweite Projekt "Alltagskultur seit 1945". Für den von ihr gestalteten zweiten Teil des Buches konnte die Ethnologin beim Material aus erster Hand aus dem Vollen schöpfen. Es ist ihr gelungen, auf knapp 60 Seiten die wichtigsten Tage im Jahreslauf mit ihren Bräuchen kurz, klar und viele im Bild darzustellen. In der Einleitung formuliert sie, was nicht oft genug wiederholt werden kann: Nichts von dem Geschilderten hat "schon immer" existiert, nichts ist "uralt". Bräuche sind keine statischen Gegebenheiten, sondern "dynamische Prozesse, eingebunden in soziale Zeit und sozialen Raum." Getreu dem Ethnologen-Gebot "Volkskunde hat (nur) zu sehen, was ist", enthält sich Andrea Euler der Bewertungen. Sie beschreibt, wie sich Innovationen entwickeln und was zu ihrem Erfolg beiträgt.

Daneben werden regionale Besonderheiten unterschiedlicher Entstehungszeit erklärt: Das Aperschnalzen findet seit den Nachkriegsjahren nach Salzburger Vorbild auf dem Linzer Hauptplatz statt, um das neue Jahr zu begrüßen. Die Glöckler, die seit den 1870er- Jahren mit 15 kg schweren Lichterkappen durch das Salzkammergut ziehen, "entwickelten sich zu einer regelrechten Touristenattraktion". In Bad Ischl sind "Der Bader Jagerl und seine Frau Gertrud" beim Faschingsumzug nicht wegzudenken. In Sierning locken Sängerwettstreit und Rügegericht am Faschingdienstag Hunderte von Besuchern zum Rudenkirtag. In Gmunden feiert man Laetare in der Fastenzeit als Liebstattsonntag mit Lebkuchenherzen. Der Weiße Sonntag nach Ostern ist in Oberösterreich der Ahnlsonntag, an dem Kinder ihre Großeltern besuchen und von ihnen mit Kipferln beschenkt werden. Die Seeprozessionen zu Fronleichnam als barocke Schaubräuche sind in Hallstatt seit 1628, in Traunkirchen seit 1632 nachzuweisen. Drei Jahrhunderte jünger ist der Seitlpfeifertag, an dem sich zu Mariä Himmelfahrt Musikanten auf einer Alm treffen. Die Anregung kam 1925 von zwei Volksmusikforschern. Ebenfalls in den Sommerferien finden der Tag der Tracht (seit den 1980er- Jahren) und in jüngster Zeit die Gamsjagatage in Bad Goisern statt, wo - abwechselnd mit Bayern - auch die Gamsbartolympiade abgehalten wird. Im September hat der Almabtrieb der geschmückten Rinder samt Rahmenprogramm Bedeutung für den Fremdenverkehr. Seit einem Jahrhundert begeht Bad Ischl den Lichtbratlmontag. Seinerzeit luden die Meister ihre Gesellen zu einem Mahl ein, bevor diese nach Michaeli (29. September) bei Kunstlicht arbeiten mussten. Reiterspiele und Leonhardiritte erlebten durch Reitvereine aktuelle Belebung. Die umstrittenen Vogelfänger-Ausstellungen in der Ebenseer Gegend stehen inzwischen (wie auch der Glöcklerlauf) auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes. Als typisch oberösterreichisch gilt der Bratwürstelsonntag (1. Adventsonntag). Weihnachtliches Kletzenbrot ist eine nach wie vor beliebte Spezialität aus dem bäuerlichen Bereich. Während landauf, landab Christkindlmärkte stattfinden, hat St. Wolfgang eine "Verbannung des Weihnachtsmannes" ausgesprochen. Hingegen sind in Windischgarsten der Besuch des "Niglo" mit seinem Gefolge und in St. Roman jener des "Midlao" samt Habergeiß traditionelle regionalspezifische Bräuche.

Daneben findet man vieles, was einem bekannt vorkommt, weil es vielerorts ähnlich ist - von der Neujahrsknallerei bis zur Christmette. Auch anderes kommt einem in diesem Brauchtumsbuch bekannt vor. Das beginnt schon beim Titel, der dem eines christlichen Hausbuchs aus Deutschland zum Verwechseln ähnlich klingt. Andrea Euler hat die Jahresbräuche schon im 1993 erschienenen Buch "Zwischen Aperschnalzen und Zwetschkenkrampus" beschrieben, allerdings wesentlich umfangreicher, mit vielen Zitaten und manchen Quellenangaben. Jetzt geht es hingegen um einen kalendarisch-lexikalischen Überblick. Alles Wesentliche ist meist in einem Absatz zusammengefasst.

Anders im ersten Teil des Buches, von Anneliese Ratzenböck. Die Gattin des langjährigen Landeshauptmannes war fast ein Vierteljahrhundert Landesobfrau der Goldhauben- Kopftuch- und Hutgruppen. Sie förderte Volkskultur, religiöse Bräuche und christliche Feiergestaltung. Außer für ästhetische und kulturelle Ziele engagieren sich die Goldhaubenfrauen für soziale Anliegen. Für Ratzenböck war und ist "Altes erhalten" ebenso wichtig wie "Neues gestalten". In diesem Bestreben schrieb sie bereits 1991 "Lebensbräuche. Familienfeste und Feiern", damals gemeinsam mit Rudolf Fochler. Während der ORF-Volkskultur-Spartenleiter "einen Überblick über das gegenwärtige traditionelle Verhalten" gab, erteilte Ratzenböck Ratschläge für Taufpaten, Firmlinge, Brautväter usw.

Große Teile des Textes wurden wörtlich übernommen, dabei wäre es interessant gewesen, wenn Vergleiche über zwei Jahrzehnte lebendiges brauchtum gezogen worden wären. Gab es 1991 die Empfehlung, dass Mütter Trachten als Erstkommunionkleidung in der Pfarre gemeinsam schneidern, ist nun von einheitlichen weißen Kutten für Buben und Mädchen die Rede. Nur "dann und wann findet man ein Erstkommunionmädchen in einem Dirndlkleid." Bei der Hochzeit berichtet die Autorin über die neue "Unsitte", dass Paare, die erst nach Jahren im gemeinsamen Haushalt heiraten, also schon alles haben, was sie dazu brauchen, statt Geschenken oft um Geldspenden bitten. Gerne hätte man erfahren, ob sich der seinerzeit empfohlene Begriff "Brautmädchen" statt "Kranzeljungfrauen" inzwischen durchgesetzt hat. Auch Totenbräuche ändern sich. Wurden beispielsweise früher Abschiedsreden am offenen Grab gehalten, so hört man heute Nachrufe in der Kirche oder Feuerbestattungshalle. "Das ist sicher eine gute Einführung," wertet die Trachtenpflegerin.

So handelt es sich bei "Durchs Leben - durchs Jahr" um zwei Bücher unter einem Einband. Die beiden Teile trennt eine Lage mit Farbillustrationen, die zeigen, wie bunt und vielfältig die aktuellen Lebens- und Jahresbräuche in Oberösterreich sind.