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Eugen Semrau: Österreichs Spuren in Venedig#

Bild 'Venedig'

Eugen Semrau: Österreichs Spuren in Venedig. Mit Beiträgen von Antonio A. Rizzoli und Miguel Herz-Kestranek. Verlag Styria Wien - Graz 2010. 160 S., illustriert, € 24,95

Venedig liegt nicht mehr in Österreich. Doch zwei Generationen hindurch war die Lagunenstadt ein Teil der Habsburger-Monarchie, die längste Zeit als Provinzhauptstadt des Lombardo-Venezianischen Königreiches. Die Herrschaftsperioden fielen in die Jahre 1798 bis 1806, 1814 bis 1848 und 1849 bis 1866. Außer wissenschaftlichen Abhandlungen wurde darüber nur ein Werk geschrieben, in italienischer Sprache und längst vergriffen. Nun widmet Dr. Eugen Semrau seiner "Traumstadt" den vorliegenden Band. Klug, angenehm zu lesen und gut illustriert, vermittelt das Buch des Kommunikationswissenschafters und Kulturmanagers Unbekanntes über die Wahlheimat des Publizisten, der seit 2003 dort lebt und arbeitet.

Das Einleitungskapitel "Mein Venedig" überließ er Miguel Herz-Kestranek. Der Schauspieler und Autor widmet der Serenissima (Erlauchteste Republik) eine sehr persönliche Liebeserklärung, die er mit einem Zitat aus "Tante Jolesch" schließt: "Alle Städte sind gleich, nur Venedig is e bissele anders!"

Der italienische Historiker Antonio A. Rizzoli steuerte ein Kapitel über "Die Venezianer unter der österreichischen Herrschaft" bei: In der ersten Periode begannen die neuen Herren mit einer Reorganisation der Verwaltung und Justiz, legten einen Grundstücks-Kataster an und förderten das Bildungswesen, denn bisher hatten maximal 40 % der Kinder eine Schule besucht. In der zweiten Periode wuchs die Unzufriedenheit der Bevölkerung. Die Bürokratie wucherte, Steuern wurden erhöht, Versprechen nicht eingehalten. Viele Bewohner waren so mittellos, dass sie "nicht wussten, wie sie die Alltagsbedürfnisse befriedigen sollten." Diese Periode endete durch das Intermezzo einer "neuen Republik Venedig", die kaum 1 ½ Jahre bestand. Danach befand sich die Stadt in einem verzweifelten Zustand, doch die Habsburger zeigten wenig Erbarmen: "… man lebte unter dem Druck einer schweren Zensur wie in einem Polizeistaat."

Eugen Semrau gibt der Kulturgeschichte und dem Alltagsleben breiten Raum. Seine "Spurensuche" führt zu Relikten aus dem alten Österreich: Die zentrale Einkaufsstraße mit den teuersten Designerläden heißt "Calle larga XXII Marzo" - am 22. März 1848 endete vorerst die österreichischen Herrschaft. Die Tabakregie baute eine Fabrik für Virginia-Zigaretten, deren Gebäude am Rio delle Burchielle steht. In der österreichischen Zeit erfolgten u.a. die erste Bahnverbindung (1846 nach Mailand, 1857 nach Wien) mit einer Brücke über die Lagune, der Ausbau des Hochwasserschutzes und die Anlage städtischer Parks. Die Wandvertäfelungen einer berühmten Trattoria zierten ursprünglich die kaiserliche Yacht "Miramar". In den Cafés am Markusplatz bestellt man "Spritz" (G'spritzten), Strudel und Krapfen. Die beliebten Musikdarbietungen dort gehen auf die Konzerte österreichischer Militärkapellen zurück, deren Interpretation seiner Werke Richard Wagner zu einem begeisterten Dankbrief veranlasste.

Der Autor, der als Stadtführer seine Gäste durch das unbekannte Venedig begleitet, hat die literarische Exkursion in acht Kapitel gegliedert: Der "Spurensuche" folgt "Sechzig rot-weiß-rote Jahre". Nach mehr als einem Jahrtausend der Unabhängigkeit Venedigs verzichtete der letzte Doge 1797 auf sein Amt, im Mai besetzte die französische Armee die Stadt. Napoleon, der sich als "neuer Attila" bezeichnete, war bestrebt, alle Erinnerungen an die stolze Geschichte der Republik auszulöschen. Sogar die vom Markuslöwen gehaltene Bibel erhielt eine neue Inschrift. Der Karneval, zu dem schon damals tausende Touristen kamen, wurde verboten. Andererseits gab es im Sinne der französischen Revolution neue Freiheiten, beispielsweise für die Presse und die Juden. Bereits im Oktober zogen die Franzosen wieder ab und nach dem Vertrag von Campo Formio wurden die Österreicher die neuen Herren. Sie galten den Venezianers als "kleineres Übel", führten jedoch das im Wien des Vormärz berüchtiigte Spionen- und Spitzelwesen ein. Nach einer Niederlage gegen die Franzosen in der Schlacht bei Ulm und dem Friedensvertrag von Preßburg verlor Österreich die Region Venetien. Erst die Abmachungen des Wiener Kongresses machten sie wieder zu einem Teil der Habsburgermonarchie. Mit dem Entstehen des Königreichs Lombardo-Venetien, dem 1816 bis 1818 als Vizekönig Erzherzog Anton Viktor und bis zum Ende dieser langen Phase österreichischer Herrschaft Erzherzog Rainer vorstand, wurde Venedig neben Mailand Provinzhauptstadt. Sichtbare Symbole waren die von den Franzosen geraubten vier vergoldeten Bronzepferde am Markusdom und der berühmte geflügelte Löwe, die an ihre traditionellen Aufstellungsorte zurückgebracht wurden. Doch als Kaiser Franz 1819 die Stadt besuchte, mussten bezahlte Claqueure für Jubel und Vivatrufe bei seinem Einzug sorgen, um ihn vom realen Elend abzulenken. Zumindest wurde in dieser zweiten Phase versucht, "einen Erholungsprozess für die desolate Stadt einzuleiten." Unterbrochen durch die Herrschaft der "neuen Republik Venedig" regierten die Österreicher wieder von 1849 bis 1866. Seither ist die Serenissima ein Teil Italiens.

In den zwei Generationen österreichischer Regierung sollte Venedig "eine habsburgische Musterstadt" werden. Dazu zählte die Verbesserung der Infrastruktur - Eisenbrücken, Gasbeleuchtung, neue Währung - die Restaurierung historischer Gebäude und, vor allem, die Hebung der Wirtschaft. Die neue Tabakfabrik und das wieder eröffnete Arsenal gaben je 800 Menschen Arbeit. Venedig wurde zum Haupthafen der Kriegsmarine, auch die berühmte "Novara" entstand hier. Der Markuslöwe, der das Arsenal damals zugleich mit dem Doppeladler zierte, ist jener, den man vom Wiener Südbahnhof kennt. Allerhöchste Besuche - Ferdinand I. kam 1838, der jugendliche Franz Joseph 1845 - förderten den Tourismus.

Ein dramatisches Kapitel - "Altersschwacher Löwe gegen verjüngten Adler" - beschäftigt sich mit der Revolution und deren Niederschlagung. Bei diesen Kämpfen wurden 1.000 österreichische Soldaten getötet oder verletzt, 500 venetianische Soldaten starben. Das Bombardement der eingeschlossenen Stadt dauerte fast einen Monat. Feldmarschall Radetzky forderte dazu eine neue Waffe an: mehr als 100 Heißluftballons, an denen Brandbomben mit Zeitzündern befestigt waren. Der erste Luftangriff der Militärgeschichte scheiterte, vermutlich wurden die Explosionszeiten falsch berechnet. Ende August 1849 musste die Stadtrepublik kapitulieren. Die Bedingungen Radetzkys fielen milde aus. Niemand sollte wegen seiner Teilnahme an der Rebellion bestraft werden.

Charakteristisch für die dritte Phase war die "Rückkehr zum Althergebrachten". Nur das Teatro La Fenice bestand als Zentrum intellektuellen Widerstandes gegen die Habsburger - und blieb diesen bis zu ihrem Abzug 1866 ein "Dorn im Auge".

Nach einem Ausflug in die berühmten Caféhäuser, das Kulinarische - "Ein 'trauriges Kapitel' " - und der Unterhaltungsmusik, beschäftigt sich das Buch mit dem "Absterben der Traditionen". Sie starben mit dem Adel, der seit vielen Jahrhunderten die Dogen gestellt hatte. Schon Napoleon hatte das Goldene Buch, das historische Verzeichnis der noblen Familien, verbrennen lassen. Ihre Zahl nahm zu Zeiten der Fremdherrschaft deutlich ab, und die verbliebenen waren oft verarmt. Das "einfache Volk" verdingte sich im Hafen, auf dem Markt oder als Fischer. Für Reiche und Arme gab es einst alljährlich 50 Feste und Feiertage. Am prächtigsten und bekanntesten waren die Prozession des Dogen zum Jahresbeginn, eine von der Republik finanzierte Massenhochzeit am 1. Februar, die Wasserweihe am Ostermontag, eine Seeprozession mit dem Dogen zu Christi Himmelfahrt und - seit den 1980er Jahren wieder belebt - der Karneval. Schriftliche Nachrichten darüber reichen in das Jahr 1094 zurück, seinen Höhepunkt erreichte er im späten Mittelalter. Auch außerhalb des Karnevals gab es mehrere Wochen, während der man zu offiziellen Anlässen mit Maske und Umhang erschien: "Maskierte hatten Anspruch auf besondere Rücksicht und bevorzugt überall Eintritt. Die Sicherheit und Unverletzlichkeit der Masken wurde von der Regierung überwacht." Zumindest das Aussehen der Masken zählt zu dem wenigen, "Was geblieben ist".