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Roland Girtler: Eigenwillige Karrieren #

Bild 'Girtler'

Roland Girtler: Eigenwillige Karrieren . Wer seine eigenen Wege geht, kann nicht überholt werden. Böhlau Verlag Wien - Köln - Weimar 2011. 459 S. € 24.90

Seit heuer erhalten die Guides im Schloss Schönbrunn eine Spezialschulung in "Storytelling". Es geht um die Darbietung historischer Inhalte in unterhaltsamer und anschaulicher Form und das Entwickeln eines persönlichen Erzählstils. Facts und Fiction verbinden sich (Schönbrunn Journal 3/2011). Prof. Roland Girtler beherrscht diese Kunst seit langem perfekt, sie ist geradezu sein Markenzeichen geworden. Sein jüngstes Buch liefert erneut den Beweis. "Eigenwillige Karrieren" hat es der Soziologe genannt, dessen charakteristische Erzählweise einem bei der Lektüre im Ohr klingt. Amüsant schildert er Lebensbilder von 17 Persönlichkeiten so unterschiedlicher Professionen wie Vernissagengeher, Kriminalbeamter, Puppenspielerin, Schuldirektor oder Wirtin. Wie es einem Wissenschafter ziemt, hat jedes Kapitel einen Absatz "Zugang" - über das Recherche-Umfeld - und schließt mit einer "kleinen Theorie", etwa "der Holzknechte und Wildschützen", "der feinen und allerfeinsten Leute" oder des Totengräbers. Alle portraitierten oder beteiligten Personen werden beim vollen Namen genannt. Eingeflochten sind Briefe und Berichte aus deren eigener Feder und viele Geschichten aus dem "eigenwilligen" Leben des Autors. Wie ein roter Faden zieht sich seine eigene Story durch die 459 Seiten.

Als Girtler "eine Anstellung als Wissenschafter anstrebte, idealerweise an der Universität", halfen ihm Kontakte und Empfehlungen eines "Privatgelehrten und Bufettspezialisten". Dem " 'lästigen' Zeitgenossen" widmet er das erste Kapitel und meint: "Ich verdanke Ioannes also einiges, sicherlich meine Existenz an der Universität." Mit einem Alpinisten und Bergretter verbindet ihn die gemeinsame Heimat Spital am Pyhrn. Girtlers Eltern, die dort als Gemeindearzt und Landärztin wirkten, mussten oft verunfallte Bergsteiger medizinisch versorgen. Sie betreuten auch die Gebirgsbauern in Oberweng, wo der Autor einen "noblen Wildschütz und Holzknecht" zu seinen Freunden zählt. Dieser ist in einem Film des von Roland Girtler eingerichteten Wilderermuseums in St. Pankraz zu sehen. Als Teil der dezentralisierten oberösterreichischen Landesausstellung 1998 gegründet, übersiedelte das Museum nach deren Ende in eigene Räume. Die Gestaltung besorgte eine Puppenspielerin und Regisseurin. In Zusammenarbeit mit ihr ist das "Wilderer-Kochbuch" entstanden. In der Bergbauernregion von Mittel- und Oberweng befindet sich eine hoch gelegene, einklassige Volksschule. Der "Hochschuldirektor" erzählte über seine Arbeit und dem Kampf um den Bestand der Schule, deren Auflösung schon vor seiner Zeit beschlossene Sache schien.

In Wien sind Forschungen bei der Polizei, bei Ganoven und Prostituierten Spezialgebiete des Soziologen. Hier hatte er als "teilnehmender Beobachter" Kontakt zu einem Kriminalbeamten und Kolumnisten in deren Fachzeitschrift. Bei einem Vortrag über seine Feldforschungen lernte Girtler einen Operettenforscher und Klubpräsidenten kennen. Dessen Geburtsort Hollabrunn veranlasste ihn zur Assoziation: "Auf Hollabrunn stieß ich, als ich vor Jahren mit dem Fahrrad nach Paris radelte und unter dem Triumphbogen stand. Dabei entdeckte ich neben fünf oder sechs anderen Ortsnamen auch Hollabrunn. Dort hatte Napoleon die Österreicher im Jahr 1805 vor der Schlacht bei Austerlitz geschlagen …" Die Freude am Radfahren verbindet ihn seit früher Jugend mit einem nun 80-jährigen Höhlenforscher. Trotz aller Freundschaft war das Interview mit diesem "wortkargen Herrn" nicht einfach: "Für einen Kulturwissenschaftler ist es eine schwierige Aufgabe, mit Leuten von der Art Werners zu sprechen und auch die erhofften Geschichten erzählt zu bekommen" . Eine Reise mit dem Fahrrad nach Bad Ischl brachte den "vagabundierenden Kulturwissenschaftler" zum "Herrn der Kaiservilla". Nicht nur, dass er dort ein Nachtquartier fand, arrangierte der Kulturanthropologe auch ein Treffen des Hochadeligen mit einem "Bordellbesitzer und jetzt Bauer im Mühlviertel" in einem Linzer Café. Den Rotlichtkönig hatte der damalige Jusstudent bei einem mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt kennengelernt. Kurz vor der letzten Staatsprüfung wurde Girtler 1966 bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Im AKH kam er neben einem Mann zu liegen, "der bei einer Rauferei einen Herzstich erlitten hatte. Er war… ein Zuhälter am Beginn seiner Karriere." Und er war der Grund, warum der Autor nach dem langen gemeinsamen Spitalsaufenthalt den Entschluss fasste, "das Jusstudium zu beenden, um Völkerkunde, Urgeschichte und Soziologie, die es damals in der jetzigen Form noch nicht gab, zu studieren." Die im Krankenhaus begonnene Freundschaft hatte Bestand. Der "würdige Besitzer von mehreren Bordellen" war dem Soziologen stets bei seinen Studien in Randkulturen behilflich, wofür er ihm bis heute dankbar ist.

Naheliegend, dass der Soziologieprofessor eine Doktorarbeit über den Wiener Prater vergab. Der studentische "kultur- und randkultursoziologische Streifzug" brachte auch dem Dissertationsvater neue Kontakte, so zum Fotografen und Gestalter der Prater-Website, "der Mann, der die Grottenbahn rettete". Für sein Lebensziel verzichtete der Unternehmer auf das lukrative Geschäft mit Glücksspielautomaten. Girtler selbst ging in jungen Jahren mit seiner Frau gern "flippern", diese mechanischen Apparate gibt es nicht mehr. Bestand hat hingegen das Schweizerhaus, in dem das Paar gerne einkehrte, um Budweiser Bier und einen Radi (Rettich) zu genießen. Die Großeltern des Besitzers waren um 1890 aus Tschechien nach Wien gekommen. Der Großvater, gelernter Fleischhauer, motivierte den Vater in der Zwischenkriegszeit, das Schweizerhaus zu pachten. Mit seinem Garten und damals berühmten Musikern aus Böhmen wurde es bald zur Attraktion. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste man neu beginnen, der Enkel arbeitete als Brotschani mit, er verkaufte den Gästen Salzstangerl und Brezel. Später besuchte er die Handelsakademie, studierte an der Wirtschaftsuniversität und war erfolgreich im Getränkehandel mit Budweiser Bier.

Ein weiteres Schwerpunktthema des Vertreters der "verstehenden Soziologie" sind die "Landler" in Siebenbürgen. Deren Vorfahren mussten im 18. Jahrhundert wegen ihres evangelischen Glaubens aus Österreich auswandern und siedelten sich in Rumänien als Bauern an. "Mein Interesse an der alten Bauernkultur ist groß. … In Siebenbürgen hatte sie noch bis in die jüngste Zeit Bestand. Jetzt geht sie auch hier unter", schreibt Roland Girtler. Seit zwei Jahrzehnten macht er mit seinen Studierenden Exkursionen in diese Gegend. Die Biographie einer Kleinbäuerin findet sich in dem Buch. In einem siebenbürgischen Dorf bei Hermannstadt/Sibiu sprang der Forscher sogar als Totengräber ein. Als er das Grab 1,80 m tief ausgeschaufelt hatte, erlaubte sich einer der helfenden Studenten einen Scherz und entwendete die Leiter. Darauf der Lehrer: "Ich bitte höflich um die Leiter. Nun kann ich aus dem Grab steigen, das Leben hat mich wieder." Einem professionellen Totengräber in Windischgarsten widmet der Autor das Kapitel "Der Herr, der tausend Leute unter sich hat".

Als gefragter Vortragender nimmt Roland Girtler traditionell an den "Matreier Gesprächen" teil, die der Verhaltensforscher Otto Koenig gegründet hatte. Hier fand er in einer "Wirtin und Rebellin" eine interessante Gesprächspartnerin. Ebenfalls in Osttirol, in Innervillgraten, traf er "die Lieblingsschwägerin des Wildschützen". Dieser, der damals 30-jährige Pius Walder, wurde von Jägern erschossen. Bei seinem Grab, das zu einem touristischen Anziehungspunkt geworden ist, hielt Girtler zum 20. Todestag eine Rede. Während dieser "achtete übrigens meine Frau im Hintergrund darauf, dass niemand von den Steilhängen neben dem Friedhof seine Waffe auf mich richtet." Auch in Aussee hatte Girtler über sein Wildererbuch und die Wildschützen referiert. Dabei lernte er die Strassner Pascher kennen, mit denen er eine CD produzierte. Nach dem Interview mit einem von ihnen, der auch als Faschingssänger agiert, widmet er die "kleine Theorie" den Musikanten. "Musikanten und Sänger, die während des Mittelalters zum fahrenden Volk zählten, waren und sind beliebt, weil sie, ebenso wie die Minnesänger, zur Unterhaltung und zum Vergnügen von Menschen beizutragen vermögen. (Sie …) unterhielten durch Kunststücke, aber auch mit Musikinstrumenten wie der Fiedel oder der Drehleier ein zahlungskräftiges Publikum." Dem Interviewpartner, so Girtlers Resümee, gelingt es wie diesen "Menschen zum Lachen zu bringen und ihnen zu helfen, mit dem Ärger des Alltags heiter fertigzuwerden."