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Gabriele Hasmann: Der Stephansdom#

Bild 'Stephansdom'

Gabriele Hasmann: Der Stephansdom. Die geheime Geschichte von Österreichs Kulturdenkmälern Band 1, herausgegeben von Johannes Sachslehner. Pichler Verlag Wien 2011. 208 S. € 19,95

Johannes Sachslehner, der kompetente Autor und kreative Lektor des Pichler-Verlages, hat für diesen eine neue Buchserie erfunden. "Die geheime Geschichte von Österreichs Kulturdenkmälern" ist eine logische Ergänzung des Verlagsprogramms, in dem sich schon bisher viel "Geheimnisvolles", "Mystisches" und "Unbekanntes" fand, und der Herausgeber u. a. als Autor von zwei Bänden über "Schicksalsorte" fungiert hat. Die Verwandtschaft in Art und Layout ist unverkennbar, auch wenn die neue Serie etwa die halbe Größe des "Mystischen" hat. Nun stehen nicht stimmungsvoll-künstlerische Großfotos im Fokus, das handliche, schmale Format motiviert eher zum Einstecken und Mitnehmen beim Besuch der Kulturdenkmäler, als Vademecum.

Band 1 ist dem Stephansdom, "dem" österreichischen Schicksalsort, Kulturdenkmal und Symbol gewidmet. Doch wer anhand des an einen Reiseführer erinnernden Formats glaubt, einen solchen vor sich zu haben, irrt. Vielmehr greift die Autorin Schwerpunkte heraus, wobei sie es versteht, auch zwischen völlig konträren Themen, deren Geschichten im Text aufeinander folgen, Brücken zu schlagen: etwa vom ersten, um 1947 in der Sakristei installierten, WC zum Dombrand und der Wiederherstellung des bunten Daches. Die dabei geäußerte Vermutung, dass "früher während der kirchlichen Zeremonien ständig der Weihrauchkessel geschwenkt" wurde, um den Gestank auszuhalten, klingt doch etwas gewagt.

Es gehört zur Journalisten-Profession, sich elegant zwischen Dichtung und Wahrheit zu bewegen. Als ORF-Redakteurin zählt Gabriele Hasmann zu dieser Zunft, außerdem hat sie eine Literaturzeitschrift herausgegeben und mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem über "Geisterschlösser" und "Spuk in Wien". Die einschlägigen Kapitel im jüngsten Buch fußen wohl auf einschlägigen Vorkenntnissen. Dieses umfasst, außer der Einleitung des Herausgebers und einem Quellenverzeichnis als Anhang, sieben Kapitel.

Zunächst geht es um die Baugeschichte des Stephansdoms, markante Bauteile (Riesentor, Türme, Glocken, Kapellen etc.) ebenso wie Details, z.B. die Ellenmaße. Einen roten Faden durch alle Kapitel bilden die Illustrationen - im schon bei den anderen Pichler-Serien bewährten Mix aus aktuellen Fotos, Zeichnungen und historischen Abbildungen - und das Einflechten sagenhafter Überlieferungen. Diese sind zumeist in Kursivlettern gesetzt, während die Stichworte, Versal und Rot gedruckt, den Überblick erleichtern. Konsequent durchgeführt sind auch zeithistorische und aktuelle Bezüge. Hier erfährt man, dass jetzt Renovierungsarbeiten mit Stein aus St. Margarethen im Burgenland durchgeführt werden, von dem man sich eine Lebensdauer von 200 Jahren verspricht.

Unter dem zügigen Titel "Gönner, Frömmler und Fanatiker" stellt das zweite Kapitel den "Dom und seine Zeitgenossen" vor. In der 900-jährigen Geschichte waren es viele, mehr oder weniger (oder gar nicht mehr) sympathisch wirkende "Zeitgenossen": Dombaumeister, Bischöfe, Widerstandskämpfer, Dichter, Musiker, Politiker … oder der osmanische Reisende Evliya Celebi, der 1665 den Steffl überschwänglich lobte und die Hoffnung aussprach, "… dass er dereinst zu einem Minarett umgewandelt wird …"

Das dritte bis sechste Kapitel verweisen in Abgründe, der Psyche ebenso wie des Sakralraums. "Geheimnisvolle Symbole und Rätsel" werden nicht auf billige Weise gelöst, obwohl manche Deutungen skurril anmuten, wie die "Sexualsymbolik" beim Riesentor, die an einen "vorchristlichen Fruchtbarkeitskult" erinnern soll. Wenn die Autorin solches auch ausführlich referiert, bietet sie doch immer mehrere Deutungsmöglichkeiten, sodass die Leserschar sich selbst eine Meinung bilden kann. "Mysteriöses rund um den Dom" findet sie in Tiergestalten "als Überbringer des Guten und des Bösen", bei den Wasserspeiern oder steinernen Kröten, Schlangen und Eidechsen, die den Handlauf der Pilgram-Kanzel bevölkern. In diesem Kapitel haben jedoch auch lebende Tiere, wie die sprichwörtlichen Kirchenmäuse und Abbilder von Menschen Platz: der historische "Fenstergucker", der "Dornauszieher" und die 1998 selig gesprochene Ordensfrau Maria Restituta, deren Abbild Alfred Hrdlicka schuf.

Hier wären einige Anregungen für eine Neuauflage anzubringen. Der Karfreitagsbrauch, der bis um 1850 vielerorts üblich war, hieß nicht "Judverbrennen" sondern "Judas verbrennen" und bezog sich auf die Zeremonie, ein Bild des biblisch überlieferten Verräters Judas Iscariot vor dem Gotteshaus den Flammen zu übergeben. Das Himmelpfortkloster befand sich nicht im 9. Bezirk, sondern, wie aus dem folgenden Zitat hervorgeht, in der Himmelpfortgasse in der Innenstadt. Auf dem Alsergrund besaßen die Chorfrauen nur Wirtschaftsgründe. Die Schutzmantelmadonna birgt unter ihrem Umhang keine Babies. Die Kleinheit der Figuren resultiert aus ihrer Bedeutungsgröße: Gegen die Gottesmutter sind sogar Päpste, Bischöfe oder Ordensfrauen, wie Gläubige aus allen anderen Ständen, unwichtig und "klein".

Bei der Beurteilung der "göttlichen und anderen Strahlungen" zeigt sich die Autorin vorsichtig-skeptisch, obwohl es auch in diesem Kapitel nicht an kuriosen Details mangelt, angefangen vom angeblichen keltischen Opferritual am (späteren) Stephanstag. Folgerichtig schließt ein Abschnitt über "Leichen und Reliquien" an, in dem man vieles Bekannte und Unbekannte u.a. über die Katakomben, den Heilthumsstuhl und die Altäre erfahren kann. Erstaunlich, dass friedfertige Märtyrerinnen, deren Figuren aus der Zeit um 1360 stammen, als "Hass auf das Fremde" interpretiert werden. Üblicherweise besiegen heilige Personen Drachen, die schon das Alte Testament als Allegorie böser Mächte kennt (nicht erst als Sinnbild von Hussiten und Protestanten, deren Auftreten in die Zeit nach der Schaffung der Statuen am Bischofstor fällt).

Das letzte Kapitel nennt sich "Der Dom und sein Umfeld in früherer Zeit". Hier findet Platz, was bisher an Geschichte und Geschichten noch nicht abgehandelt wurde. Es bietet Gelegenheit zum verbotenen Blick hinter die Mauern des Büßerinnenklosters, auf frivole Dombesuche oder in die (un-)hygienischen Zustände des Mittelalters. Ein Spaziergang zu den Palais in der Umgebung, zum Stock im Eisen und in die Blutgasse beschließen das amüsante Lesebuch. Fast hätte man vergessen, dass sein Thema ein kulturhistorisch-religiöses ist. Das Schlusswort des schwedischen Politikers Dag Hammarskjöld erinnert wieder daran: "Das mystische Erlebnis ist jederzeit: hier und jetzt. In Freiheit, die Distanz ist, in Schweigen, das aus der Stille kommt."