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Michael Mitterauer: Traditionen der Namengebung #

Bild 'Namen'

Michael Mitterauer: Traditionen der Namengebung. Namenkunde als interdisziplinäres Forschungsgebiet. Verlag Böhlau Wien Köln Weimar 2011. 258 S. € 35,-

Die Namen- und Familienforschung beschäftigt Michael Mitterauer seit einem halben Jahrhundert Ende der 1950er Jahre schrieb der emeritierte Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien seine Dissertation über karolingische Markgrafenfamilien. 1993 veröffentlichte er "Ahnen und Heilige. Namengebung in der europäischen Geschichte". Vielseitig wissenschaftlich tätig, ist er doch immer wieder zum Thema Namen zurückgekehrt. Nun liegt ein Sammelband mit zehn Aufsätzen dazu vor, die im Laufe von zwei Jahrzehnten entstanden sind. Sie beleuchten unterschiedliche Epochen und Regionen, von Kulturen des alten Orients bis zu modernen Großstädten. So lassen sich Phänomene der Namenkultur in gesellschaftliche Zusammenhänge einordnen. Wichtig sind dem Autor dabei aktuelle und praktische Bezüge, die Impulse zum Weiterdenken und Weiterforschen geben.

Der erste Abschnitt behandelt "Systeme für Namengebung im Vergleich". Es geht darin um typische Prozesse der Übertragung traditioneller und neuer Namen auf die nächste Generation. Wenn die Auswahl nach dem Namensinn erfolgt, sind damit - "Nomen est omen" - Wunschvorstellungen der Eltern verbunden. Wie diese, finden sich auch theophore Namen in antiken Kulturen, so in Ägypten des drittn vorchristlichen Jahrtausends. Namenformen, die einen Gottesnamen beinhalten "stellen wahrscheinlich die ältesten schriftlich überlieferten Zeugnisse menschlicher Religiösität überhaupt dar". Im islamischen Raum spielt diese Art der Namenwahl bis heute eine Rolle. Insbesondere sind Zusammensetzungen mit "Abd" (Diener) und einem der "99 schönen Namen Allahs" beliebt. Ein weiteres System ist die Namengebung durch Nachbenennung nach (lebenden oder verstorbenen) Verwandten. Die Benennung nach Heiligen läßt sich seit dem 3. Jahrhundert nachweisen und hatte auch eine magische Komponente: Das Rufen des Kindes bei seinem Namen wollte den Heiligen präsent machen, der diesem als Schutzherr und Tugendvorbild dienen sollte. Daher wählte man besonders gern "wirkmächtige", große Heilige wie Josef, Maria oder Florian. Seit dem Hochmittelalter kam es in der Westkirche, wahrscheinlich unter byzantinischem Einfluss, zum Kult der Tagesheiligen. Oft bestimmte der Pfarrer, auf welchen Namen getauft wurde, und das war häufig der des Tagesheiligen. Manche Pfarrherren behielten sich das Recht vor, uneheliche Kinder nach ihrem Gutdünken zu nennen. In Südtirol hatten die ledigen Mütter kein Mitspracherecht. In der Gegenwart wechseln die "Top ten" der Vonamensstatistik, besonders bei den Mädchen, von Jahr zu Jahr. Mitterauer konstatiert den bedeutungsvollsten Veränderungsprozess in der Geschichte der europäischen Namengebung. Gründe dafür sieht er in den mentalen und sozialen Veränderungsprozessen der letzten Jahrzehnte, wie Individualisierung, Säkularisierung oder Bruch mit historischen Vorbildern.

Der folgende Beitrag "Abdallah und Godelive" greift das Thema Namengebung nach dem Wortsinn am Beispiel theophorer Männer- und Frauennamen auf. Abdallah (Knecht Gottes) ist vorislamisch, der Vater Mohammeds hieß so. Godelive (Freundin Gottes) wurde eine adelige Märtyrerin genannt, die im 11. Jahrhundert in Flandern lebte. Spezifisches Namengut markiert historisch gewachsene Kulturräume. In Europa treten theophore Namen seit dem Hochmittelalter zugunsten der Heiligennamen zurück. In der islamisch geprägten Großregion haben sie ihre Bedeutung weitgehend erhalten.

Das Kapitel "Zur Nachbenennung nach Lebenden und Toten in Fürstenhäusern des Frühmittelalters" führt zum Problemkreis Name und Macht: Damals konnte die Wahl des Namens die Herrschaftsfolge entscheiden. Die Nachbenennung nach verstorbenen Verwandten war und ist jedoch nicht nur in den obersten Gesellschaftsschichten von Bedeutung. Mitterauer fand diesbezügliche Ideen innerfamilialer Kontinuität in ganz unterschiedlichen Gesellschaftssystemen der Vergangenheit und Gegenwart.

"Senioris sui nomine", der umfangreichste Artikel, behandelt die Verbreitung von Fürstennamen durch das Lehenswesen. Blieben in der Karolingerzeit Königsnamen auf die herrschende Schicht beschränkt, so setzte im 10. Jahrhundert eine intensive Nachbennnung ein, die in manchen Regionen die Fürstennamen zu den häufigsten machte. Dies führte zur Konzentration auf immer weniger Namen, dem "großen Namensschwund", an den die Redensart "Hinz und Kunz" (Heinrich und Konrad) für "jedermann" erinnert.

Ein spezielles Beispiel wird im nächsten Abschnitt " 'Renovatio' und 'innovatio', Namen als Spiegel von Erneuerungssbewegungen im Pisa des 13. Jahrhunderts" präsentiert. Es belegt, dass die Namenkultur einen Teil eines umfassenden kulturellen Beziehungsgeflechts vonKunst, Politik, Rechtswesen - darstellt.

Der Beitrag "Mittelalterliche Grundlagen aktueller Namensprobleme" geht auf das europäische Namensystem ein, das im Hochmittelalter entstanden ist. Im Wesentlichen beruht es auf den beiden Namensteilen, die wir als "Vornamen" bzw. "Familiennamen" bezeichnen. Mit Namen als Ausdrucksform des Patriarchalismus geht es um Macht innerhalb der Familie, mit rechtlichen Regelungen des Namenwesens um Staatsmacht.

Thematisch knüpft das nächste Kapitel " Recht und Brauch der Namengebung " an. Regelungen des Namenwesens - in Religionsgemeinschaften wie in staatlichen Verbänden - lassen obrigkeitliche Interventionen erkennen. Um 1800 drohte ein deutscher Jurist, Eltern, die ihren Kindern "unanständige Namen" geben, Gefängnisstrafen an. In totalitären Staaten der Moderne kam es zu radikalen Eingriffen. Nicht nur die NSDAP wies 1942 die Standesbeamten zur "Ausmerzung nichtdeutscher, insbesondere jüdischer oder konfessioneller Namen" an. Das atheistische Albanien propagierte 1967 albanische Namen illyrischen Ursprungs. Hier wie dort, gab es Listen der erlaubten und erwünschten Vornamen. Bulgarien verlangte von seiner türkischen Bevölkerung 1984 den Wechsel arabischer Namen in "bulgarische".

Der Aufsatz "Vom 'Judenkind' zur 'Schloßmoidl' zieht eine frühe lebensgeschichtliche Aufzeichnung als Quelle heran. Schon 1915 schrieb die Südtiroler Kleinhäuslerstochter Maria Dorfmann ihre Autobiographie - ein Zeugnis für die Namenvielfalt einer Person im Lauf ihres Lebensweges. Die Autorin war keine Jüdin, sondern das Domizil der Kleinhäuslerfamilie, der sie entstammte, wurde zuvor von einem Mann bewohnt, der so aussah, wie man sich in Südtirol - aufgrund von Passionsspielen und Kreuzwegen - einen "echten Juden" vorstellte. Der Name haftete am Haus und den späteren Bewohnern. Als "Moidl" (Maria) bei verschiedenen Bauern im Dienst stand, wurde ihr Name von deren Häusern definiert, etwa als "Bihler Moidl". Als sie im Alter als Aufseherin der Burg Summersberg tätig war, erhielt sie im Dorf den Übernamen "Schloßmoidl". Ihre Geschichte gibt Anlass zu Erläuterungen über Schriftkultur und orale Kultur (deren Beinamen sind weniger fixiert als der in Dokumenten festgeschriebene Name), Spitznamen (deren Kennzeichen allgemein Spott und Stigmatisation einer Person bedeuten, die sich nicht dagegen wehren kann), schichtspezifische Unterschiede (Pfarrer und Bahnaufseher sind immer der "Herr….") , Vulgonamen, Kurznamen (Maria oder Josef hätte damals "hochmütig" geklungen, daher wurde in Südtirol Moidl und Sepp daraus), Kosenamen und die Wahl der Taufnamen.

Auf aktuellen lebens- und familiengeschichtlichen Erzählungen fußt "Kein Problem für Attila und Leila?". Der Abschnitt bringt Beispiele zur Namengebung in bikulturellen Familien. Hier kommt auch eine Frau syrisch-ungarischer Abstammung zu Wort, die in einer österreichischen Landgemeinde aufwuchs und "lange Zeit sehr unglücklich" mit ihrem Vornamen Leila war. Oft erscheint Mehrnamigkeit als Ausweg, der dem Kind später die Auswahl (und die Integration) ermöglicht. Starke Kontraste zwischen den Namenskulturen der Ehepartner sind ein Phänomen der jüngeren Geschichte. Dabei spielen Säkularisierungs-, Migrations- und Emanzipationsprozesse eine Rolle.

Der letzte Beitrag trägt den Titel "Europaname Mohammed? Interkulturalität und Namengebung." Er ist der aktuellste und wohl brisanteste. "Der europäische und der islamische Kulturraum haben in ihrem Namengut wie insgesamt in ihrem System der Namengebung traditionell wenig Übereinstimmung. Die Unterschiede reichen historisch weit zurück - in den Grundprinzipien bis ins Frühmittelalter", und sie wirken bis heute nach. So fürchtete die Londomer "Times" 2005, der Name Mohammed würde die angestammten englischen Vornamen verdrängen. Ähnliche Meldungen gab es in anderen Ländern, doch Mitterauer enttarnt sie als plakative und voreilige Schlüsse. Änderungen von Vornamenstatistiken bewegen sich im Promillebereich. Zum Vergleich: Bei den im Jahr 2009 geborenen 65.312 Babies (33.463 Knaben und 31.849 Mädchen) mit österreichischer Staatsangehörigkeit erwies sich Lukas zum 13. Mal in Folge als Spitzenreiter bei den männlichen Vornamen (914 Mal - 2,7%) und Sarah zum zweiten Mal (nach 2003) als beliebtester Mädchenname ( 863 Mal - 2,7%) . In der westeuropäischen Kultur spielen moderne Momente der Namenästhetik, kurze, wohlkingende, vokalreiche Namen eine Rolle, die Bedeutung tritt in den Hintergrund. Hingegen "ist in der islamischen der religiöse Sinn nach wie vor ein wichtiges Kritierium der Namenswahl", besonders bei Söhnen. Mitterauer beobachtete, "dass islamische bzw. türkische Vornamen erst in der dritten Generation der Zuwanderr einen starken Aufschwung erleben". Dieser Prozess "repräsentiert eine Besinnung auf religiöse Werte nach innen und deren offenes Bekenntnis nach außen." Der Historiker wirbt um Respekt gegenüber derjeweils anderen Kultur, um soziokulturelle Distanz abzubauen: "Rückzug auf ein bestimmtes Namengut der eigenen Tradition kann Zeichen der Selbstausgrenzung sein. Es ist aber auch durchaus möglich, dass der Name Mohammed zur Ausdrucksform eines Euro-Islam im Sinne Bassam Tibis wird, der eine interkulturelle Verbindung europäischer und islamischer Traditionen postuliert."

Namengebung ist also keineswegs eine theoretische Fragestellung für Wissenschaftler verschiedener Partnerdisziplinen, sondern ein sehr aktuelles Thema. Das zeigt nicht zuletzt das große Interesse an Vornamenbüchern und Internetforen, deren Beobachtung Michael Mitterauer ebenfalls in dieses, in vielerlei Hinsicht interessante, Werk einbezogen hat.