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Jiri Uhlir: Vom Wiener Stuhl zum Architektenmöbel#

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Jiri Uhlir: Vom Wiener Stuhl zum Architektenmöbel. Jacob & Josef Kohn, Thonet und Mundus Bugholzmöbel vom Secessionismus bis zur Zwischenkriegsmoderne. Verlag Böhlau Wien, Köln, Weimar 2009. 246 S., 306 s/w- u. farb. Abb. € 39,-

Wenn von Bugholzmöbeln die Rede ist, denkt man in erster Linie an Thonet-Sessel. Doch so prominente Objekte wie das "Cafe Museum" in Wien oder das Sanatorium Purkersdorf hat nicht Thonet ausgestattet, sondern die Konkurrenz, Jacob & Josef Kohn. Für die 1906 fertig gestellte Postsparkasse wurden beide Firmen beauftragt. Die Firmengeschichte von Thonet ist gut erforscht, bei jener von Kohn gab es "weiße Flecken". Der tschechische Thonetologe Jirí Uhlír hat viele davon beseitigt. 2005 erschien sein nach dem Firmenmotto betiteltes Werk "Semper Sursum", 2009 die deutsche Übersetzung. Für das äußerst detailreiche, reich illustrierte Buch wurden tschechische Quellen erstmals wissenschaftlich ausgewertet.

Michael Thonet (1796-1871) gründete in Boppard am Rhein eine Möbeltischlerei. Um 1830 begann er, mit dem Biegen von Holz zu experimentieren. 1841 wurde ihm in Paris ein Patent auf 15 Jahre gewährt, im selben Jahr beteiligte er sich an der Koblenzer Gewerbeausstellung. Dort wurde der österreichische Staatskanzler Clemens Fürst Metternich, ein Rheinländer, auf seinen Landsmann aufmerksam und empfahl ihm, nach Wien zu kommen. Der hoch verschuldete Tischlermeister folgte dem Rat und übersiedelte 1842. Obwohl er sich einer zünftischen Gewerbeordnung und starker Konkurrenz gegenüber sah - damals arbeiteten 1.500 Tischlermeister in Wien - erhielt der Zuwanderer noch im selben Jahr ein Privileg für seine Technik. Bald stellte er für den Fürsten Liechtenstein leichte "Laufsessel" und geschwungene Teile für Parkettintarsien her, verbesserte die Produktionstechnik, gründete 1849 eine eigene Firma und beteiligte sich 1851 an der Weltausstellung in London. 1856 wurde Thonet das Monopol für die Massivholzbiegung zugesprochen, er erwarb Wälder in Tschechien und baute dort eine Fabrik, der weitere folgen sollten. Doch bald meldete sich Konkurrenz. Vor allem davon handelt das vorliegende Buch.

Die Firma Jacob und Josef Kohn, Holzhändler und Fabriksbesitzer aus Wsetin/Vsetin, erhob Klage gegen das Thonet'sche Monopol und begründete den Antrag auf Annulierung mit dem Mangel an Neuheit der Erfindung. 1869 - zwei Jahre vor dem Auslaufen ihres Privilegs - verzichteten die Thonets darauf. Nachdem sich die Kohns, "konsequente Unternehmer", ihrer Sache sicher waren, stiegen sie mit mehreren Fabriken in die Produktion von Bugholzmöbeln ein, doch hatten sie einen gravierenden Wettbewerbsnachteil: "Weder die Familie noch die Firma Kohn hatten in ihrer Mitte eine schöpferische Begabung vom Format eines August Thonet. Besonders in den Anfängen übernahmen die Kohns daher die Thonet-Modelle und gaben ihnen ohne Skrupel die selbe Nummer wie in den Thonet-Katalogen. Ein eigenständiges, gutes Design existierte bei den Kohns bis zum Ende des Jahrhunderts praktisch nicht." So gab es zwei Gruppen von Produkten: "Die erste umfasste die 'guten', also Kopien von Thonetmodellen, die zweite die eigenen, schlechten." Bald fanden die Fabrikanten eine Nische. Sie produzierten für eine zahlungskräftige Klientel Salonmöbel, "aus zahlreichen gebogenen Teilen, die keinerlei Funktion besaßen, aber ein Übermaß an Drechselarbeiten erforderten und mit dem Prinzip des Bugholzmöbels nichts zu tun hatten." Gegen die Jahrhundertwende wurden die überladenen Modelle und die Kopien der Thonet-Entwürfe weniger.

Nach der Verlegung des Firmensitzes nach Wien pflegten die Kohns die Zusammenarbeit mit Künstlern der Secession und Moderne, wie Adolf Loos, Kolo Moser oder Josef Hoffmann. Sie produzierten auch Hoffmanns berühmte "Sitzmaschine" (deren Foto den Bucheinband ziert). 1901 erfolgte eine Neuorganisation der Firma als "Erste österreichische Actien-Gesellschaft zur Erzeugung von Möbeln aus gebogenem Holze Jacob & Josef Kohn" mit Sitz in Wien. 1907 begann Leopold Pilzer (1871-1959), ein Unternehmer aus Galizien, mehrere kleine Möbelproduzenten in einer Holding zusammenzufassen, die er "Mundus" nannte. Im Ersten Weltkrieg kaufte er die Kohn-Aktien. 1922 kam es zur Fusion von Thonet und Mundus-AG. Pilzer war nun Generaldirektor eines Bugholzimperiums, das über 20 Produktionsstätten mit 10.000 Arbeitern verfügte und bis nach Afrika, Indien und Amerika exportierte, wohin auch der Chef 1940 auswanderte. Während die Traditionsfirmen Kohn und Thonet in Europa nicht mehr existieren, besteht in Nordamerika das Unternehmen "Thonet-Mundus".

Ergänzende Informationen aus: Eva Ottilinger (Hg.) Gebrüder Thonet. Möbel aus gebogenem Holz. Böhlau Verlag Wien 2003