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Constantin Gegenhuber: Gebaute Gebete#

Bild 'Gegenhuber'

Constantin Gegenhuber: Gebaute Gebete. Christliche sakrale Architektur. Neubauten in Österreich 1990 bis 2011. Verlag Anton Pustet Salzburg 2011. 336 S., durchgehend farbig ill., € 49,95

Der Titel ist so bestechend wie das ganze Werk: Gebaute Gebete. Ein Blick auf die Biographie des Autors bestätigt, dass man es hier mit einem besonderen Experten zu tun hat. Dipl.Ing. Mag.art. Dr.phil. Dr.med Constantin Gegenhuber ist Architekt, Arzt und Produktdesigner. Seine Facharztordination (Orthopädie) befindet sich in Steyr. Aus der Beschäftigung mit den vielschichtigen Themenbereichen, entstand sein Wunsch nach einer tiefer gehenden Auseinandersetzung unter geisteswissenschaftlichen Aspekten. So kam es zur vorliegenden Publikation, die auf der Dissertation bei Univ. Prof. Dr. Manfred Wagner an der Universität für Angewandte Kunst (Institut für Kultur- und Geistesgeschichte) in Wien fußt.

Der Dissertationsvater verfasste das Vorwort, in dem er darauf hinweist, dass Kirchenarchitektur in der Geschichte Österreichs immer eine entscheidende Rolle spielte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die römisch-katholische Kirche einer der wichtigsten Bauherren. Die junge Architektenelite schuf Baudenkmäler, die inzwischen in die internationale Architekturgeschichte Eingang fanden. "Bestens gelungene Beispiele gehen nur dort auf, wo ein intensiver Dialog zwischen Theologie und Architektur stattgefunden hat, die Spiritualität der unmittelbaren Auftraggeber sich auch mit der intellektuellen Dimension des Architekten decken konnte."

Für seine "Dokumentation und Diagnose" (Wagner) hat der Autor 40 Sakralbauten mit mehr als 100 Sitzplätzen ausgewählt, die zwischen 1990 und 2011 in Österreich entstanden. Die Auswahl erstreckt sich auf alle Bundesländer und christlichen Konfessionen. Es ist die erste umfassende Darstellung dieser Art. Die Einleitung gibt eine Charakteristik der Glaubensgemeinschaften und deren speziellen Anforderungen an den Andachtsraum. Die größte Bekenntnisgemeinschaft in Österreich ist die katholische Kirche mit 5,533.517 Mitgliedern (2009). Die überwiegende Mehrheit gehört dem lateinischen Ritus an, die restlichen Katholiken verteilen sich auf östliche katholische Riten, wie den griechischen, armenischen oder syrischen Ritus. An zweiter Stelle steht die evangelische Kirche (Augsburger und Helvetisches Bekenntnis) mit 323.983 Mitgliedern. Etwa gleich viele Christen gehören einer der orthodoxen Kirchen an, deren Gemeinden nach der Nationalität gegliedert sind, wie Griechen, Serben, Russen, Rumänen, Bulgaren oder Ukrainer. Darauf folgen die altkatholische Kirche mit 14.621, die neuapostolische Kirche mit 4.900 Mitgliedern und verschiedene altorientalische Kirchengemeinden.

Der moderne katholische Kirchenbau ist von der Litrgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils bestimmt. Im Vordergrund steht der Gemeinschaftscharakter der Liturgie, die zum Volk gerichtet (versus populum) zelebriert wird. Die "liturgischen Orte" oder "Prinzipalstücke" sind Taufstein, Altar, Ambo und Tabernakel. Ihre Beziehung bestimmt die Raumwirkung. Um die postkonziliaren Bestimmungen konsequent umzusetzern, wählen viele Architekten eine elliptische Form, wobei die Brennpunkte zwischen Mensa und Ambo einen gemeinsamen Raum der Mitte fokussieren. Der evangelische Kirchenbau im 20. Jahrhundert tendierte zu Gemeindezentren und schlichten Mehrzweckräumen. Doch zeigte sich bald ein Bestreben nach "Resakralisierung", also Ausstattung mit Kunstobjekten oder die Fixierung durch Altar, Kanzel und Taufe. In der orthodoxen Kirche fällt die scharfe Trennung von Sakralem und Profanem auf. In der Architektur wird dies durch die Ikonostase, eine mit Ikonen geschmückte, dreitürige Bilderwand zwischen Altar und Gemeinderaum deutlich. Nur Priester und Bischöfe dürfen die Mitteltür durchschreiten. Die Richtlinien der neuapostolischen Kirche sehen nur einen Versammlungsraum mit hervorgehobenem Altarbereich vor.

Wenngleich der Bildband die neuesten Bauten behandelt, sind doch auch jene seit den 1950er Jahren wichtig für das Verständnis der Entwicklungen. Ein eigenes Kapitel stellt markante Nachkriegsbauten vor, die unter Kardinal Franz König, Erzbischof Koadjutor Franz Jachym und Prälat Otto Mauer entstanden sind. Zur engagierten Architektenszene der Konzilszeit zählten Ottokar Uhl, Johann Georg Gsteu, Roland Rainer, Josef Lackner und Johannes Spalt. Allein in der Erzdiözese Wien entstanden im Sinne der Umsetzung der neuen Liturgie zwischen 1956 und 1984 rund 130 Kirchen. Doch "In den Achtzigerjahren kam es zu einem Verlust des Innovationsgrades in der sakralen Architektur."

Der Hauptteil umfasst die Bauten der folgenden Jahrzehnte. Es stellt 26 römisch-katholische, sieben evangelische, drei orthodoxe und vier neuapostolische Kirchen vor. Jedes Kapitel umfasst die Aspekte Entstehungsgeschichte, Ort, architektonische Vision, architektonisches Thema, architekturanalytische Betrachtung, Konstruktion, Materialität und Innenausbau, Liturgische Orte, Reflexion über den Sakralraum und seine künstlerische Gestaltung. Daran schließen sich Pläne, Axonometrien und Farbfotos, die den Gesamteindruck und interessante Details wiedergeben. Die meisten Bespiele stammen aus Oberösterreich und Wien. In Vorarlberg wurde nur eine (neuapostolische) Kirche gebaut. Besonders innovativ zeigte sich die evangelische Kirche in Niederösterreich. Heinz Tesar baute in Klosterneuburg "einen kraftvollen Ort mit besonderer sakraler Raumatmosphäre". In Waidhofen an der Thaya schuf der Architekt und Künstler Eftymios Warlamis die "Kirche der Frohen Botschaft" mit ökumenischem Aspekt. Dabei verband er die Formensprache der Vorbilder der kykladischen Inselkirchen mit fließenden Konturen und gestaltete sie bis ins kleinste Detail selbst. Der mit Hainburg verbundene international renommierte Architekt Wolf D. Prix schenkte seinen Entwurf der evangelischen Gemeinde. Besonders markant sind von außen die "komplexe Dachlandschaft mit drei dominanten Lichtöffnungen" und die 20 m hohe Glockenskulptur, innen eine innovative Interpretation des Kanzelaltars der evangelischen Bautradition.

Eine Zusammenfassung, Architektenbiographien, Glossar und Bibliographie runden das Werk ab. Als entscheidend für das Gelingen von Kirchenneubauten nennt der Autor das Erzielen eines Dreiklanges von Architektur, Theologie/Liturgie und bildender Kunst. Wo deren intensiver Dialog stattfand, gelang die Raumschöpfung.