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Paul M. Zulehner: Wie geht's, Herr Pfarrer ?#

Bild 'Pfarrer'

Paul M. Zulehner: Wie geht's, Herr Pfarrer ? Ergebnis einer kreuzundquer-Umfrage: Priester wollen Reformen. Styria Verlag Wien, Graz, Klagenfurt 2010. 176 S. € 19,95

"Aus gegebenem Anlass" hat die Religionsabteilung des ORF-Fensehens beim Institut GfK Austria eine repräsentative Telefonumfrage unter den katholischen Pfarrern aller österreichischen Diözesen in Auftrag gegeben. Geleitet und interpretiert wurde die Studie vom prominenten Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner. Beruf und Privatleben der Priester sollten erkundet werden, ebenso ihre Erwartungen an die Zukunft. Einige markante Ergebnisse:

  • 90 % fordern die Durchführung der Konzilsbeschlüsse
  • Drei Viertel fühlen sich stark überlastet
  • Zwei Drittel würden wieder Priester werden,
- leben die Ehelosigkeit in "eigenständig gewählten verantwortbaren Formen"
  • Die Hälfte denkt in wichtigen Fragen anders als die Kirchenleitung,
- erlebt die Kirchenleitung als hilflos und visionslos, - befürwortet die Priesterweihe für Frauen
  • Ein Viertel leidet unter Vereinsamung

Der "gegebene Anlass" waren die Missbrauchsfälle und der Skandal ihrer versuchten Vertuschung. 80 % sind der Ansicht, dass sexueller Missbrauch für die Kirche ein größeres Problem als für andere Institutionen darstellt. Ebenso viele meinen, dass die aktuelle Diskussion für die katholische Kirche ein Anlass sein sollte, über ihren Umgang mit der Sexualität nachzudenken. 58 % bewerten die kirchliche Sexuallehre eher negativ. Fast alle (92 %) meinen, dass in der Priesterausbildung mehr Wert auf menschliche Reife gelegt werden sollte.

Ein zweiter Themenkreis beschäftigte sich mit dem "Pfarrerleben heute". Obwohl sich eine beträchtliche Kluft zwischen Kirchenleitung und Klerikern, aber auch innerhalb der Priesterschaft (Weltoffene - Weltabgewandte) auftut, zeigt sich: "Pfarrer sind eine hochmotivierte Berufsgruppe. … Sie fühlen sich weniger als Kirchendiener, sondern als Gottes Mitarbeiter zu Gunsten der Menschen." Drei Viertel klagen über Überlastung. Ursachen sind u.a. Priestermangel und die Verantwortung für immer mehr größere Seelsorgegebiete. Im kommenden Jahrzehnt befürchten viele einen tiefgreifenden Wandel ihrer Rolle, den sie als schwerwiegenden Verlust sehen. Sie wüssten verschiedene Möglichkeiten, um das "drohende Ausbluten ihrer Berufsrolle" zu verhindern, wie Weihe von verheirateten Männern (79 %), Nicht-Akademikern mit Gemeindeerfahrung (75 %), laisierten Priestern (62%) und Frauen (51 %). Doch besteht eine dramatische Dissonanz zwischen der Kirchenleitung und den Pfarrern (52 %) sowie Kirchenleitung und -volk (Priester vermuten, dass dies drei Viertel der Katholiken betrifft). Es bestätigt sich die Diagnose von Altbischof Reinhold Stecher: "Nicht die Menschen entfernen sich von der Kirche, sondern die Kirche von den Menschen".

Die Hälfte der Befragten wohnt in einem Singlehaushalt und hat eine stundenweise Haushaltshilfe. Priester leben in einem dichten Netzwerk von Beziehungen (94 % - Pfarre, 71 % - Mitbrüder, befreundete Personen - 89 %, eine vertraute Person - 64 %, ein Freund - 47 %, eine Freundin - 29 %). Dennoch leidet ein Viertel unter Vereinsamung. Bezüglich der Ehelosigkeit wählen 67 % einen "verantwortbaren eigenständigen Weg" - wobei es nicht Aufgabe der Studie war, näher zu erforschen, was das im konkreten Lebensvollzug bedeutet. 13 % wollten wegen des Zölibats ihr Amt schon einmal aufgeben, hingegen behaupteten 38 % "Das ehelose Leben fiel mir leicht". Rund die Häfte aller Pfarrer würde es für hilfreich halten, wenn die Lebenserfahrung von Frauen oder einer Partnerschaft (mit Kindern) das katholische Amt prägen könnte.

"Pfarrer im Modernisierungsstress" ist der nächste Fragenbereich übertitelt, wobei Zulehner feststellt: "Modernität mindert nicht die spirituelle Tiefe". Die Lage des Christentums in der modernen Kultur bewerteten die Priester in gegensätzlicher Weise: Jene mit optimistischer Sicht erkennen in der modernen Kultur eine Chance für den Glauben. Nicht der Glaube sei in der Krise, sondern die Kirche, die Konzilsreformen mutiger umsetzen müsse. (63 %) 72 % dieser Gruppe stehen mit ihren Meinungen im Gegensatz zur Kirchenleitung, eine Dissonanz zwischen Kirchenvolk und Kirchenleitung vermuten 90 %. Vertreter der pessimistischen Sicht betrachten hingegen den Weg des Konzils mit der Öffnung zur Welt als Irrweg (37 %). Interessanterweise sind dies eher die jüngere, als die älteren Geistlichen. Inzwischen ist die "harte Konzilsgeneration" zwischen 60 und 69, also im Pensionsalter. Wer kommt nach ? Autoritäre Persönlichkeiten, für welche die moderne Kultur eine Gefahr für die gläubige und moralische Integrität darstellt und die das Gemeindeleben autoritativ-klerikal bestimmen ? "Die Entwicklung wäre pastoral in hohem Maße bedenklich", weiß Prof. Zulehner, und: "Die jüngeren Pfarrer sind gegenüber allen modernisierenden Veränderungen reservierter als die älteren. Am liebsten wäre ihnen, es bliebe alles beim Alten oder es würde die Kirche - nach den in ihren Augen missglückten Konzilsreformen - wieder zum Alten zurückkehren.

Der Studienautor beschließt den ersten Teil - es folgt noch ein ausführlichen Anhang - so: "Die Kirche und nicht zuletzt auch ihre Leitung muss sich darüber Klarheit schaffen, ob sie diesen Weg gehen will. Aber verriete sie auf einem solchen Weg nicht den Auftrag Jesu, der ja lautet: 'Geht hinaus in alle Welt' und nicht: 'Schließt euch eng in einem weltfremden Milieu zusammen !' "