unbekannter Gast

Hans Petschar (Hg.) Die Porträtsammlung Kaiser Franz' I.#

Bild 'Franz'

Hans Petschar (Hg.) Die Porträtsammlung Kaiser Franz` I. Zur Geschichte einer historischen Bildersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2011. 314 S., 244 s/w- und farb. Abb., € 35,-

Mit mehr als 200.000 Grafiken ist die Porträtsammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) weltweit eine der umfangreichsten ihrer Art. Vor kurzem wurde hier ein Großprojekt beendet: 186.000 Einzelporträts von 53.000 Personen - seit der frühen Neuzeit bis in das 19. Jahrhundert - wurden (teilweise erstmals) wissenschaftlich bearbeitet und 22.000 Biographien verfasst. Alle Bilder sind nun über die Internet-Plattform verfügbar. Zum Abschluss des Projekts erschien das Buch über die Geschichte der Porträtsammlung Kaiser Franz' I. (1768-1835), die den Kern des Bildarchivs der ÖNB bildet.

Herausgeber des reich illustrierten Bandes ist Hans Petschar, Direktor des Bildarchivs und der Grafiksammlung. Er verfasste die Einleitung "Ein kaiserliches Bild der Welt". Der Genealoge Wilfried Slama referiert im ersten Kapitel die Geschichte der Sammlung.

Franz I. regierte mehr als 40 Jahre lang (1792-1835). In seine Zeit fielen Kriege und politische Umwälzungen, wie das Ende des heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und die Gründung des Kaisertums Österreichs, Schlachten gegen Napoleon und der Wiener Kongress. Die Erziehung zu Disziplin, Fleiß, Gehorsam und Pflichtbewusstsein entsprach den Idealen eines aufgeklärten Fürsten. Als 16-Jähriger wurde er von seinem Onkel Josef II. in die Regierungsarbeit eingeführt. Schon früh interessierte sich der Thronfolger für Geschichte, Reisebeschreibungen und bildende Kunst, besonders Porträts. Der kaiserliche Onkel hatte für die künstlerischen Ambitionen des "Stubenhockers" wenig übrig. Er forcierte dessen militärische Ausbildung, aber der Neffe ließ sich in seinen Ambitionen nicht beirren.

Der 18. Mai 1785 gilt als Gründungsdatum seiner Porträtsammlung. Nach der Krönung baute "der gute Kaiser Franz" seine Bibliothek und Bilderkollektion weiter aus, betreute sie selbst und bewahrte sie bis 1806 in seinen Wohnräumen auf. Doch die Sammlungen waren weit mehr als ein privates Hobby des Monarchen. Konkrete Bezüge zur kulturellen, sozialen und politischen Geschichte sind deutlich zu erkennen. Schon die Zweiteilung der Systematik in Genealogie und "Stände" spiegelt nicht nur die Sichtweise des adeligen Sammlers, sondern die realistischeTeilung der damaligen Gesellschaft in Herrschende und Untergebene. Die Ordnung, die der Kaiser seinen Bildern gab, blieb grundsätzlich bis heute erhalten, sowohl bei der Neuaufstellung 2007 als auch im Internet.

Die Herrscherporträts sind hierarchisch gegliedert. Sie teilen sich in die Hauptgruppen Päpste, Kaiser, Könige und weitere Regenten. Die Habsburger rangieren mit ihrer Erzherzogswürde vor den Herzögen. Weiters finden sich griechische und römische Herrscher der Antike und zahlreiche Adelige, im ganzen 47.740 Bilder von 6.764 Personen. Der größere Teil ist den "Ständen" gewidmet und umfasst 73 alphabetisch gereihte Berufs- und soziale Gruppen von A wie Abgeordnete bis Z wie Zoologen. Darunter gibt es Kategorien wie Aufrührer, Einsiedler, Heilige, Missgestalten, Propheten, Sybillen oder Verbrecher. Die "Stände" umfassen 95.685 Blätter zu 28.937 Männern und Frauen - wobei die weiblichen Dichter, Maler, Schauspieler und Tonkünstler eigens aufgelistet sind.

Bei der Ikonographie der Herrscherporträts stand die Inszenierung der Regenten im Vordergrund. Wie sich diese veränderte, zeigt der Kunsthistoriker Rainer Valenta im Vergleich von Darstellungen des französischen Königs Ludwig XIV. (1638-1715) und Kaiser Franz Joseph von Österreich-Ungarn (1830-1916): Der Sonnenkönig empfängt auf einem Bild als Kleinkind aus den Händen des Jesusknaben die Insignien seiner Herrscherwürde und wird bald im Harnisch dargestellt. Der Phantasie sind beim Lob des Königs keine Grenzen gesetzt. Immer wieder stößt der Betrachter auf neue Anspielungen und Deutungsmöglichkeiten. Bei Kaiser Franz Joseph übernimmt die Uniform die Funktion der Rüstung, die der Sonnenkönig wohl nur selten getragen hat und die den Künstlern mehr als Symbol diente. Ludwigs arrogant wirkende Pose ist bei Franz Joseph kaum zu finden. Neben Einzelporträts des Herrschers treten Gruppenbildnisse, Familienbilder, Massenszenen und romantisch wirkende Alltagsdarstellungen - etwa wenn Kaiser und Kaiserin in Tracht in einem Ruderboot zu sehen sind, in dem ein Musikant Zither spielt. Auch die Reproduktionstechniken haben sich in den zwei Jahrhunderten geändert. Lithographie, Lichtdruck und Fotografie lösten den Kupferstich ab, dies ermöglichte eine realistischere Wiedergabe und höhere Auflagen.

In einem Buch über Bilddokumente vielleicht unerwartet, aber für das behandelte Thema äußerst aufschlussreich ist der Abschnitt über "Habsburgische Religionspolitik von 1780 bis 1835". Der Historiker Thomas Huber behandelt darin die Reformen Kaiser Josefs II., wie Papstbesuch, Toleranzpatent, Patente für die Juden in den einzelnen Provinzen, Klosteraufhebungen und kirchlich-soziale Reformen. Josefs Nachfolger Leopold bemühte sich erfolgreich um Versöhnung, nachdem manche Änderungen als zu radikal empfunden worden waren. Franz I. hingegen ging wieder weitgehend auf die Wünsche des Papstes ein und begünstigte u.a. die Redemptoristen unter Clemens Maria Hofbauer. Er ließ sich "die Fesseln der römischen Kurie und des Papstes wieder anlegen, von denen sich zu befreien seinem Onkel einst gelungen war," schreibt Huber, ehe er sich den Bildnissen an sich widmet.

Die Geschichtsforscherin Nina Knieling, die sich in dem Sammelband mit Amtsträgern in Porträtwerken beschäftigt, macht darauf aufmerksam, dass Porträts und die beigefügten Biographien selten aufeinander Bezug nehmen. Dennoch sollte dem Betrachter auf visueller und schriftlicher Ebene ermöglicht werden, sich genauer mit der dargestellten Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Allerdings spielte die propagandistische Bildproduktion bei den Politikern eine besondere Rolle, betont die Projektmitarbeiterin.

Das Bild des Gelehrten behandelt der Beitrag von Alexander Sperl. Heilige, antike Gelehrte und mittelalterliche Theologen wurden nicht lebensecht dargestellt. Die Person stand ikonenhaft für die von ihr vertretenen Ideen. Erst die Renaissance bemühte sich um Realismus. Man sieht an den Porträts, dass sich auch kluge Köpfe nicht dem Diktat von Mode, Haar- und Barttracht entziehen konnten, beginnend bei der spanischen Mode in Schwarz, mit Halskrause. Erst am Beginn der Moderne zeigen sich individuellere Gesichter, wenngleich offenbar der Vollbart noch lange als Zeichen der Gelehrsamkeit galt.

Abschließend beleuchtet der Kunsthistoriker Patrick Poch "Die Künstler der Bildnisse - Die Bildnisse der Künstler". Dabei geht es zunächst um die Darstellung von Arbeitsprozessen von Kupferstechern und -druckern. Diese Berufe erreichten als "nachschaffende Künstler" nicht den Stellenwert der Maler, denen der zweite Teil des Kapitels gewidmet ist, und die sich selbstbewusst mit Pinsel, Palette und Leinwand darstellten. 789 Bildern von Kupferstechern (278 Personen) stehen 3.738 Maler-Porträts (1.236 Personen) gegenüber, die kleinste Gruppe dieser Art machen Malerinnen aus, von ihnen zählt die Sammlung 411 Bilder (100 Personen).

So gibt der in interdisziplinärer Zusammenarbeit entstandene Band nicht nur Einblick in die einzigartige Sammlung, die untrennbar mit der Persönlichkeit des Kaisers Franz I. verbunden ist, sondern bringt auch kunst- und kulturhistorische Forschungsergebnisse und viele wissenswerte Informationen über die Gattung Druckgrafik im Wandel der Jahrhunderte.