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Wolfgang Ernst: Beschwörungen und Segen#

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Wolfgang Ernst: Beschwörungen und Segen. Angewandte Psychotherapie im Mittelalter. Böhlau Verlag Wien Köln Weimar 2011. 386 S., 89 s/w- und 31 farb. Abb., € 51.30

Die Kombination der Titel ist verblüffend: "Beschwörungen und Segen" und "Angewandte Psychotherapie im Mittelalter". Noch überraschender, dass der Autor neueste neurobiologische Forschungsergebnisse zum Vergleich heranzieht. Wolfgang Ernst, Nervenarzt und Psychotherapeut, beschäftigt sich seit langem mit Medizingeschichte. In diesem Buch legt er eine beachtlich umfangreiche Dokumentation mittelalterlicher Heil- und Segenssprüche aus dem Gebiet nördlich der Alpen vor. Übersetzungen und Erklärungen stellen die Texte in ihr kulturelles Umfeld. Die Gliederung der unübersichtlichen Materie in 32 Kapitel von "Augenleiden" bis "Zahnschmerzen", erleichtert den Überblick. Weitere Kapitel behandeln die Heilformeln der Hildegard von Bingen und den göttlichen Arzt und Apotheker Christus medicus. Der Anhang bietet eine Reihe von Registern, in denen u. a. die medizinischen Begriffe erklärt werden.

"Entmythologisierung und Sichtbarmachung humanbiologischer Elementarvorgänge" sind die erklärten Ziele des Arztes. Als medizinischer Laie kann man seine Diagnosen zwar schwer überprüfen, doch es leuchtet ein: "Die Gehirne unserer mittelalterlichen Vorfahren arbeiteten wie die unseren. Und: Gesunde Gehirne gottgläubiger Menschen und atheistischer Menschen erzielen nach gleichen Prinzipien die gleichen neuronalen Arbeitsabläufe."

Heilsprüche wurden bei akuten Zuständen als psychologisches Krisenmanagement angewendet. Entscheidend waren wohl die Präsenz eines Helfers und seine praktische Fähigkeit, eine Wende hervorzurufen. Jedes Kapitel schließt mit einer Bewertung der Chancen der Heilungsversuche: Bei den Augenkrankheiten helfen sie nicht. Bei Bauchschmerzen kann das vegetative Nervensystem angesprochen werden. Bei epileptischen Anfällen wurden eine ganze Reihe von Heiligen zu Hilfe gerufen. Doch blieben Verbaltherapie und Amulette per se wirkungslos. Einen Sonderfall stellt der im 16. Jahrhundert aufgekommene Blasiussegen dar, der am Tag des Heiligen vorbeugend von einem Priester erteilt wird. Hingegen steht der in einer Handschrift des Klosters Mondsee im 15. Jahrhundert eingetragene Liebeszauber "an der Schwelle der Gotteslästerung". Wie er in das fromme Buch kam, bleibt ein Rätsel. In Seuchenzeiten versuchte man, sogar die Pest mit Sprüchen zu heilen, eine "lebensgefährliche und kontraindizierte Methode". Exorzismen sollten bei psychischen Leiden und Hirnkrankheiten helfen. Auch der "böse Blick" und "Folklorepsychiatrie" dürfen nicht fehlen, wenn von magischen Methoden die Rede ist, die sich der Worte, Gesten und Kräuter bedienten. "Entscheidend für die Wirkung … ist das Wort des Arztes oder Heilers an das Deutungssystem erwartungsvoller Gehirnareale" , stellt der ärztliche Autor fest. "Die mit Placebos wie Eisenkraut verbundenen Suggestionen führen zu einer Ausschüttung von Endorphinen und Dopaminen, den schmerz- und stimmungsregulierenden Botenstoffen. Voraussetzung dafür ist die Erweckung einer Erwartungshaltung im Patienten, wie sie durch Spruchtexte, gemeinsame Weltanschauung, emotionale Beziehung, therapeutisches Ritual und Potenzinsignien des Heilers aufgebaut werden kann."

Dass auch Tiere auf gutes Zureden und vertrauensvolle Berührung ansprechen, ist seit Jahrhunderten bekannt und wird heutzutage von "Pferdeflüsterern" praktiziert. Der Autor hält es für möglich, dass durch Geschichtenerzählen geholfen werden konnte, wie durch die Legende von den "Siebenschläfern", christlichen Hirten, die zwei Jahrhunderte lang in einer Höhle schliefen, um ihrer Verfolgung zu entgehen. Durch ihre Fürsprache möge Gott den von Fieber und Schüttelfrost Geplagten heilen, heißt es im Segenstext. Ähnliche Zeugnisse führt Wolfgang Ernst bis ins 16. Jahrhundert an. Im Vergleich der vielen Texte, der von ihnen erwarteten und nachweisbar möglichen Wirkungen fand er heraus, dass sich Beschwörungen doch weit öfter hilfreich erweisen konnten, als man auf den ersten Blick glauben würde.