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Sabine Bergauer, Gabriele Hrauda: Leben mit der Donau#

Bild 'Schiffmühlen'

Sabine Bergauer, Gabriele Hrauda: Leben mit der Donau. Schiffmühlen von Wien bis Bratislava. Böhlau Verlag ,Wien - Köln - Weimar 2011. 152 S., illustriert, € 35,-

Der Untertitel des reich illustrierten Bandes "Leben mit der Donau" lautet "Schiffmühlen von Wien bis Bratislava", aber im Kern geht es um die einzige Donauschiffmühle. Sie befindet sich im Nationalpark Donau-Auen bei Orth und die Hydrobiologin Mag. Sabine Bergauer ist dort seit einem Jahrzehnt Müllerin. Ihr Mann Martin Zöberl entstammt einer Schiffmüllerdynastie. Er wollte die Familientradition wieder aufleben lassen und erzählt über glückliche Zufälle und unvorhergesehene Schwierigkeiten beim Bau seiner Mühle. Denn wer weiß heutzutage, wie man eine solche baut ? Wo findet man geeignetes Holz, vor allem einen 12 m langen, kerzengeraden Baum für die Mühlradachse ? Mit Hilfe wandernder Zimmermänner gelang das große Werk. Sieben Jahre lang klapperte die Mühle. Dann schlug Treibgut ein Leck und sie lief auf Grund. 2011 ist sie so weit hergestellt, dass die Schiffmüller sie wieder Besuchern zeigen und Veranstaltungen darin durchführen können.

Das Buch beginnt mit einem Kapitel über die seit acht Millionen Jahren landschaftsprägende Donau und die Mühlen, die sich seit dem ausgehenden Mittelalter an ihren Ufern befanden. Kaisermühlen, ein Teil des 22. Wiener Gemeindebezirks, verdankt ihnen seinen Namen. 1674 standen die dortigen Mühlen unter Verwaltung der kaiserlichen Militärbehörde. Sie erzeugten Mehl für das Militär und die städtische Lagerhaltung. Auch stromabwärts arbeiteten Schiffmühlen, so bei Maria Ellend und Haslau. Weitere Standorte waren Eckartsau, Wildungsmauer, Petronell, Deutsch Altenburg, Hainburg, Stopfenreuth, Engelhartsstetten, Wolfsthal und Bratislava. In Orth sind Schiffmühlen zwischen 1450 und 1920 nachweisbar. Die meisten blieben bis zur Donauregulierung 1870-1875 in Betrieb, manche sogar länger.

Flusseigenschaften und lokale Schiffsbautraditionen beeinflussten die Bauart. Die meisten Mühlen bestanden aus zwei Schiffen mit einem dazwischen liegenden Wasserrad. Auf dem größeren, ufernäheren Schiff befand sich das Mahlhaus, das kleinere trug die Mühlradwelle. Die Schiffmühlen lagen, je nach Wasserstand, mehr oder weniger nahe am Ufer. Im Winter zog man sie, als Schutz vor Treibeis, an Land. Bei Bedarf veränderte man den Standort. Bei günstigem Wasserstand konnte eine Schiffmühle im Wiener Raum täglich bis zu 2.000 kg Getreide mahlen.

Im Kapitel "Reise in die Vergangenheit" wird auch der Unglücksfall der Orther Schiffmühle erzählt, allerdings steht nicht die Katastrophe, sondern die Bergung im Vordergrund. Sie war ein Wettlauf, nicht nur mit dem Hochwasser führenden Fluss, sondern auch mit der Zeit. In Anbetracht der internationalen Wasserstraße drohte die Behörde die Sprengung der versunkenen Anlage an. Nach fast fünf Monaten gelang es freiwilligen Helfern und Feuerwehren, die letzte Donaumühle mit unkonventionellen Mitteln zu retten.

"Ein Traum wird Wirklichkeit" steht im Zentrum des Buches. "Schieber auf, Wasserrad läuft!" erklärt die Bauart und Arbeitsweise der Orther Mühle. Als einzige, die heute noch mit der Kraft des Flusses Getreide mahlt, funktioniert sie genau so wie ihre historischen Vorbilder. Möglich ist das nach der Donauregulierung nur durch die freien Fließstrecken im Nationalpark. Im Abschnitt "Körner, Schrot und Mehl" lernt man Geschichte und Arten des Getreides und seine Verarbeitung kennen. Selten findet man eine so kompakte und kompetente Zusammenfassung.

"Im Rhythmus der Donau" beschreibt den Jahreslauf der Schiffmüller, die von März bis November ständig tätig waren. Auch die Notwendigkeit von Ruhezeiten war ihnen bewusst: "Das Mahlen in der Nacht hat sich der Teufel ausgedacht". Feste wie Fronleichnam, Aufnahme oder Freisprechung von Müllerburschen brachten gehörige Abwechslung in den Arbeitsalltag. Zeiten des Hochwassers waren die größte Gefahr. "Obwohl die Donau heute reguliert und durch Kraftwerke beeinflusst ist, kann sie bei Hochwasser immer noch enorme Kräfte entwickeln", weiß Sabine Bergauer. Das Jahrhunderthochwasser vom August 2002 erreichte auch ihre Schiffmühle von Orth an der Donau. Nach einer Woche war das Ärgste überstanden, und die Müllerin schließt ihr Tagebuch mit der Erfahrung: "Jedes Wasser ist anders, und das nächste kommt bestimmt."