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Margit Berner, Anette Hoffmann, Britta Lange: Sensible Sammlungen. Aus dem anthropologischen Depot#

Bild 'Sensible'

Margit Berner, Anette Hoffmann, Britta Lange: Sensible Sammlungen. Aus dem anthropologischen Depot. Philo fine Arts - Fundus Bücher, Hamburg 2011 278 S., s/w-Abb. und Tabellen, € 14,-

Ein kleines Buch birgt große Brisanz: "Sensible Sammlungen" enthalten musealisierte Objekte, über deren Status und Restitution diskutiert wird. Es handelt sich um "menschliche Überreste oder Gegenstände von religiöser Bedeutung", wie der internationale Museumsrat ICOM formuliert. Solche Körper(teile) wurden meist unrechtmäßig erworben und gehören nach heutiger Meinung nicht in ein Museum. Doch namhafte europäische Sammlungen haben die nicht sprichwörtlichen, sondern realen Leichen im Keller. Auch das Naturhistorische Museum in Wien ist darunter.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert interessierten sich Forscher für die so genannten Naturvölker. Sie galten im Gegensatz zu den europäischen "Kulturvölkern" als "aussterbende Völkerschaften", und sollten daher systematisch dokumentiert werden. Dies geschah durch Sammeln von Objekten wie Knochen oder Schädel und Zeugnissen materieller Kultur, Gipsabgüsse von Lebenden, anthropologische Messungen und Beschreibungen. Dabei gingen die Forscher mit den Beforschten nicht wertschätzend um. Eher betrachteten sie diese als Objekte auf den untersten Stufen einer kulturellen Hierarchie. Expeditionsteilnehmer sollten "anthropologisches Material" sammeln. Das königliche Museum in Berlin gab Instruktionen zur Einschulung ethnologischer Laien heraus. Federführend war der habilitierte Anthropologe Felix von Luschan (1854-1924). Zu seinen Schülern zählte der österreichische Arzt Rudolf Pöch (1870-1921), der sich "Buschmännern" und "Zwergvölkern" beschäftigte.1909 brachte er eine umfangreiche Skelettsammlung von "Buschleuten" nach Wien. Auf seinen Expeditionen, auf denen der "Urrassen" zu finden hoffte, sammelte er nicht nur, sondern bediente sich der modernsten Technik, wie Film- und Tonaufzeichnungen. Seine Erfahrungen setzte er im Ersten Weltkrieg bei der Untersuchung russischer Soldaten in Gefangenenlagern ein, wobei mehr als 2500 Tonaufnahmen entstanden. In den 1920er Jahren wandten sich die Wiener Anthropologen der "Rassenhygiene" zu. Im Zweiten Weltkrieg untersuchten sie Juden vor der Deportation und nahmen ihnen Gesichtsmasken ab. Kistenweise im Depot des Naturhistorischen Museums, wurden die Masken 1998 wieder aufgefunden. "Die Frage , was damit geschehen soll, hinterlässt zunächst große Hilflosigkeit", schreibt Britta Lange im ersten Kapitel des Buches. Lange, Kunsthistorikerin, Kultur- und Medienwissenschaftlerin, arbeitet am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.

Das zweite Kapitel verfasste Margit Berner, Kuratorin der Abguss-Sammlung an der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien. Sie verfolgt darin die Geschichte der musealen Präsentationen der physischen Anthropologie. Ein frühes Beispiel befand sich im 1797 eröffneten Wiener "Physikalischen und astronomischen Kunst und Natur-Thier-Cabinet". Ein Jahrzehnt lang wurde hier, gegen den Willen seiner Familie, das Präparat des hochfürstlichen Mohren Angelo Soliman (um 1721-1796) zur Schau gestellt. Ab 1753 lebte er in Wien, wo er als Kammerdiener, Reisebegleiter und Erzieher im Hofstaat der Fürsten Liechtenstein eine wichtige Rolle spielte und Mitglied der Freimaurer war. Trotzdem wurde Soliman museal als "primitiver Wilder" inszeniert. Seit den 1870er Jahren und um die Jahrhundertwende waren im Prater Völkerschauen und Panoptiken mit exotischen Menschen viel besuchte Attraktionen. Das 1889 eröffnete Naturhistorischen Museum widmete der physisch-anthropologischen Kollektion einen eigener Saal gewidmet. Obwohl dort Schädel, Skelette und Gipsabformungen nur ein Jahr lang öffentlich zugänglich waren, schritt die Sammeltätigkeit schritt unermüdlich fort. Viel später, 1930 bis 1996, zeigte man im "Rassensaal" 700 Schädel und über 1000 Fotos.

Die dritte Autorin ist die Afrikanistin Anette Hoffmann von der University of Fort Hare in Südafrika. Sie beschäftigt sich mit dem Werk des deutschen Abenteurers Hans Lichtenecker (1891-1988), der 1931 im heutigen Namibia Abformungen von Gesichtern, Händen, Köpfen, Füßen, Fotografien, Messungen und Tonaufnahmen für sein "Archiv aussterbender Rassen" produzierte. In menschenverachtender Weise agierte er dabei in einer Polizeistation der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika. Die meisten seiner 57 Tonaufnahmen sind in Berlin erhalten, sie wurden aber erst 2007 übersetzt. Annette Hoffmann gestaltete darüber die Ausstellung "Was wir sehen", die sie - nach Kapstadt und Basel - 2011 im Wiener Völkerkundemuseum präsentierte.

Schließlich erhebt die Frage, was mit den unbequemen Objekten geschehen soll. Britta Lange meint: "Statt sensible Sammlungen loszuwerden, geht es zunächst darum, sich ihren Stimmen und den Stimmen anderer zu stellen, die in Auseinandersetzung damit treten."