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Gabriele Praschl-Bichler: Affenhaube, Schellentracht und Wendeschuh#

Bild 'Praschl'

Gabriele Praschl-Bichler: Affenhaube, Schellentracht und Wendeschuh. Kleidung und Mode im Mittelalter. Herbig-Verlag, München 2011. 216 S. mit 140 farbigen Abb. € 23,70

Mittelalterliches ist "in". Das ein Jahrtausend währende Zeitalter zwischen 500 und 1500 n. Chr. gilt geradezu als Trend-Epoche. Allein in Deutschland finden alljährlich 1000 Mittelalterfeste und -märkte statt, die 240 Mio. € Gewinn erwirtschaften. Angehörige der - auch in Österreich wachsenden - Szene scheuen keine Mühen und Kosten, sich zu kleiden, zu kochen, zu essen und zu musizieren, so wie sie sich das Mittelalter vorstellen.

Wenn Gabriele Praschl-Pichler ein Buch über Mode im Mittelalter schreibt, liegt sie im Trend, betritt aber doch Neuland. Bisher hat sich die studierte Kunsthistorikerin mit Publikationen über die Habsburger oder "Alltag im Barock" als Autorin einen Namen gemacht. Im einleitenden Kapitel "Faszination Mittelalter" weist sie darauf hin, "dass es - vor allem aufgrund der lange dauernden und weit zurückliegenden Epoche - beinahe unmöglich ist, irgendein Gebiet des Alltags vollständig aufzuarbeiten. Zwischen dem, was wir kennen, und dem was es gegeben hat, klafft eine riesige Wissenslücke." Trotzdem wagt sie sich über das Thema und "versucht, nicht nur Information wiederzugeben, sondern auch unterhaltsam zu erzählen. "

Das Unterhaltsame beginnt schon beim ursprünglichen Wunschtitel der Autorin. "Gugeln, Fucken und Kotzen" hätte er gelautet, womit seinerzeit anständige Kleidungsstücke gemeint waren. Auch "Affenhaube, Schellentracht und Wendeschuh" klingt kurios. Doch zum Glück für alle Leser, die sich nicht nur unterhalten, sondern auch informieren lassen wollen, bleibt es nicht beim Skurrilen. Ein Dutzend Kapitel gliedert den umfangreichen Stoff.

Da geht es einmal um die Zweischichtenkleidung, die von den Römern übernommene Tunika als Untergewand und die darüber getragene Cotte", aus der sich Kutte und Kittel entwickelten. Bis zur ersten Jahrtausendwende bildete die Tunika die Basis der Garderobe beider Geschlechter, wobei die Frauenkleidung länger war. Trotz aller Schlichtheit verstanden es die höheren Stände, durch teure Stoffe luxuriöse Effekte zu erzielen. Hier zeichnet sich ab, was sich wie ein roter Faden durch die weitere Entwicklung zieht: "In Bezug auf Stoffmenge und Farben gab es zahlreiche Verordnungen: So waren Bauern ab dem 12. Jahrhundert nur naturfarbene, blaue oder graublaue Überkleider erlaubt, während die Tuniken der oberen Bevölkerungsschichten farbenfroh sein durften."

Über die Kleiderpracht der oberen Bevölkerungsschichten verraten Bilder, Tafelmalereien, Handschriften, Heiligendarstellungen relativ viel. Manchmal sind Originale - wie der Krönungsmantel König Rogers von Sizilien aus dem 12. Jahrhundert - erhalten. Bauern und arme Leute trugen ihr Gewand, bis es buchstäblich zerfiel. Zwar wurden auch sie bei der Arbeit abgebildet, aber weniger detailreich. Unterwäsche und Nachtbekleidung, die sie im 2. Kapitel beschreibt, nennt die Autorin "ein interessantes, allerdings recht dürftig aufgearbeitetes Gebiet", findet aber doch viel Erzählenswertes über Bruchen (Männerunterhosen) und die Figur betonende Frauen-Unterhemden.

Der Herrenmode, von den Beinlingen bis zur "modernen" Hose, ist das 3. Kapitel gewidmet, der "Unter-Darüber-Ober-Überbekleidung" das 4. Die etwas verwirrenden Bezeichnungen der Einzelteile, aus denen sich die mittelalterliche Kleidung zusammensetzte, werden konkret beim Betrachten der Bildbeispiele. Meist aus den Schätzen des Salzburg Museums ausgewählt, sind sie sehr aufschlussreich. Manche Details kommen mehrfach vor, um den Blick zu schärfen und das Verständnis zu erleichtern. Hier ist auch der Platz, das Layout (von Wolfgang Heinzel) zu loben.

Besondere Beachtung verdient die Entwicklungsgeschichte der Mäntel, vom rechteckigen Tuch zum kreisförmigen Schnitt, die eigentlich keine Mäntel waren, sondern Umhänge. Vom Fürstenkleid bis zum Bauernkittel reicht die Kollektion im nächsten Abschnitt. Hier finden sich adelige Roben, Beamtenkleidung, Reise- und Schutzbekleidung, Brauttracht und Trauergewand ebenso wie die härenen Hemden der Büßer und die Narrentracht, gefolgt von einer Betrachtung "Von der Panzerrüstung zur Uniform". Weiter geht es mit Accessoires und Schmuck, bei denen die Grenze zwischen Funktion und Dekoration häufig eine fließende war.

"Ein unerschöpfliches Kapitel mittelalterlicher Kreativität" bildeten die Kopfbedeckungen, wobei die Herren nicht weniger einfallsreich waren, als die Damen. Allein die Variationen der Gugel, "ein kapuzenartiges Kleidungsstück mit meist unendlich langem Zipfel am Hinterkopf", das man auch mit der Gesichtsöffnung nach oben und dem Schweif als Schal tragen konnte, sind amüsant. Hingegen war der Schleier, später die Haube, verheirateter Frauen "eine demutsvolle Geste" - bei Nonnen bis in die jüngste Gegenwart - Zeichen des Verzichts und Rückzugs.

Gegen all die Mützen, Hauben und "Gebende" ist die Fußbekleidung "ein bescheidenes Kapitel Kulturgeschichte". Die meisten Menschen gingen barfuß oder trugen Holzpantoffel, doch wer es sich leisten konnte, machte vor Modetorheiten nicht Halt. Ein klassisches Beispiel sind die Schnabelschuhe, die bei Prinzen bis 80 cm lang sein konnten.

Die letzten Kapitel sind besonders informativ. "Über Schnitte und Kleiderkunst" erfährt man, dass zur Zeit der Hochblüte höfischer Kultur Schneider (für die Oberschichten) tätig waren. Sobald die Kleider der Form des Körpers folgten und nicht mehr sackartig an ihm herunterhingen, schlug die Stunde der Mode. Schnitte und Muster wurden immer raffinierter. Wertvolle Materialien wie Samt, Seide und golddurchwirkte Stoffe kamen aus dem Orient. Um den Luxus auf ihresgleichen zu beschränken, erließen die Herrscher ab dem 13. Jahrhundert Kleiderordnungen. Aus Wien ist eine solche aus dem 15. Jahrhundert erhalten, die sich mit der standesgemäßen Verwendung der Stoffe und Farben beschäftigt. Der Anhang umfasst u. a. Anmerkungen und Literaturangaben. Das abschließende Begriffsverzeichnis dient nicht nur als Register, sondern bietet auch eine Kurzbeschreibung der einzelnen Bezeichnungen und lüftet das Geheimnis der "Affenhaube".