unbekannter Gast

Gudula Walterskirchen: Adel in Österreich heute#

Bild 'Adel'

Gudula Walterskirchen: Adel in Österreich heute. Der verborgene Stand. Amalthea Signum Verlag Wien 2010. 288 S. , zahlr. Abb. € 22,90

1919 beschloss die Provisorische Nationalversammlung der Republik Deutsch-Österreich das - in Westeuropa einzigartige - "Gesetz zur Aufhebung des Adels, seiner Titel und Würden". 80 Jahre später erschien, auf der Grundlage ihrer sozialhistorischen Dissertation, das Buch "Der verborgene Stand. Adel in Österreich heute" von Gudula Walterskirchen. Die überarbeitete Auflage von 2007 enthält eine wesentliche Änderung: es gibt eine Standesvertretung des österreichischen Adels. "Nach einigem Hin und Her" - dessen Verlauf die Autorin ausführlich dokumentiert - wurde die "Vereinigung der Edelleute in Österreich" von der Vereinsbehörde genehmigt und damit der Adel erstmals vom offiziellen Österreich anerkannt.

Die frühere "Erste Gesellschaft" umfasst hierzulande rund 180 ehemals fürstliche und gräfliche Familien mit etwa 11.000 Mitgliedern. Die Autorin zählt dazu, erwähnt es aber mit keinem Wort. Ihr Name spricht für sich. Im Stammbaum ihrer gräflichen Familie finden sich so bedeutende Persönlichkeiten wie die Heilige Elisabeth oder Feldmarschall Radetzky. Gudula Walterskirchen ist, nach dem Studium der Geschichte und Kunstgeschichte, publizistisch tätig. Sie verfasste u. a. die erste Biographie über den Heimwehr-Fürsten Ernst Rüdiger Starhemberg und schrieb über den 1934 ermordeten Bundeskanzler Engelbert Dollfuß. Wenn sie hier erstmals eine Geschichte des österreichischen Hochadels im 20. Jahrhundert vorlegt, spricht daraus viel Insiderwissen.

"Traditionen, Einstellungen, Werte und Verhaltensweisen, die bei Mitgliedern des Adels als völlig selbstverständlich gelten, erscheinen dem mit dieser Welt nicht so Vertrauten als ungewöhnlich, interessant oder sonderbar," weiß die Autorin. Das zeigt sich schon am Familienbegriff ("wir sind alle miteinander irgendwie verwandt" ). Zahlreiche Nachkommenschaft, vor allem männliche, garantierte die Kontinuität. Die adelige Mutter sollte opferwillig, tüchtig und vor allem "edel" sein. Tatsächlich wurden die Kinder aber anderen zur Betreuung und Erziehung überlassen. Ehrlichkeit, Anstand, Höflichkeit und ein ausgeprägter Ehrbegriff werden noch heute als Erziehungsideal betrachtet.

Adelige Gesinnung, (römisch-katholische) Religion, Moral, Disziplin, Ästhetik, Pflichterfüllung, Verzicht, elterliche Autorität, … zählten mehr als ein hoher Bildungsgrad. Erst in jüngster Zeit hat das Leistungsdenken bei der Aristokratie Einzug gehalten - auch als "Strategie, um in der sich ständig wandelnden Gesellschaft 'oben' zu bleiben." Bis ins 19. Jahrhundert war der Adel der vorindustriellen Zeit angepasst, als deren wichtigstes Kriterium das ständische Prinzip galt. Blaublüter zählten automatisch zur Elite und eine Formel lautete: "Je mehr Landbesitz, desto mehr Macht". Nach der industriellen Revolution erging es ihnen "wie dem Ritter nach der Erfindung des Schießpulvers: Es nützte ihm nichts mehr, dass er am besten reiten und mit dem Schwert umgehen konnte." Die Betroffenen wollten den realen Macht- und Funktionsverlust nicht wahrhaben und verharrten in ihrer "zweiten Wirklichkeit".

Das Ende der Monarchie und das Adelsverbot stürzten sie in eine Identitätskrise. Viele sahen im Ständestaat ein kurzes Zwischenspiel und meinten, die Republik würde von selbst scheitern. "Die Schockwellen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs holten den Adel endgültig in die Wirklichkeit zurück … Viele Angehörige wurden als Gegner des NS-Regimes verhaftet und interniert, andere mussten Kriegsdienst leisten oder emigrierten. Nun erfolgte auch der finanzielle Zusammenbruch, viele Schlösser wurden durch Kampfhandlungen oder sowjetische Besatzung verwüstet. Besonders schmerzvoll vollzog sich für Angehörige dieser Generation … der tiefe Fall zu Habenichtsen und Nichtskönnern. … Ein Nichtadeliger geht davon aus, was er im Leben erreicht, ein Adeliger denkt oft mehr daran, was seine Vorfahren erreicht haben." Unter ihren jungen Standesgenossen fand die Autorin dynamische Unternehmer, aber auch das Gegenteil. Manche "denken leider noch immer, dass ihre adelige Herkunft allein genügen würde, voll Verachtung auf den Rest der Menschheit herabblicken zu dürfen."

Das 5. Kapitel "Von Gutsherren und Unternehmern" schildert die sozialhistorische Entwicklung seit dem 18. Jahrhundert. Wurden Geldgeschäfte damals noch als standeswidrig angesehen, so brachte die Grundentlastung 1848 den ehemaligen Gutsherren viel Bargeld. Sie investierten es, gemeinsam mit Großbürgern, in Banken und Eisenbahn-Unternehmen. "In den Verwaltungsräten spielten Standesunterschiede kaum eine Rolle, im Vordergrund stand das gemeinsame wirtschaftliche Interesse. Außerhalb des geschäftlichen Kontakts pflegte man wenig gesellschaftlichen Umgang und der Hochadel schottete sich weiterhin konsequent ab."

Auch das 6. Kapitel "Vom Reichtum des Adels" hat einen soliden geschichtlichen Unterbau. Im Feudalismus bildete der Grundbesitz die finanzielle Grundlage des standesgemäßen Lebensstils mit Stadtpalais, Landschloss, Luxus und Vergnügungen. Ein Teil der Mittel war Verpflichtungen wie Wohltätigkeit und Mäzenatentum gewidmet oder kam dem Staat zugute. Die Institution des Fideikomiß (gebundenes, unveräußerliches und einer bestimmten Erbfolge unterworfenes Vermögen) sicherte generationenlang die Existenzgrundlage durch die Einheit des Besitzes, der nur minimal mit Krediten belastet werden durfte. 137 Fideikommiß-Besitzungen, machten 3,35 Prozent der Grundfläche des heutigen Österreich aus. Sie wurden 1939 aufgelöst. Höchst dramatisch wirkten sich für die Großgrundbesitzer die Bodenreformen in den später kommunistischen Nachbarländern aus. In Österreich gibt es hingegen ausgedehnten adeligen Grundbesitz. Von den 1700 erhaltenen Schlössern und Burgen befinden sich noch 411 im Besitz adeliger Familien. Einigen, wie Metternich-Sandor in Grafenegg (Niederösterreich), gelingt es, dafür staatliche Unterstützung zu lukrieren.

Das umfangreichste und schwierigste, letzte Kapitel ist der Politik gewidmet. Es beginnt mit dem Ende der Monarchie, wobei "im entscheidenden Moment, als es um den Kaiser und seinen Thron ging, ihn der Adel allein ließ." Weitere Stationen auf dem Weg durch die Zeitgeschichte sind das Herrenhaus, dessen Mitglieder vom Kaiser ernannt wurden und dem man nachsagte, hauptsächlich die Begehren des Abgeordnetenhauses zu blockieren, "Rückzug und Resignation" in der Ersten Republik, "Heimwehr, Vaterländische Front und Bürgerkrieg", Ständestaat, Nationalsozialismus - im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands sind 82 Hochadelige aktenkundig, die politisch verfolgt oder aktiv im Widerstand tätig wurden - und die Zweite Republik: "Die Prinzipien der Aristokratie und des Sozialismus waren von jeher unvereinbar und unversöhnlich: das Geburtsprinzip gegen das Leistungsprinzip."

Ein umfangreicher Anhang mit "Adelslexikon", Protokollen, Übersichten und Register rundet das informative Werk ab, in dem auch gegensätzliche Meinungen Platz finden.