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Reinhard Sieder, Ernst Langthaler (Hg.) Globalgeschichte 1800-2000 #

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Reinhard Sieder, Ernst Langthaler (Hg.) Globalgeschichte 1800-2000. Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2010. 592 S., zahlreiche s/w-Abb. und Tabellen, € 29,90

Globalgeschichte - auch Transnationale Geschichte, Makrogeschichte oder Universalgeschichte - ist im Zusammenhang mit Fragen der Globalisierung im 21. Jahrhundert interessant geworden. "Was ist Globalgeschichte ?", fragen die Herausgeber, Professoren der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, in der Einleitung. Zunächst grenzen sie ihr fachübergreifendes Forschungsgebiet gegenüber "Weltgeschichte" ab. Diese vergleicht sozial-kulturelles Leben über Jahrhunderte und zwischen Weltreligionen, ist an großen Einheiten wie Zivilisationen, Reichen und Nationalstaaten interessiert und fragt nach deren ökonomischen und ökologischen Entwicklungen. Bei Globalgeschichte geht es hingegen um Interaktionen, Transfers und Netzwerke, die Spannung zwischen dem Lokalen und dem Globalen. Globalgeschichte geht über Nationalgeschichte hinaus, will aber nicht unbedingt "die ganze Welt" erfassen. Dies erfordert interdisziplinäre Teams, die auch dieses Werk erarbeitet haben.

In Kapitel 1 untersuchen der Ökologe Fridolin Krausmann und die Soziologin Marina Fischer-Kowalski "Gesellschaftliche Naturverhältnisse". "Wir entwerfen hier eine neuerliche Erzählung einer altbekannten Geschichte", meinen sie, doch selten findet man so vieles Altbekanntes derart konzentriert, beispielsweise: In Mitteleuropa wurden zwischen 900 und 1900 mehr als 50 % der Waldflächen gerodet, was zu massiven Veränderungen der Ökosysteme führte. Kohle und Dampfmaschine begründeten ab Mitte des 17. Jahrhunderts die englische Erfolgsstory. Um 1800 förderte England weltweit 90 % der Kohle und exportierte diese nach Europa. Der Brennwert des "unterirdischen Waldes" entsprach um 1850 jenem einer Waldfläche von der vierfachen Größe Großbritanniens. Mit Erdöl und Auto begann um 1900 nicht nur die Erfolgsgeschichte der USA, sondern auch eine Transportrevolution. Das Straßennetz übertraf rasch das Eisenbahnnetz, das seinerseits zu bisher unvorstellbaren Änderungen geführt hatte. Der Elektrifizierung Ende des 19. Jahrhunderts folgte die "grüne Revolution". Mithilfe der Motorsäge konnte man bis zu 1000 mal schneller Bäume fällen als mit der Axt. Agrochemie steigerte die Erträge der industrialisierten Landwirtschaft. Am Beginn des 21. Jahrhunderts bestehen unterschiedliche Vorstellungen, mit welchen Mitteln der globalen ökologischen Krise beizukommen ist. Die historische Perspektive zeigt, dass in der Vergangenheit oft technologische Lösungen gegriffen haben, aber auch, dass mit technischen Lösungen neue Probleme entstehen.

Die Wiener Wirtschaftshistorikerin Andrea Komlosy beschäftigt sich seit langem schwerpunktmäßig mit der Textilfabrikation in Niederösterreich und Fragen ungleicher regionaler Entwicklung im internationalen Vergleich. Hier hat sie als Fallbeispiel die Entwicklung in der österreichisch-ungarischen Monarchie, dem Osmanischen Reich und dem indischen Subkontinent herausgegriffen. In Österreich wurde im 18. Jh.die Baumwollerzeugung mit dem Manufaktur- und Verlagssystem in großem Stil eingeführt und ausländische Konkurrenz durch Zollschutzpolitik verhindert. In den 1780er- jahren wurden englische Fachleute abgeworben, um auch hierzulande maschinelle Spinnereien einzurichten. Die Antwort der Habsburgermonarchie auf die englische herausforderung war das Fabrikssystem. Hingegen verfolgte die Regierung des Osmanischen Reichs weder eine merkantilistische Politik noch forcierte sie die Industrialisierung. Britisch-Indien war für das Mutterland in erster Linie als Rohstoffproduzent sowie als Absatzmarkt für Fabrikstextilien interessant. In der Folge widmet sich die Autorin dem exakten Vergleich der drei Beispielsregionen in drei Zeitabschnitten mit den für sie charakteristischen Entwicklungen der Arbeitsverhältnisse. "Dabei wird deutlich, dass Arbeitsverhältnisse, die normalerweise aufeinander folgenden Phasen der industriellen Entwicklung zugeordnet werden, aufeinander bezogen und zur gleichen Zeit auftreten. Dies lässt sich mit Ernst Bloch auch als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen fassen."

18 Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen - Afrikanistik, Betriebswirtchaftslehre, Biologie, Germanistik, Geschichte, Pädagogik, Philologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Publizistik, Romanistik, Wirtschafts-und Sozialgeschichte, Soziologie - haben die 18 Kapitel aus verschiedenen theoretischen Ansätzen verfasst. Sie beschäftigten sich mit Themen wie Ökologie, Demographie, Migration, Landwirtschaft, Wirtschaft, internationale Arbeitsteilung, Politik, Entwicklung, Haus und Familie, Geschlechterpolitik, Konsumgesellschaft, Jugendkulturen, Erziehung und Bildung, Kommunikationsmedien, Verkehrsentwicklung, Religionen, Revolutionen, Krieg und Militär. Die für die Kapitel des Bandes titelgebenden Grundkategorien referieren Phänomene, die sich in ungleichmäßiger und ungleichzeitiger Weise historisch differenzierten. Ungleichmäßigkeit und Ungleichzeitigkeit sind daher auch im globalen Vergleich in Rechnung zu stellen. Das äußerst aufschlussreiche Buch erhellt die ökonomischen, politischen und kulturellen Aspekte der weltweiten Transfer- und Vernetzungsprozesse. Zahlreiche Grafiken und Statistiken verdeutlichen sie.