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Leander Petzoldt: Magie#

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Leander Petzoldt: Magie. Weltbild, Praktiken, Rituale. Verlag C. H. Beck München 2011 (bsr 6015) 168 S., 45 Abb., € 13,40

Aberglaube oder Lebenshilfe ? Die Frage durchzieht wie ein roter Faden das Taschenbuch, das Leander Petzoldt, em. Univ. Prof. für europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck, dem unerschöpflichen Thema Magie widmet.

Der erste Abschnitt beleuchtet das magische Weltbild. Die Sympathie des Alls bestimmte das System magischer Prinzipien: Similia similibus (Gleiches bewirkt Gleiches), Contraria contrariis (Prinzip des Gegensatzes), Pars pro toto (Übertragungsmagie, ein Teil steht für das Ganze) und Imitatio (Nachahmung eines Vorganges). Jahrhundertelang stellte die Magia naturalis eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Magie dar. Seit Albertus Magnus (um 1200 - 1280) verbanden sie Gelehrte mit naturwissenschaftlichen Entdeckungen. Ebenso waren Religion und Zauberkünste seit jeher eng verknüpft. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass sich der religiöse Mensch der Gottheit anheimstellt, während ihr der Magie Ausübende seinen Willen aufzwingen will. Die Kirche suchte "heidnischen Aberglauben" auszurotten, indem sie vorchristliche Glaubensgestalten zu Dämonen erklärte. Andererseits wurden Heilige zu deren "Erben", wenn neuzeitliche Zauberbücher Sankt Gertrud, Christophorus und andere "gewissermaßen als Deckmantel für magische Zwecke benutzten".

Gertrudenbüchlein und Christoffelesgebete waren von der Kirche verpönt. Sie fallen in das Kapitel "Aberglaube und Volksglaube". Die ethnologische Forschung hat beide Begriffe kritisiert, ohne bisher bessere zu finden. De facto ist die "Magie im Alltag" weit verbreitet - und das, wie Leander Petzoldt einleitend feststellt, nicht in bildungsfernen Unterschichten, sondern bei einem signifikant hohen Anteil an Akademikern. Obwohl etwa die Lehren der Astrologie mehrfach schlagend widerlegt worden sind, finden sie immer noch zahlreiche Anhänger. Jeder vierte Deutsche glaubt daran und jeder zehnte lässt sich von Wahrsagungen ernstlich beeinflussen (Allensbach 2005). Hexenglaube und "magische Elemente in der narrativen Volkstradition" werden ebenfalls im zweiten Kapitel umfassend behandelt.

Der dritte Teil ist "Magische Praktiken und zauberische Rituale" übertitelt. Hier lernt man die Wahrsagekünste kennen, wobei eine Aufzählung - von Aeromantia (Vogelflug) bis Xylomantia (mit Holz) - die wichtigsten auflistet. Nicht minder umfangreich und aktuell ist das Angebot an Zauberbüchern, wie Illustrationen aus älteren und jüngst erschienenen Druckwerken zeigen. Der Ethnologe beschreibt Los- und Würfelbücher und zitiert die berühmte Sator-Formel. "Sie bewegt seit fast 2000 Jahren die Gemüter und hat immer wieder neue Deutungen erfahren … Manche halten sie für ein einfaches Palindrom (versus recurrens), das vor- und rückwärts gelesen werden kann … Das Kryptogramm fand sich auf Amuletten, auf heilkräftigem Gebäck, auf Zetteln, die man kranken Tieren eingab, und vor allem auf Tellern, die bei einer Feuersbrunst nach dreimaligem Umschreiten in die Flammen geworfen wurden, um diese zu löschen." Die Frage nach dem Sinn der Worte (Sator arepo tenet opera rotas) blieb bis heute unbeantwortet.

Das vierte Kapitel behandelt "Magie und Zauberei in biblischer Zeit", das fünfte "Magier und Scholaren". Leander Petzoldt schreibt: "Die magische Subkultur unserer Zeit nährt sich demnach keineswegs aus 'uralter Volksüberlieferung', sondern sie entstammt vorwiegend gelehrten klerikalen Kreisen, die ein Wissen weitergaben, das zum Teil bis in die Antike zurückreicht." Schließlich verweist der Autor auf die Wirkung bei self-fulfilling prophecies und Placeboeffekten, "… bei denen vielfach allein der Glaube an eine Heilung hilft, um tatsächlich geheilt zu werden. In solchen Fällen mag der Besuch bei einem Heiler die Betroffenen in ihrem Glauben bestärken und ihnen 'Lebenshilfe' bieten. Aber für eine dauerhafte Lebensbewältigung ist Magie sicherlich kein hinreichendes Mittel."