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Robert Sedlaczek: Wörterbuch des Wienerischen#

Bild 'Wienerisch'

Robert Sedlaczek: Wörterbuch des Wienerischen. In Zusammenarbeit mit Melita Sedlaczek. Haymon Verlag Innsbruck - Wien 2011. 320 S., € 12,95

Noch ist kein halbes Jahr seit dem Erscheinen des "Wörterbuchs der Alltagssprache Österreichs" vergangen, schon melden sich Robert und Melita Sedlaczek mit einem neuen Band zu Wort, dem "Wörterbuch des Wienerischen". Es zeigt die gleiche Ausstattung. Handliches Taschenbuchformat, stattlicher Umfang. Die Ecken der 320 Seiten sind wieder abgerundet. So können keine Eselsohren entstehen, wenn man das Buch - was zu erwarten ist ! - häufig verwendet. Wieder ersetzen die Autoren das klassische Vorwort durch ein fingiertes Interview.

Die erste Frage liegt auf der Hand: "Wie geht es dem Wienerischen ? Müssen wir uns Sorgen machen ?" Robert Sedlaczek bejaht sie: "Das Wienerische befindet sich auf dem Rückzug." Melita Sedlaczek würde die Note "Sehr gut" vergeben, wenn jemand die Hälfte der angeführten Beispiele kennt. Die Autoren haben beobachtet, dass viele Ausdrücke, die ihren Großeltern geläufig waren, nicht mehr verstanden werden. Daher sehen sie ihr Werk als "Buch gegen das Vergessen". Sie widmen es der legendären Germanistikprofessorin Maria Hornung (1920-2010). Ihr 1998 erschienenes "Wörterbuch der Wiener Mundart" nennen sie einen Meilenstein der Dialektforschung. Zu den Vokabeln, die allmählich in Vergessenheit geraten, zählen viele aus dem Schmelztiegel der Donaumonarchie, wie die Maschekseite (ungarisch másik = andere) für "von hinten herum" oder Mezzie (jiddisch mezie = Fund) für einen günstigen Kauf, den man heutzutage überregional Schnäppchen nennt.

Andererseits entsteht Neues wie "Guckidrucki". Das klingt doch netter für eine automatische Digitalkamera als "Idiotika" (nicht im Wörterbuch). Doch üblichweise verschont die Mundart nichts und niemanden mit ihrem spöttischen Witz. "Die frauenfeindlichen Ausdrücke sind in der Überzahl". Viele Neuzugänge kommen aus dem Bikerjargon, wie Armaturenschlecker (sportliches Motorrad) oder aus der Jugendsprache. Aus dem Kracher (= Greis; Knallkörper) ist der Szenename "Krocha" geworden und "einekrochen" heißt was so viel "eine Disko betreten, Spaß haben".

Die Autoren machen ihre Wortfunde bei alten Wienerliedern, ebenso wie beim Austropop, Fernsehsendungen und in Zeitungen. Bei der Aktion "Sprechen Sie Wienerisch!" des ORF Landesstudios Wien sollten die Hörer Mundartausdrücke bekanntgeben. Sie zeigten sich "großzügig, wenn es darum geht, was zum Wienerischen gehört." Viele gesamtdeutsche Vokabel wurden genannt. So gibt es auch im vorliegenden Wörterbuch etliche Überschneidungen mit dem der österreichischen Alltagssprache, aber weniger, als man meinen möchte.

Was sehen die Autoren als typisch für das Wienerische an ? Die häufige Wortbildung mit der Vorsilbe Ge- (z.B. Gstätten), Feminina, die schon in der Einzahl ein -n haben (z.B. Ratschen) und die Verkleinerungsform mit -rl. Wobei diese Verkleinerung gar keine ist: "Ein Weinderl ist nicht ein kleiner, sondern ein 'großer Wein' - wie die Weinkenner sagen." Allerdings ist Wienerisches Hören einfacher als Wienerisches lesen. Man muss ein Gefühl für die Melodie dieser Sprache entwickeln, die in einem Wienerlied als "süße, weiche, melodienreiche, harbe, laute" gepriesen wird. Dass es aber vielleicht doch gar nicht so schlecht um sie steht, zeigt die Verwendung in Qualitätszeitungen und bei vielen Bildungsbürgern. Farbtupfer für die einen, ein Sprachcode, der ihnen fremd ist, für die anderen. Auswahl von "aa" (auch, wirklich, allen Ernstes) bis "Zwutschkerl" (kleines Kind) bietet dieses Wörterbuch "a Massa" (eine große Menge).