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Nordico (Hg.): Im Garten#

Bild 'Garten'

Im Garten. Lebensräume zwischen Sehnsucht und Experiment. Mit Beiträgen von Andrea Bina, Magnus Hofmüller, Karin Standler. Herausgeber: Nordico Stadtmuseum, Linz. Verlag Pustet, Salzburg 2011. 176 S. 18 €

"Für den Erleuchteten ist jeder Ort das Paradies, der Normalsterbliche sucht sein Paradies im Garten", sagt ein japanisches Sprichwort. Gärten als "Lebensräume zwischen Sehnsucht und Experiment" sind der Inhalt einer Publikation des Linzer Stadtmuseums. 2011 hat das "Nordico" eine Ausstellung dazu veranstaltet und auf dem Vorplatz eine "Gartenmaschine" als weithin sichtbares Signal platziert. Möglichst viele Menschen sollten angeregt werden, über den Umgang mit der Natur nachzudenken. Dass Gärten seit jeher Künstler/innen faszinieren und zu Werken inspirierten, zeigen alte und moderne Bilder und Objekte, sowohl in der Schau als auch im Buch.

Der reich illustrierte Band stellt zuerst die Frage "Was alles ist ein Garten ?" Die Publizistin Christine Schatz und die Landschaftsplanerin Karin Standler greifen die Metapher vom Paradies auf und zeigen neue Perspektiven: Gärten sind "ein Quell der Freude und des Vergnügens", "Orte der Kindheit und stumme Biographien voller Geschichten". "Gärten sind Arbeit" und sie haben viele Gesichter. Erstaunlich, was die Fotos dieses Kapitels alles zeigen: Renaissanceparks, eine Verkehrsinsel, Schrebergärten, Kunst im öffentlichen Raum, Hinterhöfe, winzige grüne Punkte zwischen Asphalt und Beton.

Gisela Steinlechner geht der "Sehnsucht nach dem Garten" nach. Die Kulturpublizistin folgt den Versprechungen und Widersprüchen des Paradies-Sinnbilds. Gärten tragen die Handschrift der Menschen, die sich um sie kümmern. " 'Ich bin Natur und tu, was ich will', ruft so manches 'naturbelassenes' Gärtchen trotzig über den Zaun, während in einem anderen Garten jedes verirrte Blatt und jeder aus der Reihe tanzende Blumenstängel sich verdächtig machen, die kunstvolle Harmonie zu stören." Treffend bezeichnete Jacopo Bonfadio, ein italienischer Humanist, im 16. Jahrhundert den Garten als "dritte Natur", neben der wilden ersten und der landwirtschaftlich genutzten zweiten.

Der amerikanische Landschaftsarchitekt Ken Smith gestaltete für die Ausstellung die Installation "Forbidden Fruit Apple Wall", indem er frische Äpfel in einem unregelmäßigen Muster an eine Wand applizierte. Christine Schatz und Karin Standler erläutern dieses Werk.

Eva Berger beschäftigt sich mit der "Linzer Vielfalt an historischen Gärten". Sie fand 18 zeittypische Parks, die - wenn auch verändert - bis heute bestehen, darunter Volksgarten, Bauernberganlagen und Park der Villa Fehrer. Illustrationen dazu finden sich nicht nur beim Text, sondern gleich am Beginn des Buches: Pöstlingberg, Restauration "Zum Paradiesgarten", alte Klostergärten etc.

Das Kapitel "Gartengespräche" vereint so unterschiedliche Gartenfans wie Künstler, Fischereimeister, Architekt, Koch, Kleingärtner und Biobauer. Diese Gespräche wurden auf Video aufgenommen. Weitere Interviews führten Christine Schatz und Karin Standler mit professionellen Gartengestaltern/innen. Die beiden Kuratorinnen haben sich auch mit der Gartengeschichte auseinandergesetzt und diese unter dem Titel "Ein Spaziergang durch Gartenwelten" zusammengefasst. Er beginnt im alten Ägypten, führt zum indischen Taj Mahal, in berühmte europäische Schlossparks und den New Yorker Cental Park.

Die Kunsthistorikerin Brigitte Reutner nennt ihren Beitrag "Botanische Erzählungen aus der Grafikmappe" und bietet reichlich Anschauungsmaterial. Dazu zählen neben historischen Aquarellen und zeitgenössischen Bildern die sensationellen Naturselbstdrucke, die Alois Auer von Welsbach 1853 herstellte und die Fotogravuren von Karl Blossfeld, der 1928 in Detailaufnahmen von Blüten und Samenständen "Urformen der Kunst" entdeckte.

Den Sammlungsbeständen des Nordico ist der Bildteil "Der Garten als Motiv in der Kunst" gewidmet. Hier findet man den biedermeierlichen "Traubendieb" (Johann Baptist Reiter) oder naturalistische Pflanzenportraits, die Leopold Zinnögger um 1850 in der Art Moritz Michael Daffingers malte, neben Emil Noldes "Maiwiese" (1915), Paul Klees "Riesenblattaus" (1920) und einer Reihe moderner Arbeiten.

Schließlich geht es um gegenwärtige Erfahrungen. Peter Zöch ("Der Garten und die weite Welt") bringt "Reflexionen zu 'best private plots', dem Thema Garten und landschaftsarchitektonischen Aufgaben". Hier wird deutlich, dass Gärten nicht nur ein grünes Paradies sind, sondern Gartenarchitekten sich auch mit Problemen wie Materialrecycling und Wassermanagement beschäftigen müssen. In "Standortfaktor Garten" macht sich der Kulturmanager Magnus Hofmüller über lokale Projekte, wie urbane Landwirtschaft, Gedanken. Wie diese in Chicago funktioniert, erzählt Kenn Dunn: "How to make a City Farm". Den Schlußpunkt setzt der Philosoph Harald Lemke mit "Gastropolis oder das Recht auf Städte aus Gärten". Dabei rekurriert er auf das "Guerilla Gardening" des Künstlers Joseph Beuys, der 1977 eigenhändig im Garten eines Berliner Galeristen Erdäpfel pflanzte. "Was vor nicht allzu langer Zeit mit kleinen, schrumpeligen Kartoffeln anfing … ist zu etwas herangewachsen, was das Zeug hat, vielleicht einmal richtig groß zu werden: die Gastropolis, Städte aus Gärten," schreibt Lemke.