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Kinder in der Josefstadt#

Bild 'Josefstadt'

Kinder in der Josefstadt. Hg. Bezirksmuseum Josefstadt. Wien 2011. 160 S. 15 €

Anton Wildgans (1881-1932) hat mit dem Gedicht "Ich bin ein Kind der Stadt" seinem Heimatbezirk, dem achten, ein literarisches Denkmal gesetzt. Ausschnitte aus seiner Erzählung "Musik der Kindheit" eröffnen die Reihe persönlichen Erinnerungen in der Publikation des Bezirksmuseums Josefstadt. In bester Oral-history-Manier sind hier Reminiszenzen versammelt, an "fünf Generationen in der Josefstadt", an jüdische Familien … Der Sohn eines tschechischen Bergarbeiters erzählt, wie ihn seine in Wien lebenden Großeltern in Kost nahmen, damit er hier die Hauptschule besuchen konnte. "Karlinko" blieb fremd in der Josefstadt, trotzdem wäre er gerne geblieben, um etwas zu lernen - aber die resolute Großmutter schickte ihn schon bald zu den Eltern zurück.

Die "Zeitzeugen" erlebten die Josefstadt vor, im und nach dem Zweiten Weltkrieg. So individuell ihre Schilderungen auch sind, gemeinsam sind ihre Erinnerungen an den bürgerlichen Bezirk mit vielen kleinen Geschäften. Bäcker, Fleischhauer und Greißlerin hatten persönlichen Kontakt zu ihren Kunden und hielten beim Einkauf kleine Geschenke für die Kinder bereit.

Ein oft erwähnter Mittelpunkt waren die Piaristen mit ihrem renommierten Gymnasium. In diesem Kapitel findet sich ein für die Volkskunde besonders interessanter Artikel. "Sternsinger in der Josefstadt". Klaus Pollheimer, einst der jüngste von ihnen, schildert, wie sie auf Initiative seiner Eltern schon 1946/47 zu Dreikönig unterwegs waren. Die inzwischen von der katholischen Jungschar perfekt organisierte Dreikönigsaktion wurde ab 1955 von der Missionsverkehrs-Arbeitsgemeinschaft österreichweit durchgeführt. Der MIVA-Geschäftsführer bestätigte Pollheimer sen. seine Brauch-Revitalisierung. Das Zitat aus dem Brief ist ebenso in dem Artikel zu finden, wie Fotos aus dem Familienalbum.

Das Titelbild der Publikation zeigt drei Mädchen, die am Theater in der Josefstadt vorbeieilen. Dabei hat die Grafikerin gekonnt das Wort "Theater" als "Kinder" verfremdet. Das in ganz Wien als "die Josefstadt" bekannte Schauspielhaus ist ebenfalls Inhalt eines Kapitels - wieder mit dem Text eines prominenten Literaten als Einstieg: Die Schilderung von Max Mell (1882-1971) trägt den Titel "Der erste Besuch im Josefstädter Theater".

"Erlebnis Kindheit" bezieht sich auf Aspekte der Ausstellung "Kindheit und Jugend in der Josefstadt", als deren Begleitbuch das Bezirksmuseum seine nun schon 18. Publikation herausgegeben hat. Solche Aspekte sind Lesen, Spielen oder Kleidung - die weit über die Bezirksgrenzen hinausreichen. Institutionen, die sich mit Kindern beschäftigen, gab und gibt es hier viele: Außer den Schulen z.B. das Gebär- und Findelhaus, ein städtisches Waisenhaus, Erziehungsanstalten und sogar ein Domizil der Wiener Sängerknaben.

"Jugend mischt mit" führt schließlich in die Gegenwart. Hier stellen sich Institutionen vor, die ihr Ziel "mehr Raum für Kinder" in der Josefstadt umsetzen. Jugendliche kommen auch selbst zu Wort. Schülerinnen der 5. Klasse des Piaristengymnasiums schreiben. "Wir mögen es wirklich gerne, im 8. Bezirk zu wohnen…"