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Markwart Herzog, Huberta Weigl (Hg.): Mitteleuropäische Klöster der Barockzeit#

Bild 'Klöster'

Markwart Herzog, Huberta Weigl (Hg.): Mitteleuropäische Klöster der Barockzeit. Vergegenwärtigung monastischer Vergangenheit in Wort und Bild. (Irseer Schriften N.F. 5) UVK Verlagsgesellschaft Konstanz 2011. 400 S., zahlr. Abb. € 50,40

"Geschichtsforschung ist wie ein Krimi", sagt Werner Telesko von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Der Historiker ist einer der 14 Autoren des Buches "Mitteleuropäische Klöster der Barockzeit". Schon 2004 war die Idee zu einer "Klostertagung" entstanden. 2006 fand sie an der Schwabenakademie Irsee statt - unter internationalier Beteiligung - Österreich, Deutschland, Schweiz, Tschechien, Polen - und mit positivem Echo in Fachkreisen. Der 2011 erschienene Tagungsband richtet sich aber nicht nur an diese, sondern an alle, die sich für Barock und die Schnittstelle zwischen Geschichte und Kunst interessieren. Herausgeber sind Markwart Herzog, Direktor des Veranstaltungsortes, und die Wiener Kunsthistorikerin Huberta Weigl.

Weigl konstatiert einen Boom des Forschungsinteresses an barocken Schlössern und Residenzen. Im Bereich der Klöster ist jedoch zu ihrem Bedauern der Geschichts- und Forschungsbereich nicht sehr ausgeprägt. Dies betrifft auch die Klöster selbst, die oft nur über wenige Konventsmitglieder verfügen, die mit seelsorglichen Aufgaben ausgelastet sind und keinen eigenen Archivar haben.

Ganz anders im 17./18. Jahrhundert: Damals bestand in den Klöstern großes Interesse an der eigenen Vergangenheit. Vor allem galt es der Sicherung der Quellen. Sie bestanden in ersten Linie aus Handschriften und waren daher nur einmal vorhanden. Mit dem neueren Medium des Druckes konnten sie publiziert, verkauft und getauscht werden. Solche Hausgeschichten erreichten Auflagen von mehreren 100 oder 1000 Exemplaren. Es ging darum, festzuhalten, welches Kloster älter, ehrwürdiger war, die Identität des eigenen Ordens oder Hauses zu sichern und Rechtsansprüche abzuleiten. Man wollte aus den Grablegen der Stifter und Gründer Schlüsse auf die Vergangenheit ziehen. Dies führte etwa im Stift Wilten so weit, dass ein Abt gegen den Willen des Konvents nach dem Grab des legendären Stifters Haymon suchen ließ. Bei den Arbeiten stürzte die Kirche ein, die Reliquien wurden nicht gefunden. Geordnete Archive gab es selten, Schriften und Kirchenschätze wurden gemeinsam verwahrt. Dazu entwarf man Möbel, die man im Brandfall evakuieren konnte. Im Stift Stams gibt es eigene Vitrinen mit Vorrichtungen zur Lagerung von Urkunden in Rollen.

Außer in Originaldokumenten findet die Barockforschung wichtige Hinweise in Handschriften wie Rechnungen, Urkunden oder Heiligenviten und bildlichen Quellen wie Zeichnungen, Stichen, Plänen und der künstlerischen Ausstattung der Bauwerke. Bei der Vergegenwärtigung der Vergangenheit spielte die Kunst eine wichtige Rolle. In der Kunst ließ sich die Vergangenheit inszenieren, wobei die Deckengemälde in Melk, deren Inhalt das Leben des hl. Benedikt ist, ein prominentes Beispiel bilden. Ein anderes ist die Klosterneuburger Schleiermonstranz, die das Stift 1711- 1714 zu seinem 600-Jahr-Jubiläum vom kaiserlichen Goldschmied aus vergoldetem Silber, Diamanten, Smaragden und Perlen anfertigen ließ. In kunstvoller Weise stellt sie die Gründungsgeschichte, die Schleierlegende, dar und erweckte so in der Barockzeit das Mittelalter zum Leben.

Mit originaler Bausubstanz aus dem Mittelalter ging man bei Barockisierungen verschieden um: Man konnte gotische Kirchenräume in ein barockes Kleid hüllen und so den Innenraum modernisieren, bis er, wie beim St. Pöltner Dom, nicht mehr als alter zu erkennen war. Oder man konnte die gotischen Rippen erhalten und nur mit Stuck überziehen, wie in Seitenstetten. Ganze mittelalterliche Klosteranlagen wurden, wie in Heiligenkreuz, unter teilweiser Bewahrung der Bausubstanz barock umgestaltet. Das sparte Kosten und ermöglichte den ununterbrochenen Betrieb. Manchmal stand aber, wie in Ossegg, Böhmen, die ausgeprochene Wertschätzung des mittelalterlichen Erbes hinter solchen Überlegungen. In Niederösterreich, wo das nahe Vorbild der Haupt- und Residenzstadt Wien bis Melk und Dürnstein strahlte, schuf man Klosterpaläste mit aufwändigen Fassaden. Die Äbte konkurrierten mit dem Adel und auch untereinander. Die Mittel für die Repräsentation mussten sie selbst aufbringen. Süddeutsche Klöster sind dagegen vergleichsweise schlicht gestaltet.

Das Buch bringt eine Reihe von Vergleichsbeispielen aus Mitteleuropa, gegliedert in die drei großen Kapitel "Stifter & Gründer", "Geschichte & Identität" und "Bewahren & Erinnern". Aus Österreich werden Göttweig, St. Andrä an der Traisen, Melk, Kremsmünster in reich illustrierten Texten ausführlich behandelt. Nach der Lektüre dieses anregenden Buches muss man Werner Telesko zustimmen: "Je mehr man weiß, umso spannender wird es."


Wirklich wunderbar, dass auch St. Andrä an der Traisen, wo Paul Troger sein Wirken in Österreich begann, behandelt wird, gerade weil es der Säkularisierung Josephs II zum Opfer fiel und heute ein Geriatriezentrum der Stadt Wien ist.

Die Gelder aus der "Türkenbeute" reichten nicht nur für die Schlösser Prinz Eugens sondern flossen teilweise durchaus auch in barocke Sakralbauten. Allerdings hätten ohne das System der Grundherrschaften und der Leibeigenschaft diese herrlichen Bauten weder errichtet noch erhalten werden können.

Ein ganz typisches Beispiel für einen derartigen Prachtbau ist das Stift Herzogenburg, das 2012 sein 900-Jahr Jubiläum feiert. Ursprünglich doppelt so groß geplant, besann man sich aber eines besseren, da die Pfarre Herzogenburg mit höchstens tausend Seelen weder mit dem Zehent noch durch Robot das Stift erhalten konnte....;

Gerade Niederösterreich verdankt dieser Selbstdarstellung der "Ecclesia triumphans" nach dem Sieg der Gegenreformation und jenem über die Türken wertvollste Bausubstanz wie etwa den "österreichischen Escorial" Klosterneuburg aber auch eine ganze Reihe prunkvoller Chorherrenstifte, deren Erhaltung teuer ist. So fördert die Stadt Herzogenburg seit über zehn Jahren die Stiftrenovierung mit beträchtlichen Mitteln und wird allein für das Jubiläum 66. OOO Euro zuschießen.

Die hohen Brachezahlungen der EU leisten natürlich ebenso einen Beitrag zur Erhaltung des Stiftes Herzogenburg, das unter anderem auch der Besitzer von Dürnstein und St. Andrä an der Traisen (das ehemalige Klostergebäude ausgenommen) ist.

Bei den Barockisierungen der Zisterzienserklöster wäre darauf hinzuweisen, dass die Ordensregel der Mönche den Barockisierungsprunk des Babenberger Hausordens der Chorherren eher nicht zuließ: Heiligenkreuz erscheint kaum barockisiert, vor allem im Vergleich mit Lilienfeld....; dort befand man sich an der Traisenlinie allerdings in Konkurrenz zu den Chorherrenstiften; da die Chorherren aber keine Mönche sondern Herren waren, konnten sie uneingeschränkt barockisieren. So wurde etwa in Dürnstein für den Prälaten abseits der Stiftsanlage in den Weingärten ein eigenes "Schloss" errichtet.

Die neu adaptierten Luxuswohnungen in der ehemaligen Stiftsanlage werden auch im Internet beworben und stellen eine wichtige Einnahmequelle für die Erhaltung dar.

Zur völlig zu recht kritisierten Forschungslage wäre anzumerken, dass die Stifte für gewöhnliche Profanhistoriker nicht zugänglich sind, sondern de facto nur für Kirchenhistoriker und Kunsthistoriker. Offensichtlich befürchtet man, dass Profanhistoriker sich auch für die Rolle der Klöster als Grundherren, bei der Wiener Gesera, der Reformation, der NS-Zeit etc. interessieren würden.

Die kommende 900-Jahr-Feier des Stiftes Herzogenburg würde sich allerdings für eine über die Kirchengeschichte hinausgehende, die politischen Implikationen der Klöster miteinbeziehende paradigmatische kontextuale Darstellung der Problematik hervorragend eignen, da die gesamte Stadt Herzogenburg bis 1849 grundherrschaftliches Territorium des Stiftes war.

-- Glaubauf Karl, Montag, 13. Juni 2011, 12:17