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Achim Schneyder, Rudolf Semotan: Auf dem Naschmarkt#

Achim Schneyder: Auf dem Naschmarkt. Notizen eines Spaziergängers. Mit Fotos von Rudolf Semotan. Pichler Verlag Wien 2009. 216 S., zahlr. Abb., € 24,95

Bild 'Markt'

Man kann ein Buch über einen aktuellen und traditionsreichen Schauplatz wie den Wiener Naschmarkt auf unterschiedliche Weise anlegen. Klassisch wäre eine topographische oder chronologische Gliederung, nach Berufen oder Menschen auf dem Markt. Der Autor, Wiener Redakteur der "Kleinen Zeitung", hat einen anderen Weg gewählt. Er nähert sich dem vielschichtigen Thema bewusst subjektiv. Augenzwinkernd beginnt der "Spaziergänger" seine Notizen mit einem "Fehlstart". Der Autor - auch im Bild zu sehen - steht an seinem Lieblingsstandl und denkt beim Grünen Veltliner über das noch nicht geschriebene Buch nach. Allerdings nicht zu lange, denn er beschließt, "ein bisserl herumzuschlendern, zu flanieren, da und dort ein Plauscherl zu halten, einen Schwatz zu tun, ein bisserl Schmäh zu führen…" Eilig ruft er seinen Fotografen herbei und gemeinsam sind sie unterwegs, um den wohl berühmtersten Markt Wiens zu entdecken: "Schauen, lauschen, schmecken und riechen. Den Naschmarkt als ganzes inhalieren. In der Früh, untertags, in der Nacht."

Die Lagebesprechungen beim Lieblingsstandel sind der roten Faden, nicht verhehlt man, was dabei genossen wird und dass die Besprechungen oft sehr lange dauern. Dass die Arbeit an dem Buch zum Vergnügen gerät, verraten Text und Bilder Seite für Seite. Zwischen dem Bild des angeblich verzweifelten Autors am Beginn und dem des "Abschiedsachterls" am Ende liegen mehr als 200 Seiten, optisch dominiert von den farbenfrohen, großformatigen Fotos.

Motive bieten sich überreich auf der 2,3 Hektar großen, multikulturellen Flaniermeile. Zur Zeit der Recherche (Ende 2008) befanden sich dort 38 Stände mit Lebensmitteln, 15 mit Obst und Gemüse, elf mit Fleisch, neun mit Backwaren, vier Fischhandlungen und nicht weniger als 37 Gastronomiebetriebe verschiedenster Geschmacksrichtungen. Dazu kamen fahrende Händler mit Textilien und anderen Waren, samstags der Bauernmarkt mit 35 Ständen und der populäre Flohmarkt. Dazu eine Ergänzung: Sein Vorläufer, der Tandelmarkt, hatte nicht weniger als sieben überlieferte Standpätze: (1) die Brandstätte; (2) vor dem Kärntnertor, nachdem sich 1623 die "Zunft der bürgerlichen Tandler" gebildet hatte; (3) 1671 bis 1730 ein Gebiet in der Leopoldstadt, wo die Tandelmarktgasse daran erinnert; (4) bis zum Bau der Technischen Universität, um 1820, die Gegend des Resselparks, wobei die Technikerstraße Tandelmarktplatz hieß; (5) der Spittelberg; (6) Schwarzenbergplatz/Heumarkt/Lothringerstraße; (7) Berggassse 34. 1863 gründeten 200 Trödler die Wiener Hallentrödler-Gesellschaft, die im folgenden Jahr in der Rossau (Wien 9) eine Halle mit 200 Ständen und geräumigen Kellermagazinen bauen ließ. Rund ein Drittel der Läden befand sich, mit sichtbar ausgelegter Ware, an den Außenseiten. Die Gesellschaft beauftragte den prominenten Ringstraßenarchitekten Emil Förster mit der Planung. Er entwarf ein basarartiges Gebäude mit zwei Höfen und Brunnen. Die Trödlerhalle bestand bis 1944 im Bereich Rossauer Lände, Berggasse, Türkenstraße und wurde nach Bombentreffern abgerissen.

"Der Wiener Naschmarkt ist ein pulsierender Kosmos inmitten der Großstadt, eine kleine Welt der vertrauten und exotischen Genüsse - und eine Bühne, die von unverwechselbaren Figuren beherrscht wird: dem Gurken-Leo, Dr. Falafel, Fuzzy und den vielen Standlern, die hier von früh bis spät ihre Waren feilbieten. Für die Wiener ist er seit jeher ein Fixpunkt, weil er viel mehr ist als nur eine Einkaufsmeile." Der Aufbau des Buchs entspricht dem bunten Branchenmix, 22 Kapitel widmen sich den Waren und ihren Verkäufern, dem Marktamt, den 48-ern und der Umgebung. In dieser finden sich so bekannte Objekte wie die Secession mit ihrem "goldenen Krauthappel", Otto Wagners Wientalhäuser oder das Theater an der Wien. Manche Exkursionen gehen etwas weiter, wenn sich dort Interessantes ergibt, wie das Freihausviertel oder der Rüdigerhof, ein Jugendstil-Juwel samt Café am rechten Wienfluss-Ufer. Breiten Raum nehmen die gastronomischen Genüsse ein - ob in der Austernbar, in diversen Kaffeehäusern, Restaurants oder am Würstelstand.

Zwischendurch fließt immer wieder ein bisschen Geschichte ein, gewürzt mit Geschichten und oft längeren historischen Zitaten. Dabei fehlen die schlagfertigen "Fratschlerinnen" und die literarische Figur der Frau Sopherl ebenso wenig wie der Naschmarktkönig, ein berüchtigter Zwischenhändler, der nur mit Mühe der Lynchjustiz der von ihm Geschädigten entging. Was nicht in diesem Buch steht: Jahrhundertelang war der verbotene Zwischenhandel ein Hauptproblem der Märkte. Um die Lebensmittelpreise in der Stadt niedrig zu halten, durften nur die Produzenten auf dem Markt verkaufen. Die Marktordnung von 1571 sprach von verbotener "fürkhauffung oder Fretschlerei". Als Fürkäufer bezeichnete man Leute wie den Naschmarktkönig, die am Stadtrand den Bauern die Waren unter dem Preis abnahmen und teuer weiter verkauften. "Frätschler" fanden sich vagierend auf den Märkten ein, kauften die Lebensmittel billig auf und hausierten dann damit. Im Mittelhochdeutschen bedeutete "vreten, vraten" so viel wie "herumziehen, quälen, plagen". Das Wörterbuch der Brüder Grimm nannte Fratschlerin "eine Handelsfrau, … die mit geläufiger Zunge zum Kauf antreibt". Das Wienerische "ausfratscheln" (für ausfragen) entstand ebenso wenig in der Naschmarktgegend, wie die Redensart "einen Bären aufbinden", die eine Prahlerei umschreibt, von der nahen Bärenmühle und ihrer Sage. Sie findet sich zur Barockzeit in Frankreich und in Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus (1668).

Apropos, Sprache: Gleich zu Beginn mahnt der Autor, doch nicht "Tomaten", sondern "Paradeiser" zu sagen. Er hat beobachtet, dass man "das richtige Wienerisch, das gemütlich-charmante, das bisweilen liebevoll-freche" nur noch selten auf dem Naschmarkt hört. Beim Schlusssatz hat er es selbst schon vergessen: "Und dann geht irgendwo ganz in der Nähe ratternd der erste Rollladen runter."