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Michaela Türk und Gabriela Bayer: Hax'n talwärts#

Bild 'Tuerk'

Michaela Türk und Gabriela Bayer: Hax'n talwärts. Altes Wissen neu entdeckt und interpretiert. Carinthia-Verlag Klagenfurt 2010.192 S. mit zahlr. Farbill., € 24.95

"Hax'n talwärts", der schlichte Tipp eines erfahrenen Bergführers an müde Wanderer aus der Stadt, ist zum Titel eines Lebenshilfe-Buchs der Sonderklasse geworden. Es stellt 13 Männer und Frauen aus Kärnten vor. Sie sind zwischen 46 und 85 Jahre alt und haben eines gemeinsam: Mit ihrem Wissen über "Althergebrachtes" leben sie gut und beispielhaft in einem modernen Alltag. "Es ist eine Verbindung zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, das beides in die Zukunft wirkt. … Es braucht das Alte, um Neues schaffen zu können. Beides ist gleichwertig und ist es wert, gewürdigt zu werden," schreibt Michaela Türk in ihrem Vorwort.

Die Unternehmensberaterin hat sich nicht nur auf die lange Wanderung durch die Hohen Tauern begeben, auf der sie den titelgebenden Tipp erhielt, sondern auch zu den Informanten, deren Wissen und Können sie beeindruckte. In der Publikation ihrer Recherchen belässt es die Autorin nicht bei ethnologischen Beschreibungen oder journalistischen Berichten. Sie hat die Traditionen, mit denen diese Menschen leben, für sich (und die Leser) entdeckt, und auch interpretiert. So gliedert sich jeder Beitrag - von der Fotografenmeisterin Gabriela Bayer mit aussagestarken Bildern versehen - in drei grundlegende Teile: "Der Mensch", "Das Wissen", "Der Wert".

"Der Mensch", den sie als ersten vorstellt, ist Angelika Auer aus Obermillstatt. Früher in medizinischen Berufen tätig, hat sie sich dem Handwerk des Filzens verschrieben, das sie auch unterrichtet. Das Filzen kennt Auer seit Kindertagen, doch während Großmutter und Mutter aus Sparsamkeitsgründen Praktisches herstellten, erhebt sie es zum Kunstwerkwerk, spielt kreativ mit Farben und Designs. "Für sie zählt, dass ihre Kenntnisse nicht verloren gehen und dass es immer wieder Menschen wie sie gibt, die mit dieser traditionellen Technik arbeiten und dadurch Wertvolles neu erschaffen", kommentiert Michaela Türk im ersten Abschnitt, dem Erklärungen über Material und Technik folgen. Am Ende steht unter einem Foto, das selbst wie ein abstraktes Kunstwerk wirkt, das Motto. Es stammt von Wilhelm Humboldt (1767-1835): "Im Grunde genommen sind es doch die Verbindungen mit Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben."

"Das Wissen" ist bei den vorgestellten Beispielen von ganz unterschiedlicher Natur. Neben Fertigkeiten in einem Kunsthandwerk wie bei Angelika Auer oder dem Vergolder Lukas Arnold, kann es um Tun mit "unsichtbaren Wirkungen" gehen, wenn sich etwa Annemarie Herzog auf Rituale des Räucherns verlegt oder um Bräuche wie bei Hannes Bernhardt aus Heiligenblut. Der 1936 geborene Altbauer zählt zu jenen, die als Heiligenbluter Sternsinger eine regionale Besonderheit pflegen. Der Brauch reicht bis in das 16. Jahrhundert zurück. In der Dreikönigsnacht sind mehrere Gruppen ("Rotten") von je 16 Männern im tief verschneiten Ortsgebiet unterwegs. Sie singen bei jedem Haus und Hof auswendig mehrstrophige Lieder, tragen einen Stern und Laternen. Jene von Hannes Bernhardt ist mit 150 Jahren die älteste. Er hat sie vom Großvater geerbt und von einem Künstler mit Weihnachtsszenen bemalen lassen. Türk kommentiert das Wissen der "Sänger in der Nacht": " In der Dreikönigsnacht werden von den Rotten alle besucht, allfällige Differenzen, die es vielleicht das Jahr über gibt, werden weggeschaltet und es herrscht wahrhaftig Weihnachtsfriede." Übrigens ist das Sternsingen keine romantische Nostalgie, sondern sehr lebendig. Mit der Zahl der Häuser im Ortsgebiet steigt auch jene der "Rotten".

"Der Wert" ist der persönlichste Teil der jeweiligen Artikel. Hier lässt die Autorin, die nebenbei Philosophie studiert, nicht nur ihre Erfahrungen als Lebens- und Sozialberaterin und Supervisorin einfließen, sondern auch die Weisheit der Dichter und Denker. Es geht ihr, wie ihren Gesprächspartnern, immer um Werte und Wertschätzung. Wie bei Dolfi Hudelist aus Salchendorf, den eine schwere Krankheit zum Umdenken zwang. Aus einem konventionellen wurde ein unkonventioneller Landwirt. Er experimentierte mit Hanfpapier und Färbepflanzen, ehe er Saatgut für alte Paradeisersorten und Mutterknollen fast ausgestorbener Erdäpfelsorten fand, auf deren Zucht er sich seither spezialisiert. Bei Hudelist erinnert sich Türk an griechische Philosophen wie Heraklit, der um 500 v. Chr. lebte und dem die Formel "Panta rhei" ("alles fließt") zugeschrieben wird, oder die Sophisten - "gewissermaßen die Kommunikationstrainer der Antike". Sie erklärten den Menschen zum "Maß aller Dinge": "Nach wie vor ist der Ethikbegriff aus jener Zeit maßgeblich für unsere heutigen Werte. … Unser Alltagsleben unterscheidet sich grundlegend von jenem der alten Griechen. … Und, wir bleiben nicht stehen, panta rhei. Eine Veränderung in die Vergangenheit ist nicht möglich, sie ist stets nach vorne gerichtet. Dolfi Hudelist macht deutlich, wie Veränderung wirkt. Es geht Schritt für Schritt vorwärts, sogar dann, wenn man auf Altes zurückgreift."